{"id":971,"date":"2010-09-09T17:15:25","date_gmt":"2010-09-09T15:15:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.juliane-wiedemeier.de\/?p=971"},"modified":"2014-01-02T12:19:07","modified_gmt":"2014-01-02T11:19:07","slug":"ein-neues-elektropolis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/?p=971","title":{"rendered":"Ein neues Elektropolis?"},"content":{"rendered":"<p><em>(zitty vom 9. September 2010)<\/em><\/p>\n<p>Wenn Schulklassen die Stahlseilfabrik in Alt-Reinickendorf besuchen, machen die Kinder meistens entt\u00e4uschte Gesichter. Irgendwie haben sie sich so eine Fabrik, in der futuristische Kletterger\u00fcste f\u00fcr ihre Spielpl\u00e4tze hergestellt werden, wohl etwas spannender vorgestellt. Aber die Arbeiter tragen weder bunte Zipfelm\u00fctzen noch lustige Clownsnasen, und die Maschinen sind auch nicht aus Schokolade und M\u00e4usespeck. Die bunten Ger\u00e4te, die auf Schulh\u00f6fen und Spielpl\u00e4tzen von New York bis Singapur stehen, werden von M\u00e4nnern in blauen Latzhosen in schlichten Fabrikhallen gefertigt. Wie langweilig.<\/p>\n<p>Langweilig, aber erfolgreich. Die Fabrik in Alt-Reinickendorf gibt es schon seit 1865. Einst wurden dort dicke Stahlseile f\u00fcr Aufz\u00fcge hergestellt, dann stellte man die Produktion um. \u201eWir waren die ersten, die sich Anfang der 1970er Jahre an dem Bau dreidimensionaler Kletterger\u00fcste versucht haben\u201c, sagt Jens Zumblick, der kaufm\u00e4nnische Leiter. \u201eMittlerweile sind wir Weltmarktf\u00fchrer.\u201c<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Eigentlich ist die Erfolgsstory dieser Stahlseilfabrik untypisch f\u00fcr Berlin: ein industrieller Betrieb, noch dazu international erfolgreich. Die Stadt gilt heute als kreative Dienstleistungsmetropole und als nahezu deindustrialisiert. Das will Wirtschaftssenator Harald Wolf nun \u00e4ndern. Gemeinsam mit 14 weiteren Akteuren aus Politik, Wirtschaft und Gewerkschaften gr\u00fcndete er ein Netzwerk, das mit einem\u00a0 \u201eMasterplan Industriestadt Berlin 2010 \u2013 2020\u201c weitere Industrieunternehmen an den Standort Berlin locken will. Schlie\u00dflich verdankt die Stadt der Industrialisierung ihren Aufstieg zur Metropole. Hier baute August Borsing seine Lokomotiven, durch die Firmenansiedlungen von Siemens und AEG bekam Berlin einst den Beinamen \u201eElektropolis\u201c verpasst. Doch das ist lange her.<\/p>\n<p>Die Bombenn\u00e4chte des Zweiten Weltkriegs und die industrielle Demontage durch die Besatzungsm\u00e4chte setzten dem florierenden Industrieboom ein drastisches Ende. Nur 25 Prozent der Maschinen f\u00fcr die industrielle Fertigung \u00fcberstanden Krieg- und Nachkriegszeit.<em> <\/em>Mit dem Mauerbau schlie\u00dflich setzten sich die Konzernzentralen der gro\u00dfen Firmen Richtung Westdeutschland ab. Ost-Berlin wurde derweil zu einer Verwaltungshochburg. Die Industrie verlagerte sich ins Umland, die zur\u00fcckgebliebenen Betriebe verharrten mit veralteter Technik.<\/p>\n<p>Um den Industrie-Standort nun wieder aufleben zu lassen, hat das Netzwerk vier Kernprobleme samt L\u00f6sungsvorschl\u00e4gen herausgearbeitet. Erstens sind einheitliche Ansprechpartner f\u00fcr Unternehmen geplant, die sich in der Stadt ansiedeln und Wirtschaftsf\u00f6rderung nutzen wollen. Bislang musste man sich umst\u00e4ndlich durch die Beh\u00f6rden von Land und Bezirk telefonieren. Zweitens sollen Unternehmen in Zukunft direkt von den vielen Forschungsergebnissen, die in Berlin erzielt werden, profitieren. Wer seine Forschungsergebnisse nicht einer anderen Firma verkaufen will, dem wird geholfen, eine eigne zu gr\u00fcnden.<\/p>\n<p>Um dem Fachkr\u00e4ftemangel entgegenzuwirken, soll drittens der Kontakt zwischen Unternehmern und Absolventen intensiviert werden. Bislang kommen junge Menschen zum Studieren nach Berlin und ziehen, gut ausgebildet, zum Arbeiten nach Westdeutschland. Viertens schlie\u00dflich geht es darum, Berlins Image als arme Kreativhauptstadt aufzupolieren. Die dazugeh\u00f6rige Werbekampagne l\u00e4uft gerade an.