{"id":2979,"date":"2015-03-10T14:53:37","date_gmt":"2015-03-10T13:53:37","guid":{"rendered":"http:\/\/www.juliane-wiedemeier.de\/?p=2979"},"modified":"2015-07-21T18:44:21","modified_gmt":"2015-07-21T16:44:21","slug":"der-hilfsapparat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/?p=2979","title":{"rendered":"Das System h\u00e4lt die Hand auf"},"content":{"rendered":"<p><em>Krautreporter\u00a0vom 4. M\u00e4rz\u00a02015<\/em><\/p>\n<p class=\"cp article-block--text ng-scope\" data-article_component=\"62bb6828-8350-4c8d-f9f8-f35b6af3172e\">Zwischen Schlaganfall und Papierkrieg lagen f\u00fcr Walter Behrend* nur ein paar Wochen. Eben noch hatte der 52-J\u00e4hrige mit beiden Beinen im Beruf gestanden. Nun musste er pl\u00f6tzlich nicht nur mit starken k\u00f6rperlichen Einschr\u00e4nkungen k\u00e4mpfen, sondern auch mit einem \u00fcberaus komplizierten Sozialsystem, von dem er nur wusste: Irgendwo hier sollte ihm jemand helfen k\u00f6nnen. Aber wer genau, blieb ihm lange unklar.<\/p>\n<p class=\"cp article-block--text ng-scope\" data-article_component=\"62bb6828-8350-4c8d-f9f8-f35b6af3172e\"><!--more--><\/p>\n<p>Eingliederungshilfe, so lautete einer der Begriffe, an denen er sich entlanghangeln sollte. Darunter versteht man Unterst\u00fctzungen, die Menschen mit k\u00f6rperlicher, geistiger oder psychischer Behinderung eine Teilhabe an der Gesellschaft erm\u00f6glichen sollen. Dazu z\u00e4hlen n\u00f6tige Hilfen in der eigenen Wohnung, auf dem Weg zur Arbeit oder Schule oder auch durch spezielle Therapien. \u00dcbernommen werden diese von Kranken- und Rentenkassen, dem Jobcenter oder den Sozial\u00e4mtern. Wer zust\u00e4ndig ist, h\u00e4ngt unter anderem von der Art der Behinderung und ihrer Ursache ab. Um Kosten abzuw\u00e4lzen, schieben sich die verschiedenen Stellen die Verantwortung gerne gegenseitig zu. In Behrends Fall wollte man ihn sogar am liebsten an gar nichts teilhaben lassen; man wollte ihn nur verrenten. Das war das Problem.<\/p>\n<p>Heute, drei Jahre sp\u00e4ter, ist Walter Behrend zumindest mit einer halben Stelle wieder zur\u00fcck in seinem alten Job. Sein Arbeitsplatz und sein Auto wurden f\u00fcr ihn umger\u00fcstet, sodass er seit kurzem sogar wieder selbst zur Arbeit fahren kann. \u201eWenn wir nicht immer wieder drangeblieben w\u00e4ren und nachgehakt h\u00e4tten, w\u00e4re das nicht m\u00f6glich gewesen\u201c, erz\u00e4hlt seine Frau Silvia*. Die Zust\u00e4ndigkeiten waren einfach zu kompliziert, die Formulare unlesbar, die Ausk\u00fcnfte zu widerspr\u00fcchlich. \u201eIch h\u00e4tte erwartet, dass ein Angebot f\u00fcr Menschen mit Behinderung barrierefreier gestaltet w\u00e4re.\u201c<\/p>\n<p class=\"cp article-block--text ng-scope\" data-article_component=\"870fac67-db8f-41e7-9481-5cb09e7fd196\">F\u00fcr Au\u00dfenstehende ist das System der Eingliederungshilfen in Deutschland in etwa so leicht zu durchschauen wie die Beantragung des Passierscheins 38a bei <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Asterix_erobert_Rom\" target=\"_blank\">Asterix und Obelix<\/a> (\u201eAsterix erobert Rom\u201c). Schon der Begriff ist verwirrend, suggeriert er doch, hier sei jemand durch das gesellschaftliche Raster gefallen und m\u00fcsse mit ein wenig Unterst\u00fctzung wieder auf den rechten Weg gebracht werden. Dabei geht es um Menschen mit Behinderungen, die Hilfen im Alltag, bei der Arbeit oder zu Hause ben\u00f6tigen, oft ihr ganzes Leben lang.