{"id":3258,"date":"2017-02-26T14:37:04","date_gmt":"2017-02-26T13:37:04","guid":{"rendered":"http:\/\/www.juliane-wiedemeier.de\/?p=3258"},"modified":"2017-04-26T14:41:29","modified_gmt":"2017-04-26T12:41:29","slug":"nicht-vor-meiner-haustuer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/?p=3258","title":{"rendered":"Nicht vor meiner Haust\u00fcr"},"content":{"rendered":"<p><em>Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 22. Januar 2017<\/em><\/p>\n<p>Als die Nachbarn aus der Gudvanger Stra\u00dfe sich zuletzt trafen, hatten sie nur noch Verachtung f\u00fcreinander \u00fcbrig. \u201eSie st\u00f6ren den sozialen Frieden im Kiez!\u201c &#8211; \u201eIhr Vorschlag ist Schwachsinn!\u201c &#8211; \u201eSie wohnen hier doch gar nicht!\u201c So beschimpften sie sich gegenseitig &#8211; und das nur, weil ein Teil der Anwohner es f\u00fcr eine gute Idee h\u00e4lt, die kurze Seitenstra\u00dfe im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg an ein paar Tagen im Jahr zu sperren und f\u00fcr Kinder zum Spielen freizugeben. Doch die anderen sind strikt dagegen, weil sie den Wegfall von Parkpl\u00e4tzen und den L\u00e4rm von Bobbycars f\u00fcrchten. Der zust\u00e4ndige Bezirk hat versucht, mit einer B\u00fcrgerbeteiligung zu vermitteln. Doch die Stimmung im Viertel ist l\u00e4ngst vergiftet. Nun muss ein Gericht entscheiden, welche Seite recht beh\u00e4lt.<\/p>\n<p>Mitreden, wenn sich die Nachbarschaft \u00e4ndert, ist beliebt. Doch was als M\u00f6glichkeit der demokratischen Beteiligung auch jenseits von Wahlterminen gedacht ist, eskaliert immer \u00f6fter zu Schreiduellen unter Nachbarn &#8211; Kompromisse ausgeschlossen.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>\u201e\u00d6ffentlichen Diskussionen ist der Druck, etwas zum Gemeinwohl beitragen zu m\u00fcssen, abhandengekommen\u201c, sagt J\u00f6rg Sommer. Er ist Vorstandsvorsitzender der Deutschen Umweltstiftung und Herausgeber des \u201eKursbuchs B\u00fcrgerbeteiligung\u201c &#8211; ein Sammelband, der aufzeigt, wie gute B\u00fcrgerbeteiligung funktionieren kann. Wer vor 20 Jahren gegen ein Bauprojekt mobilmachen wollte, musste schon eine bedrohte Kr\u00f6tenart auf dem Gel\u00e4nde finden. Heute ist es okay, auszusprechen, dass der Neubau den eigenen Balkon nicht in den Schatten stellen soll. Dieser Egoismus, der sich oft in B\u00fcrgerinitiativen b\u00fcndelt, wird als \u201eNimby-Haltung\u201c bezeichnet, kurz f\u00fcr \u201enot in my backyard\u201c (\u201enicht in meinem Hinterhof\u201c, im Deutschen eher \u201enicht vor meiner T\u00fcr\u201c). Dahinter steckt die Ablehnung von gesellschaftlichen Ver\u00e4nderungen im eigenen Umfeld. Eine wachsende Stadt muss bauen &#8211; aber bitte nicht in meiner N\u00e4he! Diese Haltung stellt Beteiligungsprozesse vor gro\u00dfe Herausforderungen.<\/p>\n<p><strong>Vorbohrte Positionen aufbrechen<\/strong><\/p>\n<p>\u201eF\u00fcr viele ist eine Beteiligung, bei der sie sich mit ihren pers\u00f6nlichen Vorstellungen nicht vollst\u00e4ndig durchsetzen k\u00f6nnen, schlecht\u201c, sagt Sommer. Das eigene Ziel klar vor Augen, vergessen viele, dass es um den Ausgleich zwischen unterschiedlichen Interessen geht. Zudem l\u00e4dt die Verwaltung oft erst dann zum Mitreden ein, wenn es schon zu sp\u00e4t ist.