<\/p>\n<p>Als Standortvorteile hat das Netzwerk neben zahlreichen wissenschaftlichen Einrichtungen au\u00dferdem die gute Infrastruktur sowie die viele Freifl\u00e4chen erkannt. \u201eEs ist unsere zentrale Aufgabe, die Standortbedingungen optimal zu gestalten und offensiv zu vermarkten\u201c, so Wirtschafssenator Wolf. Beispielhaft daf\u00fcr soll die Umwandlung des Flughafens Tegel zu einem Industriepark voraussichtlich ab 2012 sein.<\/p>\n<p>Bereits heute gibt es Beispiele daf\u00fcr, dass Berlin und Industrie durchaus zusammenpassen. So ist Siemens ist mit 12.500 Besch\u00e4ftigten einer der gr\u00f6\u00dften Arbeitgeber der Stadt. Auch BMW l\u00e4sst seit 40 Jahren in seinem Werk in Spandau von 2.000 Mitarbeitern alle seine Motorr\u00e4der bauen. Zudem gibt es neben diesen gro\u00dfen Firmen fast 400 klein- und mittelst\u00e4ndische Industriebetriebe, die wie die Seilfabrik in Alt-Reinickendorf nahezu unbekannt sind, aber erfolgreich arbeiten. Der Berliner Senat m\u00f6chte daraus gerne ein Erfolgsrezept machen: Statt einiger gro\u00dfer Unternehmen wie im 19. Jahrhundert sollen viele kleine f\u00fcr Wirtschaftswachstum sorgen.<\/p>\n<p>Dass dieses Konzept aufgehen k\u00f6nnte, kann man im Wissenschafts- und Technologiepark in Berlin-Adlershof sehen, der heute als Vorzeigeprojekt der Stadt gilt. Auf 4,2 Quadratkilometern finden sich dort \u00fcber 800 Firmen, darunter 50 Weltmarktf\u00fchrer &#8211; meist in Bereichen, von deren Existenz man bislang nicht einmal etwas geahnt hat. Produziert werden etwa Zentrifugen, mit denen man die Haltbarkeit fl\u00fcssigen Make-ups testen kann, oder akustische Kameras, die L\u00e4rm bildlich darstellen. Mit dreckigen Fabrikhallen, rauchenden Schloten und Massenproduktion am Flie\u00dfband hat die Fertigung in Adlershof jedoch nichts mehr gemeinsam. Diese Art der Produktion ist l\u00e4ngst nach China ausgelagert.<\/p>\n<p>Zwanzig Jahre und 1,7 Milliarden Euro an Investitionen hat Adlershof gebraucht, um erfolgreich zu werden. Mittlerweile tragen die Firmen aus dem Park eine Milliarde Euro zum Berliner Bruttoinlandsprodukt bei, das im vergangenen Jahr bei 90 Milliarden Euro lag. \u201eWichtig war, dass man uns Zeit gegeben und uns aus dem Schussfeld der Legislaturperioden herausgehalten hat\u201c, sagt Peter Strunk, Sprecher der Betreibergesellschaft des Parks, der Wista Management GmbH. Einen \u00e4hnlichen Durchhaltewillen wird auch das Netzwerk Industriepolitik f\u00fcr die Umwandlung des Flughafens Tegel brauchen.<\/p>\n<p>Ob das Erfolgsrezept von Adlershof auch an anderen Standorten funktioniert, wird sich zeigen. Mehrere Studien bescheinigen Berlin grunds\u00e4tzlich Wachstumspotential. Eine davon stammt von der Unternehmensberatung McKinsey, die die Stadt als Zentrum f\u00fcr Elektromobilit\u00e4t sieht. Eine weitere wurde vom Deutschen Institut f\u00fcr Wirtschaftsforschung (DIW) erstellt, in der die Medizin- und Verkehrssystemtechnik als m\u00f6gliche Wachstumspole genannt werden. \u201eWichtig ist, dass die Politik konkrete Kompetenzfelder f\u00f6rdert und nicht nach dem Gie\u00dfkannenprinzip vorgeht\u201c, warnt Kurt Geppert, einer der Autoren der DIW-Studie. \u201eEin Ballungsraum wie Berlin ist aber heutzutage l\u00e4ngst kein Ort f\u00fcr mehr f\u00fcr Massenproduktion\u201c, f\u00fcgt er hinzu. \u201eDienstleistungen werden der wirtschaftliche Schwerpunkt bleiben.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Berlin als Industriestadt? Das hat es doch seit siebzig Jahren nicht mehr gegeben. Jetzt m\u00f6chte der Senat wieder an alte Erfolge ankn\u00fcpfen. Ein paar erfolgreiche Unternehmen hat die Stadt sogar schon, hidden champions genannt.  (zitty vom 9. September 2010)<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[5],"tags":[],"class_list":["post-971","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-texte"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/971","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=971"}],"version-history":[{"count":10,"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/971\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2699,"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/971\/revisions\/2699"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=971"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=971"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=971"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}