{"id":2985,"date":"2014-10-30T15:00:22","date_gmt":"2014-10-30T14:00:22","guid":{"rendered":"http:\/\/www.juliane-wiedemeier.de\/?p=2985"},"modified":"2015-02-02T15:05:44","modified_gmt":"2015-02-02T14:05:44","slug":"der-einreisende-reporter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/?p=2985","title":{"rendered":"Der einreisende Reporter"},"content":{"rendered":"<p><em>Prenzlauer Berg Nachrichten vom 29. Oktober 2014<\/em><\/p>\n<p>Holger Kulick hat ein besonderes Talent. Er kann unfassbar unaufgeregt Geschichten erz\u00e4hlen, die direkt aus einem h\u00f6chst spannenden\u00a0Spionageroman zu stammen scheinen: Wie er nachts nach einem illegalen Konzert mit seinem K\u00e4fer voller Oppositioneller in eine Polizeikontrolle geriet. Wie Diplomaten f\u00fcr ihn Filmmaterial \u00fcber die Grenze schafften. Wie er als Reporter ins Chemiekombinat Bitterfeld geschmuggelt wurde und aufgrund seines zur Tarnung geliehenen, viel zu kurzen Arbeitsoveralls fast aufgeflogen w\u00e4re.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das alles erz\u00e4hlt er so ruhig, als gelte es zu berichten, was es gestern zum Mittagessen gab. Aber bis zum Fall der Mauer war das eben sein Alltag, und Alltag ist gew\u00f6hnlich. Als Journalist arbeitete Kulick f\u00fcr \u201eKennzeichen D\u201c, ein politisches Magazin des ZDF, das sich Themen diesseits und jenseits der Mauer widmete. \u201eDas D stand nat\u00fcrlich f\u00fcr Deutschland, aber auch f\u00fcr Denkansto\u00df und Dialog\u201c, erkl\u00e4rt er. Seine Aufgabe: Ungefilterte Reportagen aus der DDR.<\/p>\n<p>Nach Berlin (West) kam Kulick, der in Wiesbaden aufgewachsen ist, Anfang der 1980er Jahre zum Studium. Schon bald waren Kontakte zum ZDF gekn\u00fcpft, f\u00fcr das er zun\u00e4chst f\u00fcr das Kulturmagazin &#8222;Aspekte&#8220; arbeitete. Den Weg zur Kulturszene jenseits der Mauer wies ihm Klaus Staeck, heute Pr\u00e4sident der Akademie der K\u00fcnste, der ihn in versteckte Galerien und zu privaten Lesungen nach Prenzlauer Berg mitnahm. Ausgerechnet <a href=\"http:\/\/prenzlauerberg-nachrichten.de\/kultur\/_\/sascha-anderson-dokumentation-prenzlauer-berg-171627.html\">Sascha Anderson<\/a>, damals Liebling der Szene, sp\u00e4ter als Spitzel der Stasi enttarnt, nahm sich seiner an, \u00f6ffnete T\u00fcren und machte Kontakte. Irgendwann war Kulick dann nicht mehr nur der Besucher, der f\u00fcr das Westfernsehen berichtete, sondern er geh\u00f6rte einfach dazu. \u201eAls Journalist soll man sich zwar eigentlich nicht mit einer Sache gemein machen. Aber hier ging es um Selbstverwirklichung und Freiheit. Da steht man doch klar auf einer Seite.\u201c<\/p>\n<p>Anders als seine in Ost-Berlin akkreditierten Kollegen arbeitete Kulick immer von West-Berlin aus: Als Privatmann mit Tagesvisum ging er \u00fcber die Grenze. \u00d6fter wurde ihm die Einreise spontan verweigert, einmal versuchte man ihn wegen eines Devisenvergehens festzusetzen, da er noch 1,60 Ostmark in der Tasche hatte. \u201eManchmal hat man schon die Luft angehalten. Die hatten ihren Spa\u00df, Menschen einzusch\u00fcchtern\u201c, sagt er heute. Auch die Angst, \u00fcberwacht zu werden, war immer pr\u00e4sent. Vom Grenz\u00fcbergang zum Drehort ging es nie direkt, sondern immer im Zickzack. \u201eZweimal meinte ich, jemand Komisches dabei gesehen zu haben, wie er mich aus einer Umh\u00e4ngetasche mit Loch in der Seite filmte.\u201c<\/p>\n<p>Eine Paranoia, die auch den Umgang miteinander \u00fcberschattete. \u201eEinmal sa\u00df ich mit einem Kollegen abends bei einem privat organisierten Schmalfilmabend, der einfach nicht startete. Irgendwann haben wir gefragt, was los sei, und da hie\u00df es ,Es geht erst los, wenn ihr weg seid.\u2019\u201c Kulick hatte von dem Abend von einem Freund erfahren, der selbst aber nicht erschienen war. Nun fehlte die Kontaktperson, die f\u00fcr die Besucher h\u00e4tte b\u00fcrgen k\u00f6nnen. Ein kompliziertes Konstrukt, bei dem man immer unter Verdacht stand und das zugleich auf v\u00f6lligem Vertrauen basierte.