<\/p>\n<p>Das kostet Geld. F\u00fcr die Sozial\u00e4mter und die Kommunen, die hinter ihnen stehen, wird das zunehmend zum Problem. Sie \u00fcbernehmen die Zahlungen, wenn sich keine andere Stelle zust\u00e4ndig f\u00fchlt. Anders als es die Verortung beim Sozialamt vermuten l\u00e4sst, h\u00e4ngt das nicht unbedingt vom Einkommen der Menschen ab. Eingliederungshilfen sind einfach der staatliche Beitrag zur Teilhabe behinderter Menschen. Rund 834.000 von ihnen wurden im vergangenen Jahr deutschlandweit aus den Sozialkassen unterst\u00fctzt. 14 Milliarden Euro wurden daf\u00fcr ausgegeben \u2013 das sind 700 Millionen Euro mehr als f\u00fcnf Jahre zuvor. Seit 1990 haben sich die Kosten mehr als verdreifacht.<\/p>\n<p>\u201eEs steht au\u00dfer Frage, dass Menschen mit Behinderungen alle Hilfen bekommen sollen, die sie ben\u00f6tigen\u201c, sagt Lioba Z\u00fcrn-Kastzantowicz. \u201eAber die Gesellschaft muss sich fragen, wie viel Prozent vom Bruttoinlandsprodukt sie daf\u00fcr ausgeben will. Ich w\u00fcrde mir w\u00fcnschen, dass das rechtzeitig diskutiert wird, bevor das System zusammenbricht und uns wom\u00f6glich viel radikalere Einschnitte drohen.\u201c<\/p>\n<p>Z\u00fcrn-Kasztantowicz ist SPD-Stadtr\u00e4tin und Chefin des Sozialamtes im Berliner Bezirk Pankow. Knapp 400.000 Einwohner z\u00e4hlt dieser; etwa 2.800 von ihnen haben 2014 Eingliederungshilfen bezogen. Fast 83 Millionen Euro wurden daf\u00fcr ausgegeben &#8211; das ist \u00fcber ein Zehntel des gesamten Haushaltsvolumens, und die Zahlen steigen. Pankow ergeht es damit wie den meisten Kommunen in Deutschland.<\/p>\n<p>Wer sich auf die Suche nach Erkl\u00e4rungen f\u00fcr diese Zunahme macht, st\u00f6\u00dft zun\u00e4chst auf die gestiegenen Fallzahlen. 1991 haben in Deutschland 324.000 Menschen Eingliederungshilfen bezogen, heute sind es zweieinhalb mal so viele. Lange hat man das mit den Sp\u00e4tfolgen der Euthanasie-Programme der Nationalsozialisten begr\u00fcndet. Eine ganze Generation von Menschen mit Behinderungen wurde damals daran gehindert, alt zu werden. Heute, 70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges, ist dieser Einfluss jedoch nur noch gering.<\/p>\n<p>Daf\u00fcr ist es der modernen Medizin zu verdanken, dass man mittlerweile auch mit einer Behinderung das Rentenalter erreichen kann. Zudem ist die \u00dcberlebenschance zum Beispiel nach einem schweren Unfall gestiegen; es kann aber sein, dass man danach auf Hilfen angewiesen ist. Dar\u00fcber hinaus wird mit Behinderungen offener umgegangen, womit auch die Hemmschwelle gesunken ist, Unterst\u00fctzung zu beantragen. Und noch ein Faktor ist entscheidend: Die Zahl der psychischen Behinderungen, die durch dauerhafte psychische Erkrankungen verursacht werden, ist