{"id":3342,"date":"2018-10-05T14:33:34","date_gmt":"2018-10-05T12:33:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.juliane-wiedemeier.de\/?p=3342"},"modified":"2018-10-05T14:33:34","modified_gmt":"2018-10-05T12:33:34","slug":"willkommen-in-der-blase","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/?p=3342","title":{"rendered":"Willkommen in der Blase"},"content":{"rendered":"<p><em>Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 26. August 2018<\/em><\/p>\n<p class=\"First atc-TextParagraph\"><span class=\"atc-TextFirstLetter\">T<\/span>reffpunkt St. Oberholz, klar. Welchen Ort in Berlin sollte Frederik Fischer auch sonst f\u00fcr dieses Gespr\u00e4ch vorschlagen? Als das Caf\u00e9 am Rosenthaler Platz 2005 er\u00f6ffnete, war es der Vorbote einer Ver\u00e4nderung. Mit dem St. Oberholz kam Co-Working nach Deutschland: Laptop mitbringen, Kaffee bestellen und losarbeiten. \u201eDigitale Boh\u00e8me\u201c nannten sich die Freiberufler, die ihr Arbeitsleben auf diese Art gestalteten.<\/p>\n<p class=\"atc-TextParagraph\">Mittlerweile finden sich Co-Working-Spaces im ostwestf\u00e4lischen Verl und in Freiberg in Sachsen. Doch die Entwicklung geht weiter. Nach dem Arbeitsplatz haben die kreativen Vordenker aus Berlin-Mitte das Wohnen als ihre neue Spielwiese entdeckt. Durch die steigende Mieten in den gro\u00dfen St\u00e4dten werden eigene Wohnungen immer teurer, w\u00e4hrend die Bereitschaft zu teilen stetig w\u00e4chst. Die logische Konsequenz erinnert an die gute, alte Wohngemeinschaft, tr\u00e4gt aber einen hippen, internationalen Namen: Beim Co-Living mieten Berufst\u00e4tige m\u00f6blierte Zimmer und teilen sich durchgestylte Gemeinschaftsfl\u00e4chen wie Wohnzimmer, K\u00fcche, angeschlossenen Co-Working-Space sowie Pf\u00f6rtner und fest gebuchte Reinigungskraft. Kreative leben von Netzwerken. Leben sie unter Ihresgleichen, k\u00f6nnen sie diese nicht nur w\u00e4hrend der Arbeit, sondern auch \u00fcber der M\u00fcsli-Sch\u00fcssel am Morgen und abends beim Bier kn\u00fcpfen.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Bangkok, Bangalore, Berlin \u2013 in den Metropolen \u00fcberall auf der Welt warten derartige H\u00e4user auf Mieter. F\u00fcr Frederik Fischer ist das aber nicht genug. Er denkt genau anders herum an den ungenutzten Platz im l\u00e4ndlichen Raum und plant gleich ein ganzes Dorf nach dem Prinzip \u201eLebe und teile\u201c. Ko-Dorf hei\u00dft das Projekt, das derzeit nur auf einer Website und in den K\u00f6pfen von Fischer und befreundeten Architekten besteht. Wenn alles gut geht, sollen 2020 die ersten Menschen einziehen.<\/p>\n<p class=\"atc-TextParagraph\">Fischer ist Journalist. Vor ein paar Jahren hat er die Online-Zeitung Krautreporter mitgegr\u00fcndet, darauf folgte Piqd \u2013 ein Empfehlungsdienst, der eine Schneise durch die Artikelvielfalt des Internets schlagen m\u00f6chte. Mit Unternehmertum, dem Internet und seinen Bewohnern kennt er sich also auch aus. Zudem beobachtet er als Berliner, wie der rasante Mietpreisanstieg den Druck auf Selbst\u00e4ndige mit schwankendem Einkommen erh\u00f6ht. \u201eVon der Idee des Co-Living war ich von Anfang an begeistert\u201c, sagt er. \u201eAber da zu wohnen, w\u00e4re mein Albtraum.\u201c Denn die bisherigen Anbieter setzen auf kleine Zimmerchen; wer Freunde einl\u00e4dt, ist auf ausreichend Platz in der gemeinsam genutzten K\u00fcche angewiesen. \u201eDie Community ist da fast Zwang. Das Recht auf Privatsph\u00e4re ist zehn Quadratmeter gro\u00df\u201c, analysiert er. Die geforderten Preise findet er zudem zu happig. Je nach Anbieter und Lage werden schon mal 1000 Euro im Monat f\u00e4llig. Im Ko-Dorf soll daher alles anders werden.