{"id":3070,"date":"2015-05-26T19:51:33","date_gmt":"2015-05-26T17:51:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.juliane-wiedemeier.de\/?p=3070"},"modified":"2015-05-26T21:27:20","modified_gmt":"2015-05-26T19:27:20","slug":"inside-pbn","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/?p=3070","title":{"rendered":"Inside PBN"},"content":{"rendered":"<p>528. 529. 530.<\/p>\n<p>Wenn dieser Tage die Zugriffszahlen der kleinen Internetlokalzeitung mit dem ebenso langen Namen Prenzlauer Berg Nachrichten in die H\u00f6he schnellen, dann ist das auch meine Schuld: Bis Freitag sollen\u00a0750 Mitglieder gewonnen werden, die mit knapp f\u00fcnf Euro im Monat den Fortbestand der Zeitung sichern. Andernfalls ist Schluss. Mich pers\u00f6nlich interessiert das, weil ich die Zeitung 1. mitgegr\u00fcndet und mein Herz an sie (oder sie an mein Herz) geh\u00e4ngt habe und 2. bis heute dort einen Teil meines Geldes verdiene.<\/p>\n<p>Aus diesem Grund dr\u00fccke ich derzeit\u00a0des \u00d6fteren den Reload-Knopf und kontrolliere den Stand der <a href=\"http:\/\/www.prenzlauerberg-nachrichten.de\/kampagne\/\">Kampagne<\/a>. Diese T\u00e4tigkeit ist recht eint\u00f6nig und l\u00e4sst Zeit, ein wenig in Erinnerungen zu schwelgen:\u00a0Wie ich vor ziemlich genau f\u00fcnf Jahren eine Mail von einem mir unbekannten voraussichtlich Irren bekam, der sich nach meiner Bereitschaft erkundigte, &#8222;\u00fcber ein Online-Projekt zum Prenzlauer Berg zu sprechen (hyperlokal, lokalpolitik-lastig, journalistisch, aber ohne Bratwurstjournalismus)&#8220;. Ich meine: Per Mail anfragen, ob man nicht zusammen eine Zeitung gr\u00fcnden wolle: Wer macht denn sowas?!\u00a0Wie f\u00fcnfeinhalb\u00a0Monate sp\u00e4ter tats\u00e4chlich die PBN online gingen. Wie der erste Hype und der erste Shitstorm kurz darauf gleichzeitig eintrafen.\u00a0Wie wir einfach weitermachten, Leser fanden und uns doch\u00a0irgendwann fragen mussten, ob\u00a0Journalismus nur noch als Selbstausbeutung funktionieren kann.<\/p>\n<p>Wenn man \u00fcber solche Dinge nachdenkt, kommt man nicht umhin, ein paar Lernerfolge zu verzeichnen.\u00a0Ganz recht, genau die werde ich nun skizzieren. Da das hier das Internet ist, habe ich mich entschlossen, sie durchzunummerieren.\u00a0Ordnung muss sein.<\/p>\n<p>1. Es ist gro\u00dfartig einfach, in diesem Land eine Zeitung zu gr\u00fcnden. Man nehme eine Internetadresse, und schon geht es los. Egal ob Bezirksb\u00fcrgermeister, B\u00fcrgerinitiativen, Bundespresseamt oder das New Yorker Guggenheim-Museum &#8211; alle nahmen vom ersten Tag an die Zeitung und mich als ihre Vertreterin ernst, beantworteten Fragen und h\u00f6rten mit der Zeit sogar auf, das kleine &#8222;nur&#8220; vor das\u00a0&#8222;online&#8220; zu setzen, wenn es um die Erscheinungsweise der PBN\u00a0ging.\u00a0&#8222;Prenzlauer Berg Nachrichten&#8220; als sehr klassischen Zeitungsnamen zu w\u00e4hlen, war daf\u00fcr sicher eine gute Idee. Auf der anderen Seite mache ich gerade mit meinem neuesten Projekt namens<a href=\"http:\/\/zentraleorte.de\/\"> Zentrale Orte<\/a> \u00e4hnliche Erfahrungen.