in den vergangenen Jahren stark gestiegen: Eine <a href=\"http:\/\/www.dak.de\/dak\/download\/Vollstaendiger_bundesweiter_Gesundheitsreport_2013-1318306.pdf\" target=\"_blank\">Studie der Krankenkasse DAK<\/a>\u00a0spricht von einer Zunahme der F\u00e4lle, in denen Menschen aufgrund einer psychischen Erkrankung arbeitsunf\u00e4hig wurden, um 140 Prozent zwischen 1997 und 2012. Als Gr\u00fcnde daf\u00fcr werden steigender Druck bei der Arbeit sowie zunehmende soziale Vereinsamung angef\u00fchrt.<\/p>\n<p>Ein Teil der Kostensteigerung l\u00e4sst sich so erkl\u00e4ren. Allerdings haben diese im Verh\u00e4ltnis zur Zahl der F\u00e4lle \u00fcberproportional zugenommen. Hier kommt nun ein Faktor ins Spiel, \u00fcber den niemand gerne redet: Auch soziale Hilfen werden von Unternehmen mit Gewinnstreben erbracht.<\/p>\n<p>Wer im Berliner Bezirk Pankow Eingliederungshilfen beantragen m\u00f6chte, wird zun\u00e4chst im Sozialamt vorstellig. Dort trifft man auf 22 Amtsmitarbeiter, die zu den Bed\u00fcrfnissen behinderter Menschen speziell fachlich fortgebildet wurden, die sogenannten Fallmanager. Nach einem standardisierten System bestimmen diese, ob jemand eher Unterst\u00fctzung im Alltag, bei der Arbeit in einer Werkstatt oder begleitend zur Schule ben\u00f6tigt. Experten sprechen von der Bestimmung des Hilfebedarfs.<\/p>\n<p>Mit diesem Bescheid ausgestattet, sucht man sich einen \u201efreien Tr\u00e4ger\u201c. Das sind private Sozialdienste, die zum Beispiel ein Wohnheim betreiben, Therapien anbieten oder sich um den Transport zur Arbeit k\u00fcmmern. Anders als die Fallmanager, welche den Hilfebedarf schematisch bestimmen, besch\u00e4ftigen sich deren Mitarbeiter oft t\u00e4glich mit den Betroffenen. Erst so kann ein umfassendes Bild gewonnen werden, welche Hilfen dem einzelnen wirklich n\u00fctzen. Klappt das mit dem Leben in der eigenen Wohnung? Reicht die vorgesehene Unterst\u00fctzung aus, um einer Arbeit nachzugehen? Ist die anvisierte Therapieform die richtige? Das alles kann erst der Tr\u00e4ger im Alltag feststellen.<\/p>\n<p>Das f\u00fchrt zu einem Dilemma. Denn die einzigen, die den Hilfebedarf jedes einzelnen wirklich einsch\u00e4tzen k\u00f6nnen, sind auch diejenigen, die finanziell davon profitieren, wenn mehr Unterst\u00fctzung in Anspruch genommen wird. Formal sind in Pankow zwar meist einmal im Jahr \u00dcberpr\u00fcfungen durch das Amt vorgesehen, ob die Hilfen passgenau sind . Doch bei fast 3.000 Betroffenen, die bei mehr als 220 Einrichtungen im Bezirk Leistungen beziehen, geraten die 22 Fallmanager zwangsl\u00e4ufig ins Hintertreffen<\/p>\n<p>Jemand aus dem Umfeld des Sozialamtes erz\u00e4hlt, dass manche Tr\u00e4ger die Formulare der Fallmanager gleich selbst ausf\u00fcllten. Die Sozialstadtr\u00e4tin weist ein solches Vorgehen strikt von sich, gesteht aber ein, dass es am Personal mangele, das Handeln der Tr\u00e4ger und deren Umgang mit dem Geld umfassend zu kontrollieren.