<\/p>\n<p>\u201eAktuell beobachten wir die Tendenz, Partizipation zu planen, wenn ein Projekt schon unter verh\u00e4rteten Fronten leidet\u201c, meint Sommer. \u201eSie ist aber keine gesellschaftliche Reparaturwerkstatt, sondern ein Angebot zur Teilhabe.\u201c Wer sie anbiete, m\u00fcsse das fr\u00fch genug tun und es ernst meinen. \u201eBeteiligung beginnt h\u00e4ufig zu sp\u00e4t in hoch emotionalisierten Konflikten. Dann aber braucht man Mediation, nicht Partizipation.\u201c<\/p>\n<p>Dass gute Teilhabe fr\u00fch und auf Augenh\u00f6he beginnt, hat man in Potsdam l\u00e4ngst erkannt. Seit 2013 gibt es dort die \u201eWerkstadt f\u00fcr Beteiligung\u201c, die als Schnittstelle zwischen B\u00fcrgern und Verwaltung fungiert. \u201eWir gehen als Anw\u00e4ltin der Prozesse in die Beteiligung und sorgen daf\u00fcr, dass diese ergebnisoffen erfolgt und Resultate hinterher auch umgesetzt werden\u201c, erkl\u00e4rt Kay-Uwe K\u00e4rsten von der Werkstadt. Zudem ber\u00e4t das B\u00fcro Potsdamer, wie sie selbst Mitsprache einfordern k\u00f6nnen. Ein extra Beteiligungsrat aus B\u00fcrgern, Verwaltung und Politik evaluiert die Arbeit regelm\u00e4\u00dfig. Mit so viel Aufwand f\u00fcr seine B\u00fcrgerbeteiligung gilt Potsdam in Deutschland als beispielhaft.<\/p>\n<p>\u201eAuch Nimbys darf man nicht einfach nur ein Etikett verpassen. Niemand ist nur am Gemeinwohl orientiert. Es ist selbstverst\u00e4ndlich, dass Menschen erst einmal ihre eigenen Interessen vertreten\u201c, sagt K\u00e4rsten. Doch auch er hat beobachtet, dass die Streitkultur bei B\u00fcrgerversammlungen oft nicht gut ist. \u201eDie Mehrheit kommt mit einer Position, die keinen Widerspruch zul\u00e4sst. Die muss man aufbrechen.\u201c Schon die Einrichtung eines Raumes kann dabei helfen. Eine Schulaula l\u00e4dt dazu ein, dass selbstbewusste Menschen mit Redeerfahrung die Debatte beherrschen. Wenn man hingegen kleine Gespr\u00e4chsinseln mit mehreren Moderatoren anbietet, ist die Stimmung offener, und auch leisere Menschen kommen zu Wort. Allerdings m\u00fcssen diese den Weg zur Versammlung daf\u00fcr erst mal finden.<\/p>\n<p><strong>Beim Abendessen Projekte im Kiez diskutieren<\/strong><\/p>\n<p>Zwar ist das Bed\u00fcrfnis sehr gro\u00df, bei der geplanten Sanierung der Hauptstra\u00dfe oder dem Bau des neuen Wohnviertels mitzureden. Doch zu den Workshops und Infoabenden in einer schlecht beleuchteten Aula oder muffigen Turnhalle erscheinen meist immer dieselben. \u201eWenn es um Beteiligung geht, erwarten die B\u00fcrger von der Verwaltung immer nur irgendwas Dr\u00f6ges mit Rentnern. Viele verbringen ihre Zeit lieber anders\u201c, sagt Ulrich Dilger vom Stuttgarter Amt f\u00fcr Stadtplanung. Das hat zur Folge, dass Proteste und B\u00fcrgerinitiativen sich oft erst formieren, wenn die ersten Bagger rollen. Um an den Planungen noch etwas zu \u00e4ndern, ist es dann zu sp\u00e4t. Genau da setzt Dilgers Projekt \u201eSalz &amp; Suppe\u201c an.<\/p>\n<p>Im Herbst 2014 stand er vor zwei Herausforderungen: Im Stadtentwicklungsamt verfolgte man das Ziel, den \u00f6ffentlichen Raum so zu gestalten, dass er eine soziale Mischung in der Stadt f\u00f6rdert. Aber das allein reiche nicht aus, sagt der Stadtplaner. Es m\u00fcsse auch individuelle Angebote geben, die die Menschen zusammenbr\u00e4chten. Dilger sollte daher Ideen entwickeln, die das Miteinander innerhalb einer Nachbarschaft verbessern. Zudem galt es, dabei alle Anwohner und deren W\u00fcnsche mitzunehmen. Im vergangenen Sommer feierte dann \u201eSalz &amp; Suppe\u201c Premiere. Das Konzept scheint simpel: Neun Gruppen mit jeweils sechs Teilnehmern laden sich reihum nach Hause zum Essen ein, um &#8211; je nach Kochkunst &#8211; bei Spaghetti, Rostbraten oder Gazpacho \u00fcber das Zusammenleben und den Wandel ihrer Stadt zu diskutieren.