{"id":600,"date":"2010-06-14T20:46:51","date_gmt":"2010-06-14T18:46:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.juliane-wiedemeier.de\/?p=600"},"modified":"2014-01-02T12:20:48","modified_gmt":"2014-01-02T11:20:48","slug":"saddams-letzte-botschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/?p=600","title":{"rendered":"Saddams letzte Botschaft"},"content":{"rendered":"<p><em>(taz vom 15. Juni 2010)<\/em><\/p>\n<p>Es knackt im Unterholz, hinter dem moosbewachsenen B\u00fcrostuhl scheint sich etwas zu bewegen. Ein junger Mann tritt zwischen den B\u00e4umen hervor, steigt \u00fcber Bierflaschen, stolpert fast \u00fcber eine Schreibmaschine &#8211; und stockt. Heimlich hat er sich herangepirscht an das Geb\u00e4ude der ehemaligen Botschaft des Iraks in Pankow. Er hat einen Zaun \u00fcberstiegen, sich durchs Unterholz geschlagen, extra das Handy ausgestellt, um nicht aufzufallen, wie er sich heimlich Zutritt verschafft. Jetzt erreicht er endlich den verwunschenen Bau &#8211; und dort stehen schon f\u00fcnf Menschen weithin sichtbar auf dem Balkon und winken: &#8222;Geh doch vorne rum, da ist offen.&#8220;<\/p>\n<p>Seit 20 Jahren steht das Geb\u00e4ude im einstigen Botschaftsviertel der DDR in der Pankower Tschaikowskystra\u00dfe leer. Als Botschaft wird es nicht mehr gebraucht, weil der Irak mit der Wende zun\u00e4chst nur noch eine diplomatische Vertretung in Bonn betrieb und in Berlin sp\u00e4ter nach Zehlendorf zog.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Doch verkauft oder abgerissen wurde der Bau nie. Denn die rechtliche Situation ist so kompliziert wie manche diplomatische Beziehung. &#8222;Eigent\u00fcmerin des Grundst\u00fccks ist die Bundesrepublik Deutschland. Das sich darauf befindende Geb\u00e4ude geh\u00f6rt der Republik Irak&#8220;, sagt Olga R\u00fcffer, Sprecherin der Bundesanstalt f\u00fcr Immobilienaufgaben. Im Grundbuch sei f\u00fcr den Irak ein unbefristetes Nutzungsrecht f\u00fcr das Gel\u00e4nde eingetragen, f\u00fcr das das Land keine Miete zahlen m\u00fcsse. &#8222;Ein Restitutionsantrag wurde im Jahre 2003 abgelehnt.&#8220; Was das weitere Schicksal der ehemaligen Botschaft angehe, sei das Ausw\u00e4rtige Amt im Gespr\u00e4ch mit den Irakern, so R\u00fcffer.<\/p>\n<p>Bis dahin bleibt der Bau ein beliebtes, wenn auch nicht ganz legales Ausflugsziel. &#8222;Ich finde es aufregend, dieses einst abgeschirmte Geb\u00e4ude erkunden zu k\u00f6nnen&#8220;, meint ein Politikwissenschaftler, der auf seinem Motorradausflug kurz Station in Pankow macht. Wie alle Besucher der Botschaft an diesem Nachmittag will er lieber nicht seinen Namen nennen, schlie\u00dflich begeht er gerade Hausfriedensbruch. Daf\u00fcr erh\u00e4lt er den Kick des Verbotenen und ein paar Fotomotive. &#8222;Und ich hoffe nat\u00fcrlich, spannende Relikte aus der Botschaftszeit zu entdecken.&#8220;<\/p>\n<p>Denn die Iraker haben bei ihrem Auszug offenbar alles zur\u00fcckgelassen: Schreibtische und Aktenschr\u00e4nke, Schreibmaschinen mit arabischer Tastatur und Matritzendrucker, Fernseher und Notbetten, auch Dokumente und Brosch\u00fcren. In den meisten B\u00fcror\u00e4umen, die sich auf drei Etagen immer noch als solche erkennen lassen, ist der Boden \u00fcbers\u00e4t mit Papieren und Aktenordnern. In einigen Zimmern hat sich daraus in Kombination mit Regenwasser und dem Inhalt alter Feuerl\u00f6scher ein Brei gebildet. Wo die Fenster noch intakt sind, kann man Brosch\u00fcren mit Saddam-Hussein-Bild auf dem Cover oder Rechnungsbelege lesen &#8211; wie den \u00fcber drei Aktenvernichter im Wert von je 1.667 Mark, ausgestellt im M\u00e4rz 1980 von einem H\u00e4ndler f\u00fcr B\u00fcrobedarf in der Friedrichstra\u00dfe.<\/p>\n<p>Zwei junge Schweizer fotografieren, was von dem Mosaik aus gr\u00fcnen und schwarzen Steinchen im Treppenhaus \u00fcbrig geblieben ist. &#8222;Man m\u00fcsste nur Arabisch k\u00f6nnen, um auch zu verstehen, was das f\u00fcr Unterlagen sind, die hier herumliegen&#8220;, sagt der eine. Warum das Geb\u00e4ude komplett m\u00f6bliert verlassen wurde, ist unklar. Die irakische Botschaft reagiert nicht auf E-Mail-Anfragen, ans Telefon bekommt man h\u00f6chstens den Anrufbeantworter, der in f\u00fcnf Sprachen mitteilt, dass man au\u00dferhalb der Gesch\u00e4ftszeiten anruft. Daf\u00fcr best\u00e4tigt das Ausw\u00e4rtige Amt, dass der Sachverhalt bekannt sei und man die Iraker darauf hingewiesen habe, dass sie f\u00fcr die Sicherheit auf dem Gel\u00e4nde verantwortlich seien. Mehr k\u00f6nne man nicht tun, so ein Sprecher.