<\/p>\n<p>\u00c4hnliche Probleme haben das 60 Kilometer n\u00f6rdlich von Hamburg gelegene Itzehoe viel Geld gekostet. <a href=\"http:\/\/www.shz.de\/schleswig-holstein\/panorama\/betrug-am-steuerzahler-pflegeheime-kassieren-ab-id6324356.html\" target=\"_blank\">Im vergangenen Jahr<\/a> wurden dort mehrere F\u00e4lle bekannt, in denen sich die Betreiber von Wohnheimen f\u00fcr Menschen mit Behinderungen an Eingliederungshilfen bereichert haben sollen. Ihnen wird vorgeworfen, dass sie sich vom Amt die Betreuung durch Fachpersonal zwar teuer bezahlen lie\u00dfen, diese dann aber ungelernten \u2013 und schlechter bezahlten \u2013 Hilfskr\u00e4ften \u00fcberlie\u00dfen. Zudem seien die Heime \u00fcberbelegt und zu wenig Personal vorhanden gewesen. Mehrere Millionen Euro an Schaden seien so entstanden, <a href=\"http:\/\/www.shz.de\/schleswig-holstein\/panorama\/betrug-am-steuerzahler-pflegeheime-kassieren-ab-id6324356.html\" target=\"_blank\">schrieb die Lokalzeitung<\/a>. Dabei verdanke man es einem Zufall, dass der Betrug \u00fcberhaupt aufgeflogen sei. \u201eDas Dunkelfeld m\u00f6glicher Fehlleitung von Mitteln ist nach Einsch\u00e4tzung von Experten deutlich gr\u00f6\u00dfer.\u201c<\/p>\n<p>Zu den konkreten F\u00e4llen m\u00f6chte sich die Leiterin des zust\u00e4ndigen Kreissozialamtes, Ellen Gahtow, nicht \u00e4u\u00dfern, da das gerichtliche Verfahren noch laufe. Daf\u00fcr erkl\u00e4rt sie, es habe System, dass derartige Betr\u00fcgereien in Schleswig-Holstein nur durch Zufall aufgedeckt werden k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>Der Grund daf\u00fcr liegt im Rahmenvertrag, der die Zusammenarbeit zwischen freien Tr\u00e4gern und Kommunen landesweit regelt. Darin werden die M\u00f6glichkeiten der Sozial\u00e4mter, die Verwendung des Geldes sowie die Qualit\u00e4t der erbrachten Leistungen zu \u00fcberpr\u00fcfen, stark eingeschr\u00e4nkt. \u201eBis vor ein paar Jahren durften wir nur nach einem konkreten Hinweis auf einen Missbrauch kontrollieren\u201c, erkl\u00e4rt Gahtow. \u201eDie Tr\u00e4ger hatten das so durchgesetzt. Regelm\u00e4\u00dfige Kontrollen einzugestehen, stelle sie alle unter einen Generalverdacht, lautete ihre Argumentation. Das k\u00f6nne ja wohl nicht sein.\u201c<\/p>\n<p>Seit 2013 ist zwar <a href=\"https:\/\/www.lwl.org\/spur-download\/bag\/Schleswig_Holstein.pdf\" target=\"_blank\">ein neuer Vertrag<\/a> g\u00fcltig, der Pr\u00fcfungen erm\u00f6glicht. In einem Anhang ist jedoch festgehalten, dass diese mindestens drei Wochen im Voraus angemeldet werden m\u00fcssen. Im Fall von Itzehoe w\u00e4re das gen\u00fcgend Zeit gewesen, zumindest f\u00fcr den Tag der Kontrolle nur das gut ausgebildete Personal einzubestellen und den Betrug zu vertuschen.<\/p>\n<p>Und das ist nicht der einzige Knackpunkt. So dokumentiert der schleswig-holsteinische Landesrechnungshof in seinem <a href=\"http:\/\/www.landesrechnungshof-sh.de\/file\/bemerkungen2013_tz30.pdf\" target=\"_blank\">Bericht von 2013<\/a>, dass angesichts des Personalmangels in den Sozial\u00e4mtern jede Einrichtung des Landes nur alle 240 Jahre mit einer Pr\u00fcfung rechnen m\u00fcsse. Zudem k\u00f6nnten die \u00c4mter immer nur Einzelf\u00e4lle kontrollieren. Strukturelle und regionale Probleme k\u00f6nnten so aber nicht aufgedeckt werden.