<\/p>\n<p>2. Eine Zeitung &#8222;Prenzlauer Berg Nachrichten&#8220;\u00a0zu nennen, ist eine bescheuerte\u00a0Idee. Au\u00dfer, man m\u00f6chte gerne erreichen, dass ihr Name nur von einem elit\u00e4ren Zirkel richtig ausgesprochen wird. Im Idealfall nennen\u00a0meine Gespr\u00e4chspartner sie\u00a0&#8222;Prenzlberg Nachrichten&#8220;; auch sehr beliebt sind &#8222;Prenzlauer Nachrichten&#8220; oder &#8222;Prenzlauer Berger&#8230; (insert Genuschel here)&#8220;. Was nicht hei\u00dfen muss, dass sie nicht ganz genau wissen, mit wem sie es zu tun haben: Auch wenn 80 Prozent der von mir Interviewten\u00a0zu glauben scheinen, mit einer Frau Wiedemann von den Prenzlauer Nachrichten gesprochen zu haben &#8211; wenn sie mal wieder ein Thema in der Zeitung platzieren wollen, wissen Sie genau, an wen sie sich wenden m\u00fcssen.<\/p>\n<p>3. F\u00fcr wahre redaktionelle Freiheit muss man selber gr\u00fcnden. Dieser Satz mag f\u00fcr sehr viele Kollegen sehr\u00a0falsch erscheinen, aber er entspricht meiner pers\u00f6nlichen Erfahrung. Dabei geht es nicht darum, dass einem bei der eigenen Zeitung keine\u00a0anderen Redakteure in die Artikel reden &#8211; das finde ich\u00a0bereichernd (und fehlt mir beim kleinen, unterbesetzten Team der PBN eher; dazu sp\u00e4ter mehr). Vielmehr sind die PBN einer der wenigen Orte, an denen ich mich weder an allgemeinen redaktionellen Linien, speziellen Vorlieben des Chefredakteurs noch W\u00fcnschen der Werbenden orientieren muss. Ich war dabei, als ein gro\u00dfer Anzeigenkunde absprang, nachdem ich seine Scheck\u00fcbergabe als nicht berichtenswert eingestuft hatte. Trotzdem gab es \u00fcber die redaktionelle Entscheidung keine Diskussion. Anderswo habe ich das anders erlebt.<\/p>\n<p>4. Ein gutes Layout weckt gro\u00dfe Erwartungen. Das der PBN hat eben nicht der Kollege mit Paint gebastelt, sondern er hat daf\u00fcr eine Agentur beauftragt. Das sieht man. Die m\u00fcssen Kohle haben. Das ist die Kausalkette, die uns nun Probleme bereitet. Dabei war\u00a0die Zeitung schon immer ein Low-Budget-Unternehmen, das ohne viel Idealismus nicht funktionierte. Seit viereinhalb Jahren\u00a0betreiben wir die Redaktion\u00a0mit einer Stelle, die wir uns mal zu zweit, mal zu dritt teilen. Zeitweise habe ich den Betrieb auch ganz alleine gestemmt: Recherche, Schreiben, Fotos, Facebook, Twitter, Kommentare, Mails, Telefon. Mit einer 40-Stunden-Woche kommt man da nicht zurecht, wenn regelm\u00e4\u00dfig Artikel erscheinen sollen. Nat\u00fcrlich habe ich daf\u00fcr Geld bekommen (das war der Deal mit dem Eingangs erw\u00e4hnten Irren, denn ich habe leider weder geerbt noch einen \u00fcberreichen Adligen geehelicht), aber sagen wir mal so: Als ich unl\u00e4ngst las, was Geb\u00e4udereiniger verdienen, habe ich kurz geweint. Das alles sieht man der Zeitung aber nicht an. Es folgt:<\/p>\n<p>5. Wir Journalisten haben es bislang nicht geschafft, unser aller Geldproblem zu kommunizieren. Zumindest w\u00e4re\u00a0das die freundlichste\u00a0Erkl\u00e4rung der Reaktionen, die seit dem Start der Mitglieder-Kampagne bei den PBN eingehen. Wir wollten uns nur die Taschen voll machen; wir seien raffgierig; wir sollten\u00a0uns endlich mal einen richtigen Job suchen. Wer mal richtig schlechte Laune bekommen und \u00e4hnliche Formulierungen weniger moderat ausgedr\u00fcckt lesen m\u00f6chte, dem empfehle ich, die Kommentare der vergangenen Wochen auf der <a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/prenzlauerbergnachrichten\">Facebookseite