<\/p>\n<p>Seine Berichte drehte der Journalist immer illegal. Die B\u00e4nder schmuggelten Diplomaten, die nicht kontrolliert wurden, in den Westen. \u201eDa gab es einen kleinen Grenzverkehr, von dem die Stasi sicher wusste\u201c, erz\u00e4hlt er. Verhindert habe sie ihn aber nicht. Zudem schrieb Kulick f\u00fcr Zeitungen im Westen, aber auch f\u00fcr im Selbstverlag von Oppositionellen herausgegebene Samisdat-Zeitschriften in der DDR. Beides jedoch nur unter Pseudonym. Verwandte seines Vaters, der 1950 in die BRD gefl\u00fcchtet war, lebten in Neuruppin. Sie wollte er nicht gef\u00e4hrden.<\/p>\n<p>Gleiches galt nat\u00fcrlich auch f\u00fcr diejenigen, \u00fcber die er berichtete. Ein Auftritt im Westfernsehen konnte schlimme Konsequenzen haben, versprach aber auch einen gewissen Schutz. Denn wer \u00f6ffentlich bekannt war, war schwieriger wegzusperren. \u201eDas war immer ein Abw\u00e4gungsprozess.\u201c Allerdings, meint Kulick, habe damals auch schon das Tauwetter geherrscht, das mit Michail Gorbatschows Weg von Glasnost und Perestroika im Ostblock eingesetzt hatte. \u201eIch glaube, die gr\u00f6\u00dfte Macht der Stasi war die Angst der Menschen. Doch in den 19080ern brach das auf und es gab eine wachsende Zahl vor allem junger Leute, die sich dieser Angst widersetzten. Sie wollten ihr Leben leben \u2013 egal, ob sie inhaftiert wurden.\u201c<\/p>\n<p>Am Abend des 9. Novembers sa\u00df Holger Kulick vor dem Fernseher, als die <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=TQiriTompdY\">Pressekonferenz von G\u00fcnter Schaboskwi<\/a> \u00fcbertragen wurde. Sogleich rief er bei seinem Chef an, um ein Kamerateam zusammen zu bekommen. Doch der wiegelte ab. F\u00fcr ein politisches Magazin gebe es in dieser Nacht nichts zu tun; die Nachrichtenredaktion w\u00fcrde sich schon k\u00fcmmern. \u201eEs erschien einfach zu unwahrscheinlich, dass wirklich etwas passieren w\u00fcrde.\u201c<\/p>\n<p>Er selbst fuhr dann trotzdem ans Brandenburger Tor, wo sich auf auch der Westseite immer mehr Menschen stauten. \u201eIrgendwann stand ich dann auf der Mauer, mit Blick auf die Grenzer, die in einer langen Reihe ihre Grenze sicherten.\u201c Erst im Laufe des Abends habe man gemerkt, dass diese nicht eingreifen w\u00fcrden. \u201eDieser Moment, wenn es keinen Befehl mehr gibt, und die Menschen pl\u00f6tzlich Mensch sind. Das war das Faszinierende dieser Nacht.\u201c<\/p>\n<p>Ein weiteres Bild, das Kulick wohl nie vergessen wird, stammt vom n\u00e4chsten Morgen, als sich um den S-Bahnhof Friedrichsstra\u00dfe als einem der wenigen Orte, an dem man schon \u00fcber die Grenze kam, eine ewig lange Menschenschlange wickelte. \u201eDa hatten dann alle begriffen, was passiert war.&#8220;<\/p>\n<p><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/media.prenzlauerberg-nachrichten.de\/media\/assets\/2014\/10\/Friedrichstra%C3%9Fe.jpg\" alt=\"\" width=\"620\" height=\"320\" \/><\/p>\n<p><em>Die Schlange vor dem S-Bahnhof Friedrichstra\u00dfe am 10. November 1989. (Foto:\u00a0Bundesarchiv, Bild 183-1989-1110-044 \/ Settnik, Bernd \/ CC-BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons)<\/em><\/p>\n<p>Die Mauer war gefallen, die friedliche Revolution hatte Erfolg gehabt, und das Fernsehen hatte seinen Beitrag dazu geleistet, als es mit seinen Berichten die Opposition in der DDR sichtbar machte, meint Kulick: \u201eEs hatte einen Multiplikatoreffekt. Sendungen wie Kennzeichen D oder Kontraste hatten 50 Prozent Einschaltquote in der DDR. Das war uns bewusst.\u201c Im Westen habe das \u00fcbrigens lange kaum jemanden interessiert.<\/p>\n<p>In den folgenden Wochen brach unter Journalisten eine Art Goldgr\u00e4berstimmung aus. Es war die Zeit, als Spiegel-Redakteur Matthias Matussek sich \u00fcber Wochen im Ost-Berliner Palasthotel einmietete und am laufenden Band Texte \u00fcber den fernen Osten produzierte. Auch Kulick brachte Reportage um Reportage aus dem Umbruchsland. Sein Fokus lag allerdings nicht nur auf der nun m\u00f6glich gewordenen Erkundung eines bislang abgeschotteten Landes. \u201eEs ging auch darum, zu zeigen, wie Westfirmen die Leute \u00fcber den Tisch gezogen haben und wie die Aufarbeitung l\u00e4uft. Da musste man am Ball zu bleiben, um Nostalgikern vorzubeugen.