<\/p>\n<p>Wer etwas kriminelle Energie mitbringt, dem sind damit T\u00fcr und Tor ge\u00f6ffnet.<br \/>\nDabei bietet die derzeitige Struktur der Eingliederungshilfen auch f\u00fcr Sozialdienste mit Rechtsempfinden gen\u00fcgend M\u00f6glichkeiten, gutes Geld zu verdienen.<\/p>\n<p>F\u00fcr den Bezirk Pankow hat das Land Berlin <a href=\"http:\/\/www.berlin.de\/sen\/soziales\/vertraege\/verguetung\/Einrichtungskatalog\/EinrichtungenNachKreis\/Pankow.shtml\" target=\"_blank\">eine Liste der Kosten<\/a> ins Internet gestellt, die die unterschiedlichen Tr\u00e4ger f\u00fcr einzelne Leistungen berechnen. Laut dieser Liste kann ein Platz in einer Wohngemeinschaft f\u00fcr Menschen mit k\u00f6rperlicher oder geistiger Behinderung, die viel Hilfe ben\u00f6tigen, zwischen 88 und 126 Euro pro Tag kosten. Ein Betreuungstag in einer Werkstatt schl\u00e4gt mal mit 74, mal mit 103 Euro zu Buche, die Betreuung in der eigenen Wohnung mit 114 bis zu 122 Euro. Wie viel die Tr\u00e4ger verlangen, k\u00f6nnen sie weitestgehend selbst festlegen. Bezahlen muss in jedem Fall der Staat.<\/p>\n<p>Angesichts immer weiter steigender Kosten ger\u00e4t dieser jedoch zunehmend unter Zugzwang. Doch statt das System der Tr\u00e4ger in Frage zu stellen und f\u00fcr mehr Transparenz zu sorgen, versucht er, bei den Hilfen selbst zu sparen. So erlebt es zumindest Jens Siebke, der sich als Berufsbetreuer (fr\u00fcher nannte man das Vormund) in Norddeutschland um Menschen mit Behinderungen k\u00fcmmert.<\/p>\n<p>Siebke beobachtet eine Art Verz\u00f6gerungstaktik: \u201eEs kommt selten dazu, dass die Palette der Hilfsangebote ausgebreitet wird. Meist wartet der Amtsschimmel auf ein aktives Streben und setzt stillschweigend voraus, dass Laien nicht alle Angebote und Anspr\u00fcche kennen werden\u201c, erz\u00e4hlt er. Oft m\u00fcsse man hartn\u00e4ckig bleiben und best\u00e4ndig Widerspruch einlegen, bevor eine Leistung auch zugestanden werde. Das zerm\u00fcrbe.<\/p>\n<p>Hier scheint sich ein stiller Kampf zwischen \u00c4mtern und Tr\u00e4gern abzuspielen: W\u00e4hrend \u00c4mter Leistungen und Kosten zu dr\u00fccken versuchen, bem\u00fchen sich Tr\u00e4ger um das Gegenteil, und der Mensch mit Behinderung kann derweil nur hoffen, dass am Ende etwas herauskommt, dass f\u00fcr ihn und seine Bed\u00fcrfnisse halbwegs passt.<\/p>\n<p>\u201eIch sehe selbstverst\u00e4ndlich ein, dass nicht alles bezahlt werden kann, was w\u00fcnschenswert erscheint\u201c, meint Siebke. Allerdings habe er bei seinen Kontakten zu verschiedenen \u00c4mtern die Erfahrung gemacht, dass die wirtschaftliche Situation der Kommune vorgebe, wie viel Unterst\u00fctzung jemand bekomme. \u201eDas f\u00fchrt zu unterschiedlichen Behandlungen, also immanentem Unrecht. Das \u00e4rgert mich.\u201c<\/p>\n<p>Wer unter dem Sparen an der falschen Stelle leidet, zeigt das Beispiel Jana Ruhland. Die 38-J\u00e4hrige ist schwer k\u00f6rperlich und geistig beeintr\u00e4chtigt, kann nur sehr kurze Strecken selbstst\u00e4ndig laufen, leidet unter Krampfanf\u00e4llen. Regelm\u00e4\u00dfig zu arbeiten, ist Jana nicht m\u00f6glich.