der PBN<\/a> zu lesen. Besonders heftig wurde es, als die Paywall heruntergelassen wurde, die in Zukunft vor allem, was gerade einmal drei Wochen alt ist, stehen soll. Dass der Beruf des Journalisten keinen besonders guten Ruf genie\u00dft,\u00a0liest man ja immer wieder. Nun habe ich es am eigenen Leib erfahren. So tief durch Schei\u00dfe zu waten, nur weil man gerne 3000 Euro brutto im Monat h\u00e4tte, um eine komplette Zeitung zu betreiben &#8211; ob das f\u00fcr mich eine Rechnung mit Zukunft ist, muss ich mir noch einmal \u00fcberlegen.<\/p>\n<p>6. Andererseits: Leser sind etwas Wunderbares. In viereinhalb Jahren habe ich haupts\u00e4chlich sehr guten Kontakt mit ihnen\u00a0gehabt. Themenideen, Feedback, gute Diskussionen &#8211; so intensiv und bereichernd habe ich das bei der gedruckten Zeitung nie erlebt. Heute fragen manche an, ob sie nicht Flyer f\u00fcr die Kampagne verteilen k\u00f6nnen. Auch das gibt es. Danke. Echt jetzt.<\/p>\n<p>7. Don&#8217;t feed the troll ist Quatsch. Hat man sich einmal einen fiesen Troll eingefangen, sollte man das offensiv angehen und ansprechen. Wir haben das bei den PBN sehr lange anders gemacht und dadurch gerade jetzt, wo wir es am wenigsten brauchen k\u00f6nnen, echte Probleme bekommen. Mein\u00a0Kollege Thomas Trappe hat das <a href=\"https:\/\/thomastrappe.wordpress.com\/2015\/05\/24\/handreichung-zum-umgang-mit-dem-troll\/\">hier<\/a> sehr sch\u00f6n aufgeschrieben, daher muss ich es nun nicht mehr tun. Es ist echt \u00fcbel, hat es erst einmal jemand mit\u00a0viel Hass und Tagesfreizeit auf einen abgesehen. Trolle sind\u00a0wie Dementoren mit Internetzugang\u00a0(Aussehen und Geruch: \u00e4hnlich). Dabei braucht man seine Energie dringend f\u00fcr anderes.<\/p>\n<p>8. Um noch einmal auf 5. zur\u00fcckzukommen: Unser Geld- wird zum Demokratieproblem, und im Lokalen merken wir es als Erstes. Wir bei dem PBN m\u00fcssen ganz sch\u00f6n strampeln, um in einem Stadtteil mit knapp 150.000 Einwohnern 750 zu finden, die knapp f\u00fcnf Euro im Monat f\u00fcr eine Zeitung am Ort bezahlen wollen. Die Kollegen von Hamburg Mittendrin wollen zum gleichen Preis 1000 Abos verkaufen und stehen bei 150 (wenn ich <a href=\"http:\/\/hh-mittendrin.de\/mittendrin-unterstuetzen\/\">diese Grafik<\/a> richtig deute). Dabei mangelt es nicht\u00a0an Lesern, sondern nur an deren Zahlungsbereitschaft. Weil: Schlimme, schlimme Gratiskultur! Das ist das Argument, dass an dieser\u00a0Stelle immer kommt. Ich halte es aber nicht f\u00fcr richtig. Weil: 1. haben die Verlage einst selbst beschlossen, ihre Inhalte kostenlos ins Netz zu stellen. Daf\u00fcr kann man nun nicht die Leser beschimpfen. Und 2. w\u00e4re die Rechnung ja super aufgegangen, w\u00e4ren die gleichen Verlage nicht so gierig gewesen und h\u00e4tten erst den Anzeigenplatz mit Klickstrecken und Konsorten in die H\u00f6he und damit dann die Anzeigenpreise in den Keller getrieben.<\/p>\n<p>Indem man online ver\u00f6ffentlicht, spart man das Geld f\u00fcr Papier, Druck und Vertrieb. Den Rest h\u00e4tte man \u00fcber Werbung refinanzieren k\u00f6nnen, wenn man damit noch etwas verdienen k\u00f6nnte.