{"id":267,"date":"2010-05-07T10:00:41","date_gmt":"2010-05-07T08:00:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.juliane-wiedemeier.de\/?p=267"},"modified":"2014-01-02T12:22:26","modified_gmt":"2014-01-02T11:22:26","slug":"jubel-uber-ne-funf-im-diktat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/?p=267","title":{"rendered":"Jubel \u00fcber ne F\u00fcnf im Diktat"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: left;\"><em>(taz vom 2. April 2009)<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Es ist kurz vor Mittag in der Vineta-Grundschule im Wedding. \u00dcber den Gang flitzen kleine Jungs in Anzughosen und M\u00e4dchen mit gro\u00dfen Haarschleifen in den sorgsam hochgesteckten Haaren. &#8222;Ich habe eine F\u00fcnf im Diktat&#8220;, ruft ein kleiner Kerl hoch erfreut. Es folgt ein Satz auf Russisch. Die Kinder lachen, dann holt ihre Lehrerin sie zur\u00fcck ins Klassenzimmer. Die T\u00fcr schlie\u00dft sich, und auf dem Gang ist es wieder so ruhig, wie man es an einem Samstag in einer Schule eigentlich erwartet.<\/p>\n<p>Die Russische Samstagsschule im Brunnenviertel existiert seit 2003. Sieben Klassen werden hier zurzeit angeboten, die von 150 Kindern zwischen 4 und 13 Jahren besucht werden. Alle haben mindestens ein Elternteil, das aus Russland oder einer der ehemaligen Sowjetrepubliken stammt; ihre Familien kamen als Sp\u00e4taussiedler nach Deutschland. Sie wurden teilweise hier, teilweise in der Heimat ihrer Eltern geboren und sollen nun neben dem regul\u00e4ren Unterricht unter der Woche am Samstag die russische Sprache und etwas \u00fcber die Kultur lernen. Schlie\u00dflich haben fast alle noch Verwandte in Russland, mit denen sie sich verst\u00e4ndigen wollen, oder die Eltern legen Wert auf die eben auch russisch gepr\u00e4gte Herkunft.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>In der 4. Klasse wird flei\u00dfig gearbeitet. Die Lehrerin Ludmilla Pracht spricht kaum Deutsch, aber Roman kann \u00fcbersetzen. &#8222;Wir spielen ein Spiel, um die russische Grammatik zu \u00fcben.&#8220; Es kursieren Papierstreifen, bedruckt mit kyrillischen Buchstaben. &#8222;Russisch ist nicht so einfach, es gibt ziemlich viele Regeln&#8220;, erkl\u00e4rt Roman. &#8222;Einige Buchstaben sind zum Beispiel nur daf\u00fcr da, zu zeigen, ob man andere Buchstaben hart oder weich aussprechen muss.&#8220; Der Elfj\u00e4hrige wurde im sibirischen Omsk geboren. Seit drei Jahren kommt er jeden Samstag aus Reinickendorf in die Russische Schule.<\/p>\n<p>&#8222;Wir sind die einzige Einrichtung dieser Art in Berlin&#8220;, sagt Schulleiterin Olga Delwa. Die Lehrerin f\u00fcr Mathe und Physik kam 1998 aus Kasachstan nach Berlin. Sie ist hat die Schule mit ins Leben gerufen, als sie f\u00fcr ihren Sohn einen Ort suchte, an dem er seine Muttersprache richtig lernen kann. Durch Mundpropaganda stieg die Nachfrage best\u00e4ndig, sodass 2007 sogar eine Filiale der Schule in Spandau er\u00f6ffnet wurde, die sich jedoch auf die F\u00f6rderung des Deutschen bei Kita- und Grundschulkindern spezialisiert hat.<\/p>\n<p>Nur 5 der 14 Kinder in der 4. Klasse sind in Deutschland geboren. Die meisten sprechen zu Hause mit ihren Eltern und Geschwistern russisch, dennoch ist ihr Deutsch weitgehend akzentfrei. Erstaunlich erwachsen erkl\u00e4ren sie unisono, wie wichtig es sei, Russisch nicht nur sprechen, sondern auch schreiben und die Grammatik beherrschen zu k\u00f6nnen. &#8222;Nat\u00fcrlich finde ich es manchmal unfair, wenn meine deutschen Freundinnen am Samstagvormittag freihaben, und wir m\u00fcssen t\u00fcfteln&#8220;, sagt Alexandra.