\u201c<\/p>\n<p>Damals gelang es Kulick auch, ein St\u00fcck Kulturgeschichte auf Band zu bannen: Er filmte das Streitgespr\u00e4ch zwischen Wolf Biermann und Sascha Anderson, kurz, nachdem Ersterer bei seiner <a href=\"http:\/\/www.deutscheakademie.de\/de\/auszeichnungen\/georg-buechner-preis\/wolf-biermann\/dankrede\">Rede zum B\u00fcchnerpreis<\/a> Letzteren als Stasi-Spitzel enttarnt hatte. Einen offiziellen Beleg f\u00fcr dessen IM-T\u00e4tigkeit gab es damals noch nicht, sodass der aufgebrachte Biermann ungebremst auf den alles abstreitenden Anderson prallte. F\u00fcr Kulick, der nicht nur seit langem mit Anderson befreundet war, sondern diesen sogar 1986 nach seiner Ausreise in den Westen ein paar Monate beherberg hatte, eine mehr als seltsame Situation. Ein letztes Mal stellte sich die Frage, wer Freund und wer Feind war. Pl\u00f6tzlich sah der Journalist sich auch selbst mit dem Vorwurf konfrontiert, IM gewesen zu sein.<\/p>\n<p>Kurz darauf brachte ein Blick in die Akten Klarheit: In einem der erstem S\u00e4cke mit zerrissenen Dokumenten, die die damals frisch gegr\u00fcndete Stasiunterlagenbeh\u00f6rde \u00f6ffnete, fand sich der Fall Sascha Anderson. Nun erfuhr auch der Westdeutsche Holger Kulick, wie es sich anf\u00fchlte, von Freunden verraten worden zu sein.<\/p>\n<p>In den n\u00e4chsten Jahren wurde Kulick Berlin-Korrespondent f\u00fcr Spiegel Online, arbeitete f\u00fcr\u00a0 ein Projekt gegen Rechtsextremismus und schlichtete nebenbei <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/inland\/streit-ums-gedenken-immer-aerger-um-die-mauer-1772415.html\">den Streit<\/a> zwischen Sophiengemeinde und Politik um die Gestaltung der Mauergedenkst\u00e4tte an der Bernauer Stra\u00dfe. Seit vier Jahren ist er nun bei der Stasiunterlagenbeh\u00f6rde. \u201eEs ist deprimierend, wenn man die Akten ansieht. Man denkt, Zivilisation sei viel weiter\u201c, sagt er. Einerseits.<\/p>\n<p>Andererseits d\u00fcrfe man es sich aber auch nicht zu leicht machen und pauschal urteilen. Wer aus der Geschichte lernen wolle, m\u00fcsse die Gr\u00fcnde f\u00fcr Handlungen verstehen. \u201eWie kann Vers\u00f6hnung laufen? Eine Demokratie muss Wege finden, alle mitzunehmen.\u201c<\/p>\n<p>Und noch etwas hat er aus seinem Umgang mit den Zeugnissen der Geschichte gelernt: \u201eDie Akten werden falsch gewichtet. Es geht immer nur darum, wer IM war. Dabei sind sie auch das gr\u00f6\u00dfte zeitgeschichtliche Dokument \u00fcber Zivilcourage.\u201c Auf f\u00fcnf Anwerbungsversuche der Stasi k\u00e4men drei Absagen \u2013 weil viele ihre Freunde und Familie eben nicht verraten wollten.<\/p>\n<p>Nach dem Fall der Mauer haben sich Kulicks Freunde aus dem Prenzlauer Berg in die Welt aufgemacht. Doch viele sind l\u00e4ngst zur\u00fcckgekehrt, um die neuen M\u00f6glichkeiten in der alten Heimat auszuprobieren. \u201eViele haben sie genutzt, manche sind auch gescheitert. Die Schere, die da aufgegangen ist, ist riesig. Aber alle halten zusammen\u201c, meint er.<\/p>\n<p>\u201eDas Ziel ist nicht, Bundesdeutscher, sondern ich zu sein. Das ist der Geist von Prenzlauer Berg: Sich einfach nicht zu beugen, sondern ich sein zu wollen.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Prenzlauer Berg Nachrichten vom 29. Oktober 2014 Holger Kulick hat ein besonderes Talent. Er kann unfassbar unaufgeregt Geschichten erz\u00e4hlen, die direkt aus einem h\u00f6chst spannenden\u00a0Spionageroman zu stammen scheinen: Wie er nachts nach einem illegalen Konzert mit seinem K\u00e4fer voller Oppositioneller in eine Polizeikontrolle geriet. Wie Diplomaten f\u00fcr ihn Filmmaterial \u00fcber die Grenze schafften. Wie er [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[5],"tags":[],"class_list":["post-2985","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-texte"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2985","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2985"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2985\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2987,"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2985\/revisions\/2987"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2985"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2985"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2985"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}