{"id":955,"date":"2010-09-04T09:26:05","date_gmt":"2010-09-04T07:26:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.juliane-wiedemeier.de\/?p=955"},"modified":"2014-01-02T12:20:05","modified_gmt":"2014-01-02T11:20:05","slug":"yalcindags-revier","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/?p=955","title":{"rendered":"Yalcindags Revier"},"content":{"rendered":"<p><em>(taz vom 4. September 2010)<\/em><\/p>\n<p>Der schwere Gel\u00e4ndewagen schwankt bedenklich, w\u00e4hrend er \u00fcber das Feld rumpelt. Dazu kommt das laute Geratter, wenn der abgem\u00e4hte Raps gegen den Unterboden knallt. Doch die beiden Adligen im Kofferraum bleiben gelassen &#8211; Graf von der Wartelsh\u00f6he und Utz von der Ebersh\u00f6he sind eben ausgesprochen gut erzogen. &#8222;Der Hund ist ein Spiegel des J\u00e4gers&#8220;, erkl\u00e4rt Erdem Yalcindag. Disziplinlosigkeit kann man Berlins erstem t\u00fcrkischen J\u00e4ger demnach nicht vorwerfen.<\/p>\n<p>Wie an fast jedem Abend ist Yalcindag auf dem Weg zur Jagd. Seit Mai dieses Jahres hat er zwischen Wa\u00dfmannsdorf und Gro\u00dfziethen, unweit des Flughafens Sch\u00f6nefeld, sein eigenes Revier. Tags\u00fcber verkauft er an der Neuk\u00f6llner Sonnenallee D\u00f6ner in seinem Bistro, wie er es nennt. Abends f\u00e4hrt er mit den Hunden raus. &#8222;Meine Frau ist ein bisschen b\u00f6se deswegen&#8220;, sagt der 56-J\u00e4hrige. &#8222;Aber ich brauche meine Ruhe. Handy aus, allein mit den Hundis sein, das mag ich.&#8220;<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Aufgewachsen ist Yalcindag im westt\u00fcrkischen Emet. Schon als Elfj\u00e4hriger begann er dort mit dem Jagen. &#8222;Man beantwortet ein paar Fragen, schon hat man den Jagdschein&#8220;, erkl\u00e4rt er. In Deutschland werde der jedoch nicht anerkannt.<\/p>\n<p>Im Jahr 1982 kam er nach Berlin, er\u00f6ffnete seinen Imbiss, bekam zwei S\u00f6hne. Ausgelastet f\u00fchlte Yalcindag sich nicht. So wurde er Amateurfunker, machte Kampfsport und einen Tauchschein, und vor sechs Jahren dann auch endlich den deutschen Jagdschein. Einen dreiw\u00f6chigen Intensivkurs hat er daf\u00fcr besucht, als einziger Nicht-Deutscher. &#8222;Hunderassen, Baumsorten, Waidmannssprache &#8211; man muss alles lernen, und die Pr\u00fcfung war hart&#8220;, sagt er.<\/p>\n<p>Mit einem Begehungsschein war er seither in den Revieren befreundeter J\u00e4ger unterwegs, bis er im Fr\u00fchjahr nach langem Warten sein eigenes bekam: 700 Hektar gro\u00df, mit Feldern, ein bisschen Wald und viel Gestr\u00fcpp. &#8222;Links bis zur Baumreihe ist alles meins. Rechts bis zur Stra\u00dfe am Horizont&#8220;, sagt er, und es klingt, als sei er nicht J\u00e4ger, sondern Besitzer des Gebietes.<\/p>\n<p>&#8222;Hier leben Wildschweine, Enten, Rehe und Fasane&#8220;, erl\u00e4utert Erdem Yalcindag. Da diesen Tieren ihre nat\u00fcrlichen Feinde abhanden gekommen seien, m\u00fcssten sie regelm\u00e4\u00dfig gejagt werden. Es gelte, die jeweiligen Populationen im Gleichgewicht zu halten, um das \u00d6kosystem Wald nicht zu gef\u00e4hrden. &#8222;Ich bin noch neu hier und muss mir erst einmal einen \u00dcberblick \u00fcber den Bestand verschaffen. Aber im Moment ist hier alles in Ordnung, denke ich.&#8220;<\/p>\n<p>Hinter dem Fahrersitz liegt das Gewehr bereit. Vor ihm schaukelt eine Stoffhenne auf dem Armaturenbrett, die laut zu gackern beginnt, wenn Yalcindag ihr auf den Bauch dr\u00fcckt. &#8222;Ein bisschen Spa\u00df muss man machen&#8220;, meint er. Im Fu\u00dfraum liegt ein Perserteppich, im Radio l\u00e4uft Popmusik. Er summt, pfeift und singt mit und klopft dazu im Takt aufs Lenkrad.