<\/p>\n<p>Manche Besucher der ehemaligen irakischen Vertretung sind offenbar \u00f6fter in Ruinen unterwegs und wissen mehr. &#8222;Die Stra\u00dfe runter steht noch das G\u00e4stehaus zur Botschaft&#8220;, sagt der Motorradfahrer. &#8222;Das ist genau so ein Flachdachbau wie hier, aber es ist nicht so spannend, weil die R\u00e4ume komplett leer sind.&#8220; Auch die Schweizer haben noch weitere Insider-Tipps: &#8222;Das ehemalige Olympische Dorf soll sich lohnen, da wollen wir am n\u00e4chsten Wochenende hin.&#8220; Der Spreepark sei nat\u00fcrlich auch immer einen Einbruch wert. &#8222;Seitdem dort offizielle Touren angeboten werden, wird man aber st\u00e4ndig erwischt&#8220;, meint ein weiterer Besucher. Es klingt, als ob sich Schwimmbegeisterte \u00fcber die sch\u00f6nsten Badeseen austauschen &#8211; dabei geh\u00f6rt keines der Gel\u00e4nde zum \u00f6ffentlichen Raum, das Betreten ist illegal.<\/p>\n<p>Im Fall der Botschaft wird einem der Einstieg durch das Fehlen eines Sicherheitsdienstes und eine offene Gartenpforte erleichtert. Au\u00dferdem h\u00e4lt sich das Ger\u00fccht, das Grundst\u00fcck gen\u00f6sse weiterhin Immunit\u00e4t und gelte als exterritoriales Gebiet, was auch vom Sprecher des Ausw\u00e4rtigen Amts best\u00e4tigt wird.<\/p>\n<p>Bei der Polizei hei\u00dft es dagegen, der diplomatische Status sei aufgehoben. &#8222;Die Polizei darf das Grundst\u00fcck betreten, wenn die gesetzlichen Voraussetzungen vorliegen&#8220;, sagt Sprecherin Claudia Schwaiger. In vereinzelten F\u00e4llen sei man auch schon wegen Sachbesch\u00e4digung oder dem Diebstahl von Buntmetall t\u00e4tig geworden. &#8222;Illegale Partys wurden bisher nicht festgestellt, Beschwerden von Anwohnern sind nicht bekannt.&#8220; Videos bei YouTube, die zeigen, wie junge Leute auf einer der Terrassen tanzen, beweisen das Gegenteil.<\/p>\n<p>Doch das Gel\u00e4nde um die Botschaft ist gro\u00df, bewachsen und wirkt wie ein kleiner Wald. Um die Aufmerksamkeit der Nachbarn zu erregen, muss man sehr laut sein, und das sind die Ruinentouristen eben nicht: Sie machen nichts kaputt, nehmen keine Souvenirs mit, und auch Graffiti sucht man &#8211; mit einer Ausnahme &#8211; vergeblich.<\/p>\n<p>Wie lange dieses kleine, historisch wertvolle Idyll noch erhalten bleibt, ist fraglich. Die Bausubstanz zerf\u00e4llt, in einem Teil des Hauses hat es gebrannt, es scheint nur eine Frage der Zeit, bis jemand durch eine Decke bricht oder eines der morschen Balkongel\u00e4nder versagt. Der Bezirk habe Interesse an einer baldigen Kl\u00e4rung der Situation, sagt Pankows Bezirksstadtrat Michail Nelken (Die Linke), der f\u00fcr die Stadtentwicklung in Pankow zust\u00e4ndig ist. Denn eine derartige Ruine habe eben immer auch negative Auswirkungen auf ihr Umfeld. &#8222;Direkte Einflussm\u00f6glichkeiten haben aber auch wir nicht.<\/p>\n<p>Wie es mit dem Grundst\u00fcck weitergeht, k\u00f6nnen letztendlich nur die Iraker entscheiden. Von ihrem Anrufbeantworter abgesehen, bleiben die aber stumm.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor 20 Jahren verlie\u00df der Irak seine Botschaft in Pankow. Seitdem wird das Geb\u00e4ude nicht genutzt. Geblieben sind Dokumente, M\u00f6bel und arabische Schreibmaschinen, die jede Menge Neugierige anlocken. (taz vom 15. Juni 2010)<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[5],"tags":[],"class_list":["post-600","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-texte"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/600","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=600"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/600\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2706,"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/600\/revisions\/2706"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=600"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=600"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=600"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}