{"id":843,"date":"2010-07-27T15:49:16","date_gmt":"2010-07-27T13:49:16","guid":{"rendered":"http:\/\/www.juliane-wiedemeier.de\/?p=843"},"modified":"2010-07-27T15:49:16","modified_gmt":"2010-07-27T13:49:16","slug":"wenn-das-gute-riecht-so-nah","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/?p=843","title":{"rendered":"&#8230;wenn das Gute riecht so nah."},"content":{"rendered":"<p>Die meisten Menschen nennen mich Juliane. Meine Schwestern sagen Jule. F\u00fcr den Mann, der einst meine Magisterarbeit betreute, werde ich wohl auf ewig die kleine Chinesin bleiben. Was ich gut fand, da er sich somit immerhin gemerkt hatte, dass ich meine Magisterarbeit \u00fcber ein Thema mit Chinabezug bei ihm schrieb. Was viel ist bei einer Person, die im Sommer 2006 mit zweist\u00fcndiger Versp\u00e4tung zu seiner Sprechstunde auftauchte, weil &#8222;irgendwas mit Fu\u00dfball&#8220; in der Stadt stattf\u00e4nde. Und dann gibt es Menschen, f\u00fcr die bin ich die Frau, die \u00fcber dem Knoblauchrestaurant wohnt. Nicht, weil ich so penetrant danach rieche, sondern einfach, weil es so ist: Unten <a href=\"http:\/\/www.knoblauchrestaurant.de\/\" target=\"_blank\">Knoblauchrestaurant<\/a>, oben die WG und ich. Ja, manch einer findet das lustig.<\/p>\n<p>Nun verl\u00e4sst uns morgen der Mitbewohner, den wir den Franzosen nennen, und was bot sich da als angemessene Abschlussaktivit\u00e4t eher an, als geschlossen besagtes Restaurant zu besuchen? Ganz recht: Nichts. Und abgesehen von der Tatsache, dass wir nun alle froh sein d\u00fcrfen, dass das Internet noch kein Geruchsmedium ist, hat sich dieser Ausflug mehr als gelohnt.<\/p>\n<p>Allein eine Speisekarte, die einem die Wahl zwischen der &#8222;Stinkenden Rose&#8220; (eine Knolle Knoblauch mit Anchovisbutter und Brot) und den zwei Knoblauchsuppen &#8222;Stinkender Uhu&#8220; und &#8222;Frettchen&#8220; l\u00e4sst, muss man lieben. Besonders, wenn man sich an den Sturm der Emp\u00f6rung erinnert, den mir der Gebrauch des Wortes Frettchen noch zu Lokalzeitungs-Zeiten einbrachte, als die Leserbriefschreiber es nicht verwinden konnten, dass ich ihre geliebte Inka Bause mit diesem Tier verglichen hatte.<\/p>\n<p>Auch Kellner, die man in T-Shirts gezwungen hat, von denen lustige Knoblauchknollen mit Gesicht herunterwinken, mit Knoblauchgew\u00fcrz versehene Erdn\u00fcsse als Amuse-Gueule sowie die Aussicht auf einen Nachtisch aus flambierten Ananasringen mit Knoblauchfruchtsauce sollten eigentlich daf\u00fcr sorgen, dass diese Lokalit\u00e4t als Marco Polo Insider-Tipp Karriere macht. Damit Touristen aus Franken glauben, das w\u00e4re typisch f\u00fcr diesen Prenzlauer Berg, von dem jetzt immer alle sprechen, w\u00fcrde ich sogar deren unangenehme H\u00e4ufung vor meiner Haust\u00fcr in Kauf nehmen.<\/p>\n<p>Die Mitbewohnerin orderte Fisch, der ihr konsequenter Weise auf einem  \u00fcberdimensionalen Glasteller in Fischform gereicht wurde. Geschmacklich  angebrachter w\u00e4re wohl die Knoblauchform gewesen. Gleiches gilt f\u00fcr den  Auflauf des Franzosen, dessen genaue Zusammensetzung nach seiner Zeit im  Backofen nicht mehr zu rekonstruieren war. Und auch das Fleischgericht der Freundin des  Franzosen wird wohl nach Knoblauch geschmeckt haben, was jedoch nicht endg\u00fcltig bewiesen werden konnte, da ihr seit dem zweiten Bissen eine gewisse Sch\u00e4rfe die Geschmacksnerven ver\u00f6det und die Tr\u00e4nen in die Augen getrieben hatte.<\/p>\n<p>Ich entschied mich f\u00fcr etwas, das als Salat mit Aubergine und Zucchini angek\u00fcndigt war und sich beim Servieren als eine Art frittierter Gouda entpuppte, unter dem man mit etwas Geduld noch die Reste von Gem\u00fcse identifizieren konnte. Zur Verteidigung des Kochs muss ich jedoch sagen, dass sich ein Gro\u00dfteil der Fettseen auf dem Teller nach kurzer Zeit als Knoblauchschaum zu erkennen gab, was die Sache vielleicht nicht essbarer, aber immerhin irgendwie Sinn machte.<\/p>\n<p>Es war ein Festmahl. In a way.<\/p>\n<p>Immerhin reichte uns zum Abschluss der freundliche Kellner noch einen Schnaps. Bei dem wir sogleich den Fehler machten, daran zu riechen &#8211; die Tatsache, dass ich ihn auch dann noch als stark Knoblauchlastig empfand, d\u00fcrfte erkl\u00e4ren, warum niemand von uns ihn trinken mochte. Zum Gl\u00fcck stand in Reichweite unseres Tisches ein kleines B\u00e4umchen in einem Blumenk\u00fcbel. Sein bedauernswerter Zustand wies darauf hin, dass Knoblauchschnaps wohl zu seinen Grundnahrungsmitteln geh\u00f6rt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die meisten Menschen nennen mich Juliane. Meine Schwestern sagen Jule. F\u00fcr den Mann, der einst meine Magisterarbeit betreute, werde ich wohl auf ewig die kleine Chinesin bleiben. Was ich gut fand, da er sich somit immerhin gemerkt hatte, dass ich meine Magisterarbeit \u00fcber ein Thema mit Chinabezug bei ihm schrieb. 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