<\/p>\n<p>Auf der Insel Usedom, auf der sie mit ihrem Eltern lebt, ist das Hilfsangebot wie auch andernsorts im l\u00e4ndlichen Raum begrenzt. Mehrere Jahre lang wurde sie mit einer anderen jungen Frau in einer speziellen F\u00f6rdergruppe betreut. Die Familie zog in die N\u00e4he, baute ein behindertengerechtes Haus. Doch dann wurde die Gruppe von jetzt auf gleich geschlossen, um Kosten zu sparen.<\/p>\n<p>Als w\u00e4re das der Probleme nicht genug gewesen, bescheinigte kurz darauf eine Gutachterin, dass f\u00fcr Jana kein F\u00f6rderbedarf bestehe \u2013 in anderen Worten: Sie k\u00f6nne einfach nichts lernen, da brauche man gar nicht erst f\u00f6rdern. \u201eDoch schon der Erhalt bestehender F\u00e4higkeiten ist ein Gewinn\u201c, meint Janas Mutter Christa Ruhland. Dabei habe die Pr\u00fcferin ihrer Tochter gerade einmal \u201eHallo\u201c und \u201eTsch\u00fcss\u201c gesagt und sie sonst kaum angesehen. \u201eIch hatte den Eindruck, sie ist mit dem Plan zu uns gekommen, uns einzusparen.\u201c<\/p>\n<p>Auf einen Gang vors Gericht verzichtete die Familie &#8211; selbst wenn sie gewonnen h\u00e4tte, h\u00e4tte es auf der Insel ja immer noch kein F\u00f6rderangebot gegeben. \u201eMan hat mir gesagt, ich solle mein Kind doch ins Heim geben. Aber das kommt nicht in Frage\u201c, sagt Ruhland. Stattdessen hat die Familie nun privat jemanden organisiert, der sich regelm\u00e4\u00dfig um Jana k\u00fcmmert. Das System, von dem sie eigentlich Hilfe erwartet hatte, nennt Ruhland zynisch.<\/p>\n<p>Von einem weiteren Aspekt fehlgeleiteter Sparbem\u00fchungen kann Jochen Wolf* erz\u00e4hlen. Er arbeitet in Hamburg bei einem Sozialdienst, der unter anderem Wohnheime f\u00fcr Menschen mit psychischer Behinderung betreibt. Weil auch Hamburg unter den steigenden Kosten leidet, wurde 2014 am System gefeilt. Seitdem bekommen die Tr\u00e4ger jedes Jahr ein festes Budget zugewiesen, das sie zur Unterst\u00fctzung ihrer Klienten einsetzen k\u00f6nnen. Damit soll der Anreiz genommen werden, den Hilfebedarf bei einzelnen nach oben zu schrauben, um die Gewinne zu vergr\u00f6\u00dfern. Gleichzeitig sei damit aber auch die Motivation genommen worden, die Menschen lange genug bei sich zu halten, meint Wolf.<\/p>\n<p>Gerade bei psychischen Behinderungen, zu denen etwa Depressionen, Angstst\u00f6rungen oder Schizophrenie geh\u00f6ren, wechselt der Unterst\u00fctzungsbedarf h\u00e4ufiger. Nach der neuen Regelung werde jemand gerne schneller aus einer station\u00e4ren Einrichtung in die ambulante Hilfe \u00fcberwiesen, als f\u00fcr ihn gut sei, so Wolf. \u201eWir sprechen vom Dreht\u00fcreffekt. Viele Betroffene landen danach bald wieder in einer station\u00e4ren Einrichtung. Den Menschen hilft das nicht, und Geld spart man so auch nicht.\u201c<\/p>\n<p>Zwar sieht auch Wolf ein, dass die immer weiter steigenden Kosten ein Problem darstellen. \u201eDen Stein der Weisen, wie man das \u00e4ndern k\u00f6nnte, habe ich aber noch nicht gefunden.