<\/p>\n<p>Dass Essen ein guter Katalysator f\u00fcr Debatten ist, hat Dilger nach einem Umzug am eigenen Leib erfahren. Seine Frau hatte gerade ihr erstes Baby bekommen und war noch etwas wacklig auf den Beinen, da stand eines Tages die kurdische Nachbarin mit warmem Mittagessen vor der T\u00fcr. \u201eDamals waren wir uns v\u00f6llig fremd. Mittlerweile kenne ich alle islamischen Festtage und die Speisen, die dazu traditionell zubereitet werden.\u201c Diese Erfahrung hat er auf sein Projekt \u00fcbertragen. \u201eEssen und Gastfreundschaft sind gute T\u00fcr\u00f6ffner.\u201c<\/p>\n<p>Damit an den Tischen neben dem pensionierten Lehrer und der Studentin der Stadtplanung auch der K\u00fcchenchef aus Bangladesch und die Schmuckdesignerin im Rollstuhl Platz nehmen konnten, waren Dilger und seine Kollegen in der Stadt unterwegs. Auf dem Marktplatz haben sie Banker angesprochen, im sozialen Wohnungsbau alleinerziehende M\u00fctter. \u201eMan muss die Leute vor Ort abholen. Sie sind scheu wie Rehe\u201c, berichtet Dilger. Bei der Auftaktveranstaltung sagte der in B\u00fcrgerbeteiligung geschulte Baub\u00fcrgermeister: \u201eIch kenne hier im Raum keinen einzigen.\u201c Da wusste er, dass er alles richtig gemacht hatte.<\/p>\n<p><strong>Mitsprache nicht B\u00fcrde, sondern lokale Kompetenz<\/strong><\/p>\n<p>An mehreren Sommerabenden wurde dann mit Hilfe eines Moderators \u00fcber urbanes G\u00e4rtnern, Bauwagen als rollende Stadtteiltreffs und Altern in der Stadt diskutiert und konkrete Projekte wie die Anlage eines Gemeinschaftsgartens entwickelt. Am Ende wurde abgestimmt, welche davon realisiert werden sollen. \u201eDas Format eignet sich nicht, um Bebauungspl\u00e4ne zu diskutieren\u201c, meint Dilger. Aber es sei perfekt, um Bed\u00fcrfnisse herauszufiltern. Im kommenden Jahr sollen Pizza und Hotdogs dabei helfen, Parks und Pl\u00e4tze mehr nach den W\u00fcnschen Jugendlicher zu gestalten.<\/p>\n<p>Wer Qualit\u00e4t und Akzeptanz von B\u00fcrgerbeteiligung verbessern m\u00f6chte, sollte das Mitsprachebed\u00fcrfnis der B\u00fcrger nicht als B\u00fcrde, sondern ihre lokale Kompetenz als Gewinn ansehen. Auch in Heidelberg wird dieser Ansatz verfolgt. Seit 2015 f\u00f6rdert das Land Baden-W\u00fcrttemberg sogenannte Reallabore, in denen Wissenschaft und Praxis einander n\u00e4her kommen sollen. Am Geographischen Institut der Universit\u00e4t Heidelberg probiert man im Rahmen dessen aus, wie B\u00fcrger in das sperrige Thema Energiewende einbezogen werden k\u00f6nnen. \u201eHeidelberg will 2050 klimaneutral sein. Doch das Thema ist sehr rational\u201c, erkl\u00e4rt die Geographin Christina West. An ihrem Institut arbeiten daher Kartographen an einer Online-Karte, auf der jeder seine Lieblingsorte der Energiewende selbst eintragen kann &#8211; sei es der freundliche Bioladen um die Ecke, das Schwimmbad mit Solarpanels auf dem Dach oder das Restaurant, in dem nur Lebensmittel aus der Region serviert werden. \u201eWas die Gemeinschaft wei\u00df, k\u00f6nnen wir allein gar nicht schaffen\u201c, sagt West. Fachleute tragen derweil ihr Wissen \u00fcber den Energieverbrauch einzelner H\u00e4user oder den Verlauf des Fernw\u00e4rmenetzes bei.