<\/p>\n<p>Aber meist mache ihr die Schule Spa\u00df, und da sei das schon in Ordnung. Obwohl es im Gegensatz zur normalen Schule nur im Sommer Ferien gebe. Nicole erg\u00e4nzt: &#8222;Die Samstagsschule beginnt daf\u00fcr auch erst um zehn Uhr und dauert nur vier Stunden.&#8220; Au\u00dferdem werde viel spielerisch erlernt, weshalb sie es weniger als Unterricht denn als Freizeit wahrnehme. &#8222;Wir lesen viel, etwa M\u00e4rchen und russische Autoren. Das ist viel besser als in der deutschen Schule.&#8220;<\/p>\n<p>Wie viel Stoff den Kindern in der kurzen Zeit vermittelt wird, scheinen sie gar nicht zu bemerken. &#8222;Wir haben acht Lehrerinnen an der Schule&#8220;, erkl\u00e4rt Schulleiterin Delwa. Alle sind ausgebildete P\u00e4dagoginnen aus Russland, Kasachstan und der Ukraine. Da ihre Diplome in Deutschland nicht anerkannt werden und die Damen alle jenseits der 50 sind und Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache haben, bietet ihnen die Russische Schule die einzige M\u00f6glichkeit, ihrem alten Beruf zumindest am Wochenende nachzugehen. &#8222;Hier erarbeiten sie f\u00fcr ihre Klassen den Lehrplan selbst. Ziel ist es, dass die Kinder am Ende jedes Schuljahres auf dem gleichen Niveau sind wie gleichaltrige Sch\u00fcler in Russland.&#8220; Ein ehrgeiziger Plan, wenn man bedenkt, dass die Schule nicht nur auf vier Stunden in der Woche beschr\u00e4nkt ist, sondern die Klassen auch \u00e4u\u00dfert heterogen zusammengesetzt sind. &#8222;Wir haben Kinder, die sprechen zu Hause nur russisch, andere deutsch. Und wieder andere kommen aus Tschetschenien, sprechen tschetschenisch und sollen nun Russisch lernen, damit sie sich mit den Verwandten unterhalten k\u00f6nnen&#8220;, sagt Delwa.<\/p>\n<p>Tr\u00e4ger der Schule ist die Berliner Gesellschaft f\u00fcr F\u00f6rderung interkultureller Bildung und Erziehung. Finanziert wird sie durch Spenden. Pro Kind sollen 20 bis 25 Euro pro Monat gezahlt werden. &#8222;Aber wer mehrere Kinder an der Schule hat und das nicht finanzieren kann, darf auch weniger geben&#8220;, meint Delwa. Zus\u00e4tzlich gebe es eine kleine Unterst\u00fctzung vom Quartiersmanagement Brunnenviertel- Brunnenstra\u00dfe, damit man den Lehrerinnen wenigstens eine geringe Aufwandsentsch\u00e4digung f\u00fcr das Lehrmaterial zahlen k\u00f6nne. Die Nutzung der R\u00e4ume in der Vineta-Grundschule sowie im angrenzenden Olof-Palme-Jugendzentrum ist gratis. Stattfinden darf der Unterricht jedoch nicht in den Klassenzimmern, da dort pers\u00f6nliche Sachen der Grundsch\u00fcler liegen. &#8222;Wir nutzen die offiziellen Aufenthaltsr\u00e4ume, die jeden Samstag von den Lehrerinnen in Klassenzimmer verwandelt werden&#8220;, berichtet die Schulleiterin.<\/p>\n<p>Elena Lackmann kam vor f\u00fcnf Jahren mit ihrem Mann und ihren vier Kindern aus Moskau nach Berlin. Ihr j\u00fcngster Sohn, Georg, ist sieben Jahre alt und geht seit zwei Jahren auf die Russische Schule. Versch\u00e4mt dr\u00fcckt er sich an seine Mama und versucht, sich hinter ihren Beinen zu verstecken. Man mag nicht vermuten, dass dieser Knirps schon drei Sprachen flie\u00dfen sprechen kann. &#8222;Er geht auf die bilinguale Metropolitan School in Mitte&#8220;, berichtet seine Mutter stolz. &#8222;Dort lernt er auch gleich Englisch.&#8220; Russisch habe sie zun\u00e4chst mit ihm zu Hause ge\u00fcbt, schlie\u00dflich sei sie selbst mit dieser Sprache aufgewachsen und wolle sie an ihre Kinder weitergeben. Da ihr Sohn sprachbegabt sei, habe sie aber bald beschlossen, ihn ordentlich unterrichten zu lassen. &#8222;Georg ist wie ein Schwamm. Er mag es zu lernen&#8220;, sagt sie. &#8222;Sp\u00e4ter soll noch Chinesisch dazukommen.&#8220; Da grinst Georg und sagt: &#8222;Aber Deutsch ist meine Lieblingssprache.&#8220;<\/p>\n<p>Neben der Sprache stehen noch russische Musik und Lebenskunde auf dem Lehrplan. F\u00fcr