\u201c<\/p>\n<p>Muss er auch nicht. Daf\u00fcr wird derzeit auf Bundesebene unter Beteiligung von Sozialverb\u00e4nden, Behindertenvertretern, Tr\u00e4gern und Kommunen vom Bundesministerium f\u00fcr Arbeit und Soziales ein \u201e<a href=\"http:\/\/www.gemeinsam-einfach-machen.de\/BRK\/DE\/StdS\/Home\/stds_node.html\" target=\"_blank\">Bundesteilhabegesetz<\/a>\u201c erarbeitet. Die Hoffnungen sind gro\u00df, dass dieses Gesetz alle bestehenden Probleme l\u00f6st: die explodierenden Kosten, die sich Kranken- und Rentenkassen, Jobcenter und Sozial\u00e4mter gegenseitig zuzuschieben versuchen. Die schwer durchschaubaren Formulare. Das Dickicht der Tr\u00e4ger und die Schwierigkeiten, sie zu kontrollieren. Die Anreize zum Betrug. Die Verschiebung des Fokus vom Menschen, der Hilfe braucht, auf die Kosten, die er verursacht.<\/p>\n<p>Wie genau das Teilhabegesetz diesen hohen Anspr\u00fcchen gerecht werden soll, ist noch nicht raus. Bislang gibt es nur allgemein gehaltener Formulierungen, dass Menschen mit Behinderungen individueller unterst\u00fctzt werden und im Zuge dessen mehr Selbstbestimmung zugestanden bekommen sollen. Zudem soll \u00fcberpr\u00fcft werden, ob die Eingliederungshilfen weiter als Sozialhilfen verbucht werden sollen \u2013 dieser Aspekt sorgt bislang daf\u00fcr, dass sich die Empf\u00e4nger der Hilfen oft einer finanziellen \u00dcberpr\u00fcfung unterziehen m\u00fcssen, wie sie auch bei Hartz-IV-Empf\u00e4ngern \u00fcblich ist, und zudem einen Teil ihres Einkommens an die Sozialkassen abtreten m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Au\u00dferdem soll die Zusammenarbeit zwischen \u00c4mtern und Kassen verbessert werden. Dadurch erhofft man sich auch eine effizientere Verwendung des Geldes. Dass der Anstieg der Kosten damit vollst\u00e4ndig gedeckelt werden kann, scheint man beim Bund aber nicht zu glauben: Dar\u00fcber hinaus wird eine Entlastung der Kommunen mit bis zu f\u00fcnf Milliarden Eu-ro pro Jahr in Aussicht gestellt.<\/p>\n<p>Von einer verst\u00e4rkten Kontrolle der Tr\u00e4ger ist nicht die Rede.<\/p>\n<p>\u201eWir wollen, dass wieder mehr auf den Menschen geguckt wird\u201c, sagt Ottmar Miles-Paul. Bis 2013 war er Landesbeauftragter f\u00fcr die Belange behinderter Menschen in Rheinland-Pfalz, heute ist er Sprecher der \u201e<a href=\"http:\/\/www.teilhabegesetz.org\/\/pages\/presse\/kontakt-fuer-die-presse.php\" target=\"_blank\">Kampagne f\u00fcr ein gutes Teilhabegesetz<\/a>\u201c, die von einer Vielzahl an Behindertenverb\u00e4nden getragen wird. Ihm schwebt vor, dass jeder nicht nur einen individuellen Plan f\u00fcr seine Teilhabe bekommt, sondern auch ein pers\u00f6nliches Budget, das er daf\u00fcr frei einsetzen kann. Die Koppelung der Zahlungen an einen vorher festgelegten Tr\u00e4ger soll damit aufgehoben werden.<\/p>\n<p>Bislang stehe bei den Eingliederungshilfen im Vordergrund, dass Menschen versorgt w\u00fcrden. Das \u201eWie\u201c trete dahinter zur\u00fcck, meint Miles-Paul. \u201eIn ein Heim oder eine Werkstatt zu kommen ist leicht. Doch wer selbstbestimmt leben oder einen Job auf dem regul\u00e4ren Arbeitsmarkt finden m\u00f6chte, hat es schwer.