<\/p>\n<p class=\"atc-TextParagraph\">50 bis 150 H\u00e4user sollen entstehen, jedes um die 50 Quadratmeter gro\u00df mit bis zu drei Zimmern, eigenem Bad, K\u00fcchenzeile und damit einem gewissen Ma\u00df an Autarkie. Erg\u00e4nzt wird das kleine, aber eigene Reich um Gemeinschaftsfl\u00e4chen: um K\u00fcchen, die hier Community-Kitchen hei\u00dfen, gemeinsame B\u00fcros, Veranstaltungsr\u00e4ume und einen gro\u00dfen Garten. Caf\u00e9s, Restaurants und weitere Angebote sind m\u00f6glich, je nachdem, was die sich gerade zusammenfindende Gemeinschaft w\u00fcnscht und einzubringen bereit ist. W\u00e4hrend die Fertigh\u00e4user voraussichtlich 100000 Euro kosten sollen, soll das geteilte Land von einer Genossenschaft verwaltet werden, an der man als Bewohner Anteile h\u00e4lt. G\u00e4rtner, Verwaltung und Hausmeister werden zentral organisiert und vom Hausgeld bezahlt. Inspiriert zu dieser Idee wurde Fischer beim Surfen im Netz, konkret auf den Seiten niederl\u00e4ndischer Ferienhauskolonien.<\/p>\n<p class=\"atc-TextParagraph\">\u201eEs gibt viele Leute, die gerne auf dem Land leben w\u00fcrden. Doch Freunde, der Arbeitsplatz und die kulturelle Infrastruktur halten sie in der Stadt\u201c, sagt er. Die Gemeinschaft in Ko-Dorf soll das kompensieren \u2013 zumindest zum Teil. Denn die kleinen H\u00e4user sind nicht als Dauerwohnsitz, sondern vielmehr als Erg\u00e4nzung zur Stadtwohnung gedacht. Wer ein Haus gekauft hat, soll es immer wieder untervermieten; so gibt es einen st\u00e4ndigen nat\u00fcrlichen Austausch.<\/p>\n<p class=\"atc-TextParagraph\">Wo soll ein solches Dorf entstehen? Dort, wo es auch einen schnellen Internetanschluss gibt. Auch ein Supermarkt \u2013 oder, besser noch, ein Hofladen \u2013 w\u00e4re laut Fischer eine sch\u00f6ne Sache. Zudem eine nahe Bahnstation, denn ein Leben ohne Auto geh\u00f6rt f\u00fcr viele kreative Gro\u00dfst\u00e4dter zum Lebenskonzept. Mehr brauche das neue Dorf von der Gemeinde, in der es sich ansiedelt, jedoch nicht. In ganz Deutschland schaue er sich um, sagt Fischer, und dass er mit etlichen Kommunen im Gespr\u00e4ch sei.<\/p>\n<p class=\"atc-TextParagraph\">Eine Horde urbaner Freiberufler, Start-up-Unternehmer und Lebensk\u00fcnstler, die ihren Laptop zur Abwechslung in sch\u00f6ner Landschaft aufklappen wollen: Hat die deutsche Provinz gerade darauf gewartet? Wie sehr Stadt- und Landbewohner mit ihren Lebensentw\u00fcrfen zuweilen aufeinanderprallen, ist Stoff von Romanen. Fischer sind daher zwei Dinge wichtig: \u201eDie Gemeinde muss das Projekt wollen.\u201c Und er sucht ein Grundst\u00fcck in Alleinlage, idealerweise zwei Kilometer von einer bestehenden Siedlung entfernt.<\/p>\n<p class=\"atc-TextParagraph\">Die zentrale Idee des Co-Livings ist zwar die Vernetzung, doch die beschr\u00e4nkt sich nur auf einen kleinen, exklusiven Kreis. Das Leben in Blasen zu f\u00f6rdern ist derzeit ein viel ge\u00e4u\u00dferter Vorwurf gegen\u00fcber sozialen Netzwerken wie Facebook. Doch soziale Blasen werden im Co-Living ganz bewusst in Wohnstrukturen zementiert.<\/p>\n<p class=\"atc-TextParagraph\">Eigentlich ist Segregation ein st\u00e4dtisches Ph\u00e4nomen. Junge Familien sortieren sich lieber nach Prenzlauer Berg, w\u00e4hrend Menschen mit t\u00fcrkischen Wurzeln Neuk\u00f6lln bevorzugen. Doch im Supermarkt, Park oder Schwimmbad laufen sich alle \u00fcber den Weg. Wer aber in New York oder Arlington nahe Washington DC eins der modern gestylten Apartments von \u201eWe Live\u201c bezieht, dem bleibt sogar dieser Kontakt zur Au\u00dfenwelt erspart. Das 2010 von einem Amerikaner und einem Israeli als \u201eWe Work\u201c gegr\u00fcndete Unternehmen betreibt inzwischen fast 100 Co-Working-Spaces, darunter auch in Berlin, Hamburg, Frankfurt und M\u00fcnchen. In den Vereinigten Staaten wird dar\u00fcber hinaus seit zwei Jahren das Co-Living erprobt. Bei der Lekt\u00fcre der Website von We Live stellt sich schnell die Frage, ob man hier Teil einer modernen Wohngemeinschaft werden soll \u2013 oder nicht vielleicht doch eines Kults. \u201eDas Leben ist besser, wenn wir Teil von etwas sind, das gr\u00f6\u00dfer ist als wir selbst\u201c, hei\u00dft es dort. F\u00fcr mehr als 3000 Dollar Monatsmiete in New York erhalten Mieter neben M\u00f6beln und dem Zugang zu geteilten K\u00fcchen und B\u00fcros auch Yoga-Kurse, Netflix-Abende und Wein-Verkostungen.