{"id":3030,"date":"2015-04-15T17:11:34","date_gmt":"2015-04-15T15:11:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.juliane-wiedemeier.de\/?p=3030"},"modified":"2015-04-15T17:14:43","modified_gmt":"2015-04-15T15:14:43","slug":"juliane-du-hast-ungelesene-benachrichtigungen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/?p=3030","title":{"rendered":"Juliane, Du hast ungelesene Benachrichtigungen"},"content":{"rendered":"<p>Mark Zuckerberg hasst mich. Oder genauer, denn der Mann ist f\u00fcr so etwas nat\u00fcrlich viel zu besch\u00e4ftigt: Marks Zuckerbergs Algorithmus hasst mich und\u00a0hat beschlossen, mich in den Wahnsinn zu treiben. Was ihm gelingt.<\/p>\n<p>Es begann damit, dass vor einigen Wochen\u00a0die Facebook-App auf meinem Smartphone unbenutzbar wurde. Aus den\u00a0\u00fcblichen Optionen &#8222;Haupt-&#8220; und &#8222;neueste Meldungen&#8220; wurden \u00fcber Nacht &#8222;Meldungen, die 34 Tage alt sind, die aber vor zwei Minuten ein\u00a0Dir v\u00f6llig Unbekannter geliked hat&#8220; sowie &#8222;Meldungen, die der unbekannte Freund eines ebenfalls\u00a0Unbekannten kommentiert hat&#8220;.<\/p>\n<p>W\u00fcrde ich jemals jemanden trollen wollen, w\u00e4re diese Taktik mein Vorbild.<\/p>\n<p>F\u00fcr kurze Zeit war dieser Einblick in eine fremde Parallelwelt ganz am\u00fcsant. Als es sich jedoch als dauerhaft unm\u00f6glich herausstellte, auch mal mich interessierende\u00a0Informationen zu bekommen, begann ich, die App zu meiden. Und erkannte: mir fehlte nichts.<\/p>\n<p>Folgerichtig\u00a0loggte ich mich auch seltener via Browser ein. \u00dcber Ostern erdreistete ich mich sogar, ein paar Tage in den Urlaub zu fahren und Facebook gar nicht zu besuchen. Was man in der Art und Weise quittierte, mit der sonst ein\u00a0Mafiaboss drei s\u00e4umige\u00a0Raten Schutzgeld eintreibt.<\/p>\n<p>Facebook schickt keine schmierigen Schl\u00e4gertrupps. Facebook schickt Mails. Hans hat seinen Status aktualisiert, Luise ein Foto zu ihrem Album &#8222;Sonnenunterg\u00e4nge&#8220; hinzugef\u00fcgt und S\u00f6ren gef\u00e4llt\u00a0das. F\u00fcr den Fall, dass mir\u00a0diese einzelnen Benachrichtigungen aufgrund zu enthusiastischen L\u00f6schens entgangen sein\u00a0sollten, kommt regelm\u00e4\u00dfig\u00a0die Zusammenfassung &#8222;Hier sind einige Aktivit\u00e4ten, die du vielleicht auf Facebook verpasst hast.&#8220;<\/p>\n<p>Ey, Facebook, Du brain! Die Tatsache, dass ich mich seit f\u00fcnf Tagen nicht einloggt habe, deutet darauf hin, dass ich genau diese Informationen gerne verpasst h\u00e4tte! Was jedoch nicht m\u00f6glich war, weil Du\u00a0mich ungefragt, aber\u00a0permanent\u00a0per Mail auf dem Laufenden h\u00e4ltst.<\/p>\n<p>Bevor mich jetzt jemand \u00fcber das korrekte Setzen von H\u00e4kchen belehrt: Nat\u00fcrlich habe ich versucht, das zu unterbinden, die Einstellungen ge\u00e4ndert und immer wieder am Ende der Mail auf &#8222;Abbestellen&#8220; geklickt. Doch Facebook hat halt beschlossen, dass es besser wei\u00df als ich, was mich interessiert.<\/p>\n<p>Mancher besch\u00e4mte Besitzer eines Arschgeweihs mag sich w\u00fcnschen, seine Mutter w\u00e4re damals so konsequent geblieben, nachdem\u00a0sie sagte &#8222;Keine Tattoos!&#8220;. Aber ich bin schon gro\u00df &#8211; na, sagen wir alt und wei\u00df daher, was ich will. Und dazu geh\u00f6rt ganz sicher nicht, mich mit \u00fcber 30 von einem Algorithmus\u00a0erziehen zu lassen.