\u201c Dabei zeige die Erfahrung, dass gelungene Inklusion nicht nur den Menschen mit Behinderung gut t\u00e4te und verdeckte Potenziale freilege \u2013 \u201eIch kenne Leute, die doch noch Lesen gelernt oder einen Motorradf\u00fchrerschein gemacht haben, nachdem sie aus dem Werkstattumfeld heraus waren.\u201c Auf lange Sicht k\u00f6nne so auch Geld gespart werden. \u201eWer in einer Werkstatt arbeitet, verdient im Bundesschnitt 185 Euro im Monat und ist auf Grundsicherung angewiesen. Wer einen regul\u00e4ren Job hat, zahlt hingegen sogar selbst in das System ein.\u201c<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich kennt auch Miles-Paul die Sorgen angesichts der gestiegenen Kosten. Er glaubt, dass diese durch zu viel b\u00fcrokratischen Aufwand und komplizierte Zust\u00e4ndigkeiten in die H\u00f6he getrieben w\u00fcrden. \u201eDa ist viel Geld im Topf. Das muss effektiver genutzt werden\u201c, sagt er.<\/p>\n<p>Noch feilen das Ministerium und die diversen Interessenvertreter am Entwurf des Teilhabegesetzes. Im Laufe dieses Jahres solle der Entwurf jedoch vorliegen und das Gesetz 2016 verabschiedet werden, erkl\u00e4rt eine Ministeriumssprecherin.<\/p>\n<hr \/>\n<p><em>Die mit * gekennzeichneten Namen wurden auf Wunsch der Gespr\u00e4chspartner anonymisiert. Sie alle m\u00fcssen auch in Zukunft noch mit dem System Eingliederungshilfe leben und wollten durch \u00f6ffentliche \u00c4u\u00dferungen keine k\u00fcnftigen Hilfen gef\u00e4hrden.<\/em><\/p>\n<p><em>Dieser Artikel entstand mit Hilfe zahlreicher Krautreporter-Unterst\u00fctzer, die mir Einblick gew\u00e4hrt haben in ihre pers\u00f6nliche, gesundheitliche, famili\u00e4re, berufliche und manchmal auch finanzielle Situation. Nicht alle wollten im Artikel zitiert werden, manche haben einfach wichtige Kontakte hergestellt oder auf zentrale Punkte aufmerksam gemacht. Das war sehr hilfreich und toll. Vielen Dank!<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Krautreporter\u00a0vom 4. M\u00e4rz\u00a02015 Zwischen Schlaganfall und Papierkrieg lagen f\u00fcr Walter Behrend* nur ein paar Wochen. Eben noch hatte der 52-J\u00e4hrige mit beiden Beinen im Beruf gestanden. Nun musste er pl\u00f6tzlich nicht nur mit starken k\u00f6rperlichen Einschr\u00e4nkungen k\u00e4mpfen, sondern auch mit einem \u00fcberaus komplizierten Sozialsystem, von dem er nur wusste: Irgendwo hier sollte ihm jemand helfen [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[5],"tags":[],"class_list":["post-2979","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-texte"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2979","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2979"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2979\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3111,"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2979\/revisions\/3111"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2979"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2979"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2979"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}