{"id":958,"date":"2010-09-08T09:49:52","date_gmt":"2010-09-08T07:49:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.juliane-wiedemeier.de\/?p=958"},"modified":"2014-01-02T12:19:23","modified_gmt":"2014-01-02T11:19:23","slug":"alte-kleider-machen-leute","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/?p=958","title":{"rendered":"Alte Kleider machen Leute"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: left;\"><em>(taz vom 8. September 2010)<\/em><\/p>\n<p>Ein alter Badezimmervorleger hat es nicht mehr bis in den Container geschafft. Von zahlreichen Fu\u00dfabdr\u00fccken bedeckt liegt er vor dem v\u00f6llig \u00fcberf\u00fcllten Altkleiderbeh\u00e4lter. Verbeulte Trainingshosen, verblichene T-Shirts, aber auch ein historisch anmutendes Kleid quellen aus der Einwurf\u00f6ffnung. Hier hatte es jemand eilig, seine alten Kleider loszuwerden, obwohl der n\u00e4chste Container gleich um die Ecke steht.<\/p>\n<p>&#8222;In den letzten zwei Jahren hat der Wettbewerb im Handel mit Altkleidern stark zugenommen&#8220;, sagt Roland Strasser, der die Containersammlung f\u00fcr das Deutsche Rote Kreuz (DRK) koordiniert. Berlin sei mittlerweile v\u00f6llig zugestellt. &#8222;Es vergeht kein Monat, an dem nicht einer unserer Fahrer Container eines neuen Unternehmens entdeckt.&#8220;<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Seit 50 Jahren sammelt das DRK alte Kleidung f\u00fcr den guten Zweck. Alles, was nicht v\u00f6llig aus der Mode gekommen oder zerrissen ist, landet \u00fcber die Kleiderkammern bei Bed\u00fcrftigen. F\u00fcr etwa die H\u00e4lfte des gesammelten Materials bleibt nur der Weg \u00fcber die Rei\u00dferei zur Weiterverarbeitung zu L\u00e4rmschutzmatten oder Stra\u00dfenbelag. &#8222;Mit dem Gewinn finanzieren wir die Mitarbeiter und Mieten f\u00fcr unsere vier Jugendl\u00e4den&#8220;, sagt DRK-Sprecher R\u00fcdiger Kunz. &#8222;Alles, was in Berlin gesammelt wird, kommt direkt oder indirekt den Berlinern zugute.&#8220;<\/p>\n<p>Mit diesem Konzept ist das DRK jedoch eine Ausnahme, denn mit abgetragenen Kleidern l\u00e4sst sich sehr viel Geld verdienen. L\u00e4ngst ist aus der Sammlung f\u00fcr den wohlt\u00e4tigen Zweck eine gewerbliche Branche geworden, in der sich zunehmend Firmen tummeln, die unter dem Deckmantel eines karitativen Engagements vor allem in die eigene Tasche wirtschaften.<\/p>\n<p>Etwa 200 Altkleidercontainer hat etwa die Firma Mettex Altkleidersammlung in Berlin aufgestellt. &#8222;Wir unterst\u00fctzen das Kinder- und Jugendzentrum Schalasch-Ost&#8220; steht auf den Sammelbeh\u00e4ltern &#8211; und Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer Adnan Metin sagt: &#8222;30 Prozent unseres Gewinns werden an das Marzahner Jugendzentrum gespendet.&#8220; Was wirklich dort ankommt, erf\u00e4hrt man auf Nachfrage im Zentrum: &#8222;Seit Anfang des Jahres erhalten wir jeden Monat 100 Euro; zweimal gab es auch Sachspenden&#8220;, sagt eine Mitarbeiterin. Die entsprechende R\u00fcckfrage, ob demnach 1.200 Euro 30 Prozent des Jahresgewinns ausmachten, bleibt unbeantwortet.<\/p>\n<p>Wesentlich spendabler zeigt sich die Firma Narg\u00fcl, die mit der Unterst\u00fctzung der Kinderk\u00fcche des Familienschutzwerks f\u00fcr die Kleiderentsorgung in ihren Containern wirbt. &#8222;Jeden Monat bekommen wir 750 Euro und manchmal auch Sachspenden&#8220;, sagt Vereinsvorsitzender Phil Schneider. &#8222;Zudem ist unser Logo ist auf Containern in ganz Berlin zu sehen; das ist auch eine super Werbung.&#8220;<\/p>\n<p>Wie gro\u00df der Anteil am Gewinn ist, der dem guten Zweck zugutekommt, ist jedoch nicht herauszufinden. Der Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer Alaittin Narg\u00fcl ist telefonisch nicht erreichbar; daf\u00fcr meldet sich einer seiner Fahrer auf die Anfrage zur\u00fcck und best\u00e4tigt die Angaben des Familienschutzwerks. &#8222;Wir haben etwa 200 Container in Berlin, und ich bin jeden Tag unterwegs, um sie zu leeren&#8220;, sagt er.<\/p>\n<p>Insgesamt werde mit der Sammlung von Altkleidern viel Schmu getrieben, meint Andreas Voget, Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer des Dachverbandes FairWertung. Dieser hat sich vor 16 Jahren gegr\u00fcndet, als sich Organisationen wie Oxfam, Caritas und Diakonie zusammenschlossen, um ein Qualit\u00e4tssiegel in dem Bereich zu etablieren. &#8222;Mitglied bei uns kann nur werden, wer ausschlie\u00dflich gemeinn\u00fctzig arbeitet und transparent macht, was mit der Kleidung passiert und wer profitiert&#8220;, so Voget.