{"id":366,"date":"2010-05-17T21:38:30","date_gmt":"2010-05-17T19:38:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.juliane-wiedemeier.de\/?p=366"},"modified":"2010-05-17T21:43:30","modified_gmt":"2010-05-17T19:43:30","slug":"zimmer-mit-aussicht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/?p=366","title":{"rendered":"Zimmer mit Aussicht"},"content":{"rendered":"<p>Ger\u00fcchteweise soll es ja WGs geben, die sich so gut verstehen, dass die T\u00fcren ausgeh\u00e4ngt werden. Privatsph\u00e4re ist schlie\u00dflich was f\u00fcr FDP-W\u00e4hler. Wir gehen jetzt sogar noch weiter: Heute haben wir die Fenster abgeschafft.<\/p>\n<p>Der Dank f\u00fcr diese neue Ebene des Zusammenlebens gilt dem Maler, der sich unl\u00e4ngst daran erinnerte, dass er ja die Instandsetzung der Fenster in unserer Wohnung noch nicht abgeschlossen hatte, die er vor nur einem Jahr begonnen hatte. Es kommt aber auch immer so viel dazwischen.<\/p>\n<p>Heute morgen um neun r\u00fcckte er daher mit schwerem Ger\u00e4t an, um sein Werk zu vollenden. Und erstmal ausgiebig sandzustrahlen, oder wie auch immer Fachleute die T\u00e4tigkeit bezeichnen, mit der alter Lack mit sehr viel L\u00e4rm von altem Holz geschabt wird. Stundenlang. Auf einer Frequenz, die ungef\u00e4hr so angenehm anzuh\u00f6ren ist wie Fingern\u00e4gel, die \u00fcber Tafeln kratzen, oder Whitney Houston in der aktuellen Version.<\/p>\n<p>Kurz, bevor ich dem Maler mitteilen musste, dass meine Aussage &#8222;Kein Problem, wenn sie den ganzen Tag brauchen, ich arbeite zu Hause&#8220; auch beinhaltete, dass ich zu Hause arbeite, stand zum Gl\u00fcck des Handwerkers liebste Tageszeit an: Fr\u00fchst\u00fcckspause. Die schon mal so lange dauern kann wie die bisherige und die kommende Arbeitszeit zusammen. Aber immerhin hatte ich ein wenig Ruhe, nachdem erstmal alle T\u00fcren lautstark dank der offen stehenden Fenster zugeknallt waren.<\/p>\n<p>Ein Zustand, \u00fcber den ich mich erst im Nachhinein freuen konnte &#8211; denn immerhin hatten wir zu diesem Zeitpunkt noch Fenster, die man offen stehen lassen konnte. Im Laufe des Nachmittags wurden daraus trostlose L\u00f6cher, denn zum einen hatte der Maler beschlossen, seine Arbeit in Teilen zu Hause fortzusetzen (&#8222;Die Fenster bringe ich Euch dann in der n\u00e4chsten Woche wieder&#8220;), zum anderen war der Glaser eingetroffen, um all die kleinen Spr\u00fcnge zu beseitigen, die das Leben in das DDR-Verbundglas gefressen hatte, um hier gleich den neu erlernten Fachbegriff zu nutzen. Nicht wiedergeben kann ich an dieser Stelle leider den mitleidsvollen Ausdruck, den der Glaser aufsetze, als er unsere Fenster als eben solches erkannte. Das letzte Mal wurde ich so angesehen, als ich im Jahr 2005 in der S-Bahn sa\u00df und die Kassette in meinem Walkman umdrehte.<\/p>\n<p>DDR-Verbundglas also, die River-Cola unter den Fenstern, die sich in ihren D\u00e4mm-Qualit\u00e4ten von einem Blatt Papier nur dadurch unterscheidet, dass man zus\u00e4tzlich noch durchschauen kann. Ist doch gut zu wissen, f\u00fcr wen man in diesem Winter so viel geheizt hat. Zum Gl\u00fcck kommen im Prenzlauer Berg zumindest die Glaser nicht aus Schwaben, sodass der berlinernde Fachmann tats\u00e4chlich die schadhaften Elemente des Verbundglases austauschen und die Fenster in K\u00fcche und Mitbewohner-Zimmer wieder einbauen konnte, bevor die Nacht hereinbrach. Was f\u00fcr die vom Maler deinstallierten Exemplare im Mitbewohnerinnen-Zimmer nicht galt. Die kommen, wie bereits erw\u00e4hnt, erst in der n\u00e4chsten Woche wieder, doch vielleicht sollte man zugeben, dass es sich in diesem Fall um Doppelfester handelt, deren innere Version noch da ist. Obwohl es nat\u00fcrlich auch sch\u00f6n gewesen w\u00e4re, die Fenster\u00f6ffnungen provisorisch mit M\u00fclls\u00e4cken zuzukleben, wie ich es in den 90er Jahren w\u00e4hrend diverser Polenurlaube bei Autos mit westlichem Kennzeichen, aber nun ohne Radio gesehen habe.<\/p>\n<p>Womit wir zum gro\u00dfen Finale kommen: Dem Abgang des Malers. Mit dem Hinweis, morgen wiederzukommen, um die Fensterrahmen zu lackieren. Und der Ansage, er habe f\u00fcr eben diesen Anlass ein paar seiner Utensilien im Mitbewohner-Zimmer zur\u00fcckgelassen. Die sich beim n\u00e4heren Hinsehen als die komplette Ausstattung eines mittelst\u00e4ndischen Betriebes herausstellten, zwei Industriestaubsauger und diverse Eimer Kram inklusive. Die sich nat\u00fcrlich sehr dekorativ machen zwischen Bett, Schrank und Regal. Auf 13 Quadratmetern.<\/p>\n<p>Aber man will ja nicht undankbar sein. Daf\u00fcr wurde quergel\u00fcftet.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ger\u00fcchteweise soll es ja WGs geben, die sich so gut verstehen, dass die T\u00fcren ausgeh\u00e4ngt werden. Privatsph\u00e4re ist schlie\u00dflich was f\u00fcr FDP-W\u00e4hler. Wir gehen jetzt sogar noch weiter: Heute haben wir die Fenster abgeschafft. 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