<\/p>\n<p>Als hinter einem Busch ein umgekippter Hochsitz auftaucht, bremst Yalcindag und steigt aus. Zur gr\u00fcnen Uniform und der Hundepfeife, die um seinen Hals baumelt, setzt er sich jetzt noch einen dunkelgr\u00fcnen Hut auf den Kopf, bevor es an den Tatort geht. &#8222;Die Kanzel habe ich mit ein paar Freunden ganz neu gebaut&#8220;, erz\u00e4hlt er. Vor drei Wochen h\u00e4tten Unbekannte sie umgeworfen. &#8222;Immer wieder habe ich solchen \u00c4rger. Wer macht denn so was?&#8220;<\/p>\n<p>Regelm\u00e4\u00dfig m\u00fcsse er umgetretene Hinweisschilder und zerst\u00f6rte Z\u00e4une erneuern. Auch eine Leiter wurde ihm unl\u00e4ngst geklaut. &#8222;Mir haben auch schon mal zwei Jugendliche die Luft aus den Reifen gelassen, w\u00e4hrend ich auf dem Hochsitz war.&#8220; Was steckt dahinter? Sinnfreie Aggression, Hass auf J\u00e4ger im Allgemeinen, vielleicht Fremdenfeindlichkeit? Er wei\u00df es nicht. Fest steht f\u00fcr ihn nur: &#8222;Angst? Hab ich nicht.&#8220;<\/p>\n<p>Es geht weiter. Durch das ge\u00f6ffnete Autofenster pfl\u00fcckt Yalcindag Mirabellen vom Baum. Noch sind sie sauer, aber gerade dann seien sie n\u00fctzlich, erkl\u00e4rt er. &#8222;Du musst sie unter die Zunge legen, das hilft gegen Durst.&#8220; Auch solche Dinge lernt man, wenn man viel in der Natur unterwegs ist.<\/p>\n<p>Yalcindag spricht flie\u00dfend Deutsch, wenn auch manchmal mit holpriger Grammatik. V\u00f6llig sicher ist er jedoch, sobald es um Niederwild, Raubwild oder H\u00e4rtenachweispr\u00fcfungen geht. Ganz selbstverst\u00e4ndlich bezeichnet er ein Tier als verletzt, wenn er angeschossen meint, und die vier markanten Eckz\u00e4hne der Wildschweine hei\u00dfen f\u00fcr ihn nat\u00fcrlich &#8222;Waffen&#8220;.<\/p>\n<p>Gegen neun ist die Besichtigung des Reviers beendet. Nun kann es losgehen mit dem Ansitzen &#8211; so nennen J\u00e4ger das Jagen von einem Hochsitz aus. Versteckt unter dem Laub einer Eiche sitzt Yalcindag auf einer nach allen Seiten hin offenen Konstruktion, die wie ein \u00fcberdimensionaler Kinderstuhl aussieht. Das Gewehr hat er quer \u00fcber die Latten gelegt, die seinen Sitz begrenzen.<\/p>\n<p>Es zirpt im Gras, eine Schnellstra\u00dfe rauscht, hinter den Baumwipfeln geht kitschig die Sonne unter. Ein Rehbock n\u00e4hert sich, f\u00fcr den ist gerade Jagdsaison. Doch Yalcindag macht keine Anstalten zu schie\u00dfen. &#8222;Meine Gefriertruhe ist voll&#8220;, sagt er, halb im Scherz. Das Wild isst er selbst oder verkauft es &#8211; gro\u00dfartig Geld verdienen k\u00f6nne man damit aber nicht. F\u00fcr ein Reh gebe es, je nach Marktlage, 200 bis 300 Euro. Aber er habe auch seit Mai neben ein paar Hasen und Rebh\u00fchnern erst zwei Rehe und sechs Wildschweine erlegt. &#8222;Man muss nicht immer schie\u00dfen. Zum J\u00e4gersein geh\u00f6rt auch das Beobachten.&#8220;<\/p>\n<p>Dann erz\u00e4hlt der J\u00e4ger fl\u00fcsternd von seinen zwei Hunden, die normalerweise jetzt unter dem Hochsitz l\u00e4gen, aber heute ausnahmsweise im Auto bleiben mussten. &#8222;J\u00e4ger, Fotografin, Reporterin und dann noch zwei Hunde &#8211; dann w\u00fcrden wir heute garantiert keinen Schwanz sehen&#8220;, sagt Yalcindag.