<\/p>\n<p>Ein besonderer Dorn im Auge ist ihm der Logoverkauf, bei dem karitative Organisationen einem Unternehmen ihr Logo zur Verf\u00fcgung stellen, aber mit der Sammlung nichts zu tun haben. &#8222;Das ist eine Irref\u00fchrung des Verbrauchers, der glaubt, f\u00fcr den guten Zweck zu spenden, f\u00fcr den nur ein Anteil des Gewinns abf\u00e4llt&#8220;, sagt Voget. So stellt etwa das Kinderhilfswerk der Firma Bera-Textilrecycling sein Logo gegen eine Lizenzgeb\u00fchr zur Verf\u00fcgung, zu deren H\u00f6he man sich nicht \u00e4u\u00dfert.<\/p>\n<p>In der Kritik steht auch der Verein Humana People to People, der in Berlin 500 Container und zehn L\u00e4den betreibt, in denen das Gesammelte verkauft wird. &#8222;Wir schicken das in Deutschland eingenommene Geld sowie Second-Hand-Kleidung nach Afrika&#8220;, sagt Karel Dahne, Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer der Kleidersammlung. Der Berliner Entwicklungspolitische Ratschlag (Ber) behauptet dagegen, nur ein kleiner Teil des Gewinns aus dem Altkleidergesch\u00e4ft lande bei Bed\u00fcrftigen. &#8222;Im Jahr 2004 sind nur 57.000 Euro aus Deutschland nach Afrika \u00fcberwiesen worden&#8220;, sagt Ber-Koordinator Alexander Schudy. Das k\u00f6nne nicht der komplette Jahresgewinn von Humana in Deutschland sein. Auch andere Organisationen \u00e4u\u00dfern sich skeptisch gegen\u00fcber Humana, wollen sich jedoch nicht zitieren lassen. Das Siegel des Deutschen Zentralinstituts f\u00fcr soziale Fragen, auch Spenden-T\u00dcV genannt, hat Humana zumindest bislang nicht erhalten.<\/p>\n<p>Wie viele Container insgesamt auf Berliner Stra\u00dfen stehen, ist schwer zu ermitteln. Zwar bedarf es f\u00fcr die Aufstellung auf \u00f6ffentlichem Grund eine Sondernutzungsgenehmigung der Bezirke, doch die wird l\u00e4ngst nicht immer eingeholt. &#8222;Illegale Container sind ein gro\u00dfes Problem&#8220;, sagt Uwe St\u00e4glin (SPD), Baustadtrat in Steglitz-Zehlendorf. Selbst wenn diese entdeckt und gemeldet worden seien, k\u00f6nnten die \u00dcbelt\u00e4ter nur schwer dingfest gemacht werden. &#8222;Sie sind nicht erreichbar oder rufen nicht zur\u00fcck &#8211; das ist keine Unwissenheit, das hat System.&#8220;<\/p>\n<p>Nur 29 Altkleidercontainer sind derzeit in Steglitz-Zehlendorf genehmigt; in Pankow sind es laut Bezirksstadtrat Martin Federlein (CDU) sogar nur 7. Anders als sein Kollege mag Federlein jedoch die \u00dcberforderung seines Bezirks bei der Kontrolle nicht zugeben. &#8222;Alle weiteren Container stehen auf Privatgrundst\u00fccken&#8220;, meint er &#8211; eine Behauptung, die schon einem kurzen Spaziergang durch den Bezirk nicht standh\u00e4lt: Drei Container stehen allein am Helmholtzplatz, einer an der Stubbenkammerstra\u00dfe, Ecke Senefelderstra\u00dfe, ein weiterer in der Dunckerstra\u00dfe &#8211; alle auf B\u00fcrgersteigen und Stra\u00dfen und somit eindeutig im \u00f6ffentlichem Raum.<\/p>\n<p>Offensichtlich haben die unter Personalmangel leidenden Bezirke dem Wildwuchs der Altkleidercontainer wenig entgegenzusetzen. Damit dulden sie nicht nur ein teilweise zwielichtiges Gewerbe, sondern auch die Verschandelung des Stra\u00dfenbildes bis hin zur Blockierung von Durchg\u00e4ngen. Dazu kommen Probleme mit Vandalismus. &#8222;Etwa ein Drittel unserer Container werden jedes Jahr Opfer von blinder Zerst\u00f6rungswut, allein 30 brennen aus&#8220;, sagt Strasser vom DRK.<\/p>\n<p>Wer sichergehen will, dass seine Sachen in die richtigen H\u00e4nde geraten, dem r\u00e4t der Dachverband FairWertung, sie nicht in einen Container zu werfen, sondern in einer Annahmestelle direkt abzugeben. &#8222;Dort wird gleich gepr\u00fcft, ob die Kleidung weiterverwertet werden kann, und man kann sich erkundigen, was genau mit ihr geschieht&#8220;, sagt Voget. Die Zeit, in denen jeder Gang zum Altkleidercontainer eine gute Tat war, sei vorbei.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit der Verwertung von Altkleidern kann man viel Geld verdienen. Darum arbeiten zahlreiche Unternehmen unter Vort\u00e4uschung eines wohlt\u00e4tigen Zwecks vor allem in die eigene Tasche &#8211; sehr zum \u00c4rger der wirklich karikativen Organisationen. (taz vom 8. September 2010)<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[5],"tags":[],"class_list":["post-958","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-texte"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/958","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=958"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/958\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2701,"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/958\/revisions\/2701"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=958"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=958"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=958"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}