<\/p>\n<p class=\"atc-TextParagraph\">\u00c4hnlich ist es beim Londoner Co-Living-Anbieter \u201eThe Collective\u201c. 2016 er\u00f6ffnete er sein erstes Haus f\u00fcr 546 Bewohner im Stadtteil Old Oak. Derzeit wird ins Bankenviertel nach Canary Wharf sowie ans Olympia-Gel\u00e4nde nach Stratford expandiert; Standorte in Deutschland und den Vereinigten Staaten sollen folgen. Ob Supermarkt, Roof-Top-Bar, B\u00fccherei, Beautysalon, Sportstudio, Massage oder Konzerte \u2013 alles inklusive. Es ist wie eine Stadt in der Stadt. Warum sollte man da das Haus noch verlassen?<\/p>\n<p class=\"atc-TextParagraph\">Im Ko-Dorf soll es zwar durchaus Kontakte zwischen Alt- und Neubewohnern geben. Die Leute aus dem Ur-Dorf sollen die Veranstaltungsr\u00e4ume nutzen k\u00f6nnen, manch einer wird bei den Neuen auch einen Arbeitsplatz finden. Die Ko-D\u00f6rfler sollen derweil von bestehenden Landgasth\u00f6fen profitieren. \u201eIch kann nur versuchen, es f\u00fcr alle Beteiligten reibungsfrei zu gestalten\u201c, sagt Fischer. F\u00fcr ihn ist der gew\u00fcnschte Abstand zur bestehenden Siedlung eher ein Zugest\u00e4ndnis, um den Eindruck einer feindlichen \u00dcbernahme zu vermeiden. \u201eEs fehlt mir die Phantasie, wie wir unser Konzept innerhalb eines bestehenden Dorfes konfliktfrei umsetzen sollen\u201c, gibt er zu.<\/p>\n<p class=\"atc-TextParagraph\">Nun mag es f\u00fcr Manchen verlockend klingen, durch r\u00e4umliche Trennung den Kontakt zu alleinerziehenden M\u00fcttern von f\u00fcnf Kindern, uralten Katzen-Damen oder Gas-Wasser-Installateuren zu umgehen (um nur eine kleine Auswahl derer zu nennen, die eher nicht f\u00fcr Co-Living optieren). Dann muss man sich aber mit den vermeintlich Gleichgesinnten umso besser verstehen. Allerdings l\u00e4sst es sich durchaus gemeinsam leben, ohne wirklich eine Gemeinschaft zu sein. Das wissen Ehepaare kurz vor der Scheidung ebenso wie jeder, der von seinen WG-Mitbewohnern nicht viel mehr als den Vornamen wei\u00df.<\/p>\n<p class=\"atc-TextParagraph\">Doch es sind genau solche Situationen, von denen Reportagen und Rezensionen von We Live und The Collective erz\u00e4hlen. Mitbewohner, die sich mit Kopfh\u00f6rern hinter ihren aufgeklappten Laptops verschanzen, menschenleere Bars am Freitagabend und in Hotelge-schwindigkeit wechselnde Nachbarn: Auch das geh\u00f6rt zur Realit\u00e4t.<\/p>\n<p class=\"atc-TextParagraph\">Mittlerweile besch\u00e4ftigt We Live eigene Botschafter, die im Tausch gegen Eins\u00e4tze an der Bar und generell kommunikatives Verhalten weniger Miete zahlen m\u00fcssen. Auch im Ko-Dorf ist ein C<em>ommunity-Manager <\/em>eingeplant, der Alltag sowie gemeinsame Veranstaltungen koordinieren soll. Eine Garantie, dass das Zusammenleben mit Gleichgesinnten ein sch\u00f6nes Netz ergibt, gibt es aber nicht. \u201eEs kann auch sein, dass es nicht funktioniert\u201c, sagt selbst Frederik Fischer.<\/p>\n<p class=\"atc-TextParagraph\">Ein Grund, es nicht auszuprobieren und als weltver\u00e4ndernd zu bewerben, ist das aber nat\u00fcrlich nicht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 26. August 2018 Treffpunkt St. Oberholz, klar. Welchen Ort in Berlin sollte Frederik Fischer auch sonst f\u00fcr dieses Gespr\u00e4ch vorschlagen? Als das Caf\u00e9 am Rosenthaler Platz 2005 er\u00f6ffnete, war es der Vorbote einer Ver\u00e4nderung. 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