<\/p>\n<p>Graf von der Wartelsh\u00f6he ist ein graubrauner Weimaraner, Utz von der Ebersh\u00f6he ein englischer Pointer mit schwarzen Flecken auf dem wei\u00dfen Fell. &#8222;Ich habe sie selbst ausgebildet und zur Meisterpr\u00fcfung gef\u00fchrt&#8220;, erz\u00e4hlt er. Da er meist allein mit ihnen im Wald sei, m\u00fcsse er sich auf sie verlassen k\u00f6nnen. Schlie\u00dflich geh\u00f6re zu ihren Aufgaben, angeschossenes Wild aufzust\u00f6bern, das h\u00e4ufig angriffslustig sei. &#8222;Jagdhunde d\u00fcrfen keinen Bl\u00f6dsinn machen.&#8220;<\/p>\n<p>Ein Bussard kreist \u00fcber dem Feld. Die Frage, ob er auch solche Tiere schie\u00dfe, findet Yalcindag unpassend. &#8222;Nat\u00fcrlich nicht, die stehen unter Artenschutz. Dann hei\u00dft es noch, der T\u00fcrke hat nen Bussard geschossen.&#8220; Endlich ist da die Vorlage, sich zu erkundigen, ob seine Nationalit\u00e4t denn in der Welt der J\u00e4ger ein Thema sei. &#8222;Nein&#8220;, lautet seine spontane Reaktion, doch dann z\u00f6gert er. &#8222;Wir J\u00e4ger verstehen uns, unsere Ansichten sind gleich &#8211; v\u00f6llig egal ob T\u00fcrke, Deutscher oder Amerikaner&#8220;, meint er schlie\u00dflich. Nat\u00fcrlich sei er als einziger T\u00fcrke unter seinen deutschen Kollegen zun\u00e4chst aufgefallen, aber schnell habe sich herausgestellt, dass es mit dem Interesse an der Jagd und der Natur viel Gemeinsamkeiten gebe. &#8222;Jagen funktioniert \u00fcberall auf der Welt ziemlich gleich, da ist es nicht so wichtig, woher jemand kommt.&#8220;<\/p>\n<p>Es wird immer dunkler, aus dem Rosa der untergehenden Sonne ist ein graues Orange geworden. Im D\u00e4mmerlicht ist kaum noch etwas zu erkennen, doch Yalcindag sieht weiter unbeirrbar durch sein Fernglas. So wie manche aufs Meer blicken, um Ruhe zu finden, starrt er auf die Stoppelfelder. &#8222;Jagen ist mein Leben&#8220;, sagt er. Dabei k\u00f6nne er tr\u00e4umen. Schie\u00dfen k\u00e4me erst als zweites. &#8222;Aber nat\u00fcrlich geh\u00f6rt es dazu.&#8220;<\/p>\n<p>Als man die Hand vor den Augen fast nicht mehr erkennt, hat auch Yalcindag genug gesehen f\u00fcr heute. Er verstaut die Flinte im Auto, legt den Hut aufs Armaturenbrett und dreht das Radio auf. Robbie Williams singt &#8222;Angels&#8220;, w\u00e4hrend der Gel\u00e4ndewagen \u00fcber die Felder zur\u00fcck auf die Dorfstra\u00dfe rumpelt. Heute hat Erdem Yalcindag nichts geschossen. Gestorben sind nur ein paar M\u00fccken, die er mit der blo\u00dfen Hand an der Windschutzscheibe zerdr\u00fcckt hat.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Tags\u00fcber verkauft Erdem Yalcindag D\u00f6ner an der Sonnenallee. Abends schultert er die Flinte und beobachtet Rehb\u00f6cke. Auf der Pirsch mit dem ersten t\u00fcrkischen J\u00e4ger Berlins. (taz vom 4. September 2010)<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[5],"tags":[],"class_list":["post-955","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-texte"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/955","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=955"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/955\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2703,"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/955\/revisions\/2703"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=955"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=955"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=955"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}