\u00a0Das funktioniert aber nur f\u00fcr Websites\u00a0mit enormer Reichweite. Eine Lokalzeitung z\u00e4hlt nicht dazu. Die vielen hyperlokalen Online-Angebote, die es derzeit gibt, funktionieren nur \u00fcber Idealismus (andere sagen: Selbstausbeutung); bestehende Print-Zeitungen funktionieren nur \u00fcber ihre gedruckte Ausgabe, und deren Auflagen sinken. Auf die Dauer bliebe\u00a0damit im Lokalen nur ein riesiges journalistisches Vakuum. Dabei ist das der Bereich, in dem Politik auf Alltag trifft. Wer \u00fcber miese Wahlbeteiligung klagt, sollte das im Hinterkopf haben, so quer es da auch liegen mag.<\/p>\n<p>9. Ein Journalist muss auch an die Refinanzierung\u00a0denken. Vor f\u00fcnf Jahren h\u00e4tte ich jeden, der mir diese Plattit\u00fcde untergeschoben h\u00e4tte, vom nicht existierenden Hof gejagt. Wof\u00fcr gibt es schlie\u00dflich die Anzeigenabteilung? Mittlerweile glaube ich, dass wir uns mit solchen Fragen, wie oben skizziert, auseinander setzen m\u00fcssen. Was nicht hei\u00dft, dass man nur noch Journalismus machen soll, der sich gut verkauft. Aber sch\u00f6nen Journalismus machen und dar\u00fcber verhungern, das hilft auch nur so mittel. Mit der Umstellung von Anzeigen- auf Leserfinanzierung probieren wir bei den PBN nun etwas aus. Wenn es klappt, k\u00f6nnte\u00a0es f\u00fcr den Moment vielleicht auch Vorbild sein. Wenn es nicht klappt, probieren Andere anderes. Fr\u00fcher h\u00e4tte man hier das\u00a0sch\u00f6ne Beckett-Zitat vom besseren Scheitern einbauen k\u00f6nnen. Dank eines <a href=\"https:\/\/twitter.com\/wbuechner\">einstigen Spiegel-Chef mit Pattex-Qualit\u00e4ten<\/a>\u00a0muss an dieser Stelle leider darauf verzichtet werden.<\/p>\n<p>10. Gro\u00dfes Finale: Man darf\u00a0\u00fcber allem nicht die Lust verlieren. Das ist am schwersten. Denn bei aller redaktioneller Freiheit, der Gro\u00dfartigkeit des Internets und allen M\u00f6glichkeiten: Journalismus ohne gro\u00dfen Geldgeber im R\u00fccken ist\u00a0anstrengend und nicht sonderlich gut bezahlt. Gerade in den vergangenen Wochen, in denen einem die Kommentatoren im Strahl vor die F\u00fc\u00dfe kotzten, der Troll zu H\u00f6chstform auflief und manch Gespr\u00e4chspartner zufrieden feixte, dass diese nervige Lokalzeitung, die immer wieder anfragt, nun um die\u00a0Existenz k\u00e4mpft, war der Wunsch nach dem Umzug nach Brandenburg und Verlagerung auf Subsistenzwirtschaft durchaus vorhanden. Mir ist zwar\u00a0klar, dass man nicht in den Journalismus geht, um sich Freunde zu machen, und dass ein dickes Fell in diesem Beruf vonn\u00f6ten ist. Dass man sich manchmal wie der Leiter eine Anger-Management-Therapiestunde f\u00fchlt, hatte mir jedoch vorher niemand gesagt.<\/p>\n<p>531. 532. 533.<\/p>\n<p>Wenn am Freitag die Zeiger auf 750 steht, dann geht es f\u00fcr die PBN weiter. Wenn nicht, dann nicht. Viel gelernt habe ich allemal, und auch wenn am nun noch die Erkenntnis hinzukommt, dass es so nicht geht. Dann geht es halt anders, da bin ich sicher.<\/p>\n<p><em>Wer die PBN unterst\u00fctzen und Mitglied werden m\u00f6chte, <a href=\"http:\/\/www.prenzlauerberg-nachrichten.de\/kampagne\/\">kann das hier tun.\u00a0<\/a><\/em><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/2747316ff52149d5b174d4befb0c6f1d\" alt=\"\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>528. 529. 530. 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