<\/p>\n<p>Das Projekt l\u00e4uft noch. Als Ergebnis soll eine im Internet und als App verf\u00fcgbare, von jedem erweiterbare Karte stehen, die aufzeigt, was Energiewende in Heidelberg konkret bedeutet. So soll das abstrakte Thema verst\u00e4ndlicher werden und die Leute anregen, einen eigenen Beitrag zu leisten. Zudem wird das zusammengetragene Wissen als Ausstellung auf einer alten Industriebrache zug\u00e4nglich gemacht.<\/p>\n<p>Die Karte basiert auf dem offenen System \u201eOpen Streetmap\u201c. \u201eDas ist ein B\u00fcrgerprojekt. Da gibt es keine Ber\u00fchrungs\u00e4ngste gegen\u00fcber der Verwaltung\u201c, sagt West. Doch auch wenn Beteiligung mit einem Klick von zu Hause aus und wann immer man will, verlockend klingt: Die Zukunft sieht so nicht aus. Das sagt zumindest Kay-Uwe K\u00e4rsten aus Potsdam, wo 2016 ebenfalls mit Beteiligung \u00fcber das Internet experimentiert wurde. Genutzt wurde daf\u00fcr die Plattform \u201eCivocracy\u201c. Das Start-up stammt urspr\u00fcnglich aus Amsterdam und ist mittlerweile auch in Deutschland und Frankreich aktiv. Sowohl St\u00e4dte als auch ihre B\u00fcrger k\u00f6nnen dort Themen zur Diskussion stellen &#8211; in Potsdam wurde das neue Verkehrskonzept f\u00fcr die Innenstadt debattiert. Indem viele St\u00e4dte aus mehreren L\u00e4ndern auf einer Plattform geb\u00fcndelt werden, sollen diese gegenseitig von Erfahrungen und L\u00f6sungen profitieren.<\/p>\n<p>\u201eF\u00fcr diejenigen, die sich im Netz auskennen, ist es ein niedrigschwelliges Angebot, und man f\u00e4ngt gut die verschiedenen Perspektiven ein\u201c, sagt K\u00e4rsten. Sich gegenseitig von Standpunkten zu \u00fcberzeugen und einen Kompromiss zu finden funktioniere aber eher nicht.<\/p>\n<p>\u201eBeteiligung ist immer auch ein bisschen eine Schulung in Demokratie. F\u00fcr alle\u201c, meint K\u00e4rsten. Die offene Debatte sei daf\u00fcr essentiell. \u201eSie ist aber nicht demokratischer als das parlamentarische System, das nach Mehrheiten entscheidet.\u201c Dass am Ende nicht alle \u00fcberzeugt seien, geh\u00f6re dazu.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 22. Januar 2017 Als die Nachbarn aus der Gudvanger Stra\u00dfe sich zuletzt trafen, hatten sie nur noch Verachtung f\u00fcreinander \u00fcbrig. \u201eSie st\u00f6ren den sozialen Frieden im Kiez!\u201c &#8211; \u201eIhr Vorschlag ist Schwachsinn!\u201c &#8211; \u201eSie wohnen hier doch gar nicht!\u201c So beschimpften sie sich gegenseitig &#8211; und das nur, weil ein Teil [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[5],"tags":[],"class_list":["post-3258","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-texte"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3258","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3258"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3258\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3259,"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3258\/revisions\/3259"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3258"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3258"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3258"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}