<\/p>\n<p>Doch bei Facebook\u00a0teilt man sich entweder das Frauenbild mit dem Saturn-Mitarbeiter, der mir einst erkl\u00e4rte, ich als Frau br\u00e4uchte kein so elaboriertes Smartphone, weil ich ja eh nur Sms schriebe. (Ich h\u00f6re den Algorithmus schon murmeln: Ach, die arme Juliane, hat so wenig Ahnung von Internet, dass sie nicht mal mehr den Weg zu Facebook findet. Doch dem Kind kann geholfen werden!). Oder man ist generell noch eher so Pr\u00e4-Kant drauf und traut niemandem au\u00dfer sich selbst zu, sich des\u00a0eigenen Verstandes zu bedienen.<\/p>\n<p>Nachdem ich immer mehr Mails mit &#8222;Abbestellen&#8220; beantwortet und das Einloggen auf ein\u00a0(beruflich bedingtes) Minimum herabgefahren hatte, ist\u00a0die Situation nun\u00a0v\u00f6llig eskaliert: Seit ein paar Tagen werden ich immer dann\u00a0per Mail informiert, wenn einer der aktivsten meiner Facebookfreunde sich mal wieder im Mark Zuckerbergs kleinem Nachrichtennetzwerk engagiert hat. &#8222;Schau mal, wie sch\u00f6n der Harald* das wieder gemacht hat. So einfach ist das, ein produktives\u00a0Mitglied der Gemeinschaft zu sein!&#8220;, will man mir damit wohl sagen.<\/p>\n<p>Ja, verdammt, ich will aber Revolution, und au\u00dferdem mag ich Twitter viel lieber!<\/p>\n<p>Was mich zu dem Punkt bringt, der mich am meisten nervt: Wenn man so ein Facebook hat, wie ich, das einem eingeloggt nur die absurdesten Dinge in die Timeline l\u00e4sst und ausgeloggt per Mail drangsaliert, dann m\u00f6chte man nur noch austreten. Sollen Mark Zuckerberg und Harald doch gl\u00fccklich in einen Sonnenuntergang reiten, den Luise zu ihrem Album hinzuf\u00fcgen kann. Mir doch egal. Doch 35.001 Artikel \u00fcber das perfekte Dasein als freiberuflicher Journalist haben mich gelehrt, dass es in unserem Beruf v\u00f6llig irrelevant\u00a0ist, ob man Rechtschreibung, Pressrecht oder Word beherrscht &#8211; solange man socialmedia-m\u00e4\u00dfig vollumpf\u00e4nglich aufgestellt ist, kann nichts schief gehen. Hinzu kommt, dass ich &#8211; Festangestellte mit angeschlossener Social-Media-Redaktion k\u00f6nnen jetzt mal kurz mit den Ohren schlackern &#8211; ganz gerne mal selbst meine Artikel auf die entsprechenden Facebook-Seiten stellen und der Diskussion folgen muss.<\/p>\n<p>Falls Ihnen dieses Dilemma aus dem ARD-Nachmittagsprogramm\u00a0bekannt vorkommt, dann haben Sie v\u00f6llig recht: Juliane ist von Facebook derbe genervt, weil es\u00a0mittlerweile etwas v\u00f6llig anderes will als sie. Au\u00dferdem h\u00f6rt es nie richtig zu und \u00fcberschreitet st\u00e4ndig Grenzen. Facebook hingegen leidet unter dem nachlassenden Interesse und ist von der Zur\u00fcckweisung tief gekr\u00e4nkt. L\u00e4ngst raten die sie umgebenden Schw\u00e4gerinnen und Hausburschen zur Trennung.<\/p>\n<p>Wegen der Kinder kommt die zwar nicht in Frage.\u00a0Aber wei\u00dft Du was, Mark Zuckerbers Algorithmus? Ich hasse Dich auch.<img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/19acbc302f8a41508aac28928fd96ee3\" alt=\"\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/p>\n<p><em>*Name\u00a0der Redaktion, Mark Zuckerberg und seinen Freunden bekannt<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mark Zuckerberg hasst mich. Oder genauer, denn der Mann ist f\u00fcr so etwas nat\u00fcrlich viel zu besch\u00e4ftigt: Marks Zuckerbergs Algorithmus hasst mich und\u00a0hat beschlossen, mich in den Wahnsinn zu treiben. Was ihm gelingt. Es begann damit, dass vor einigen Wochen\u00a0die Facebook-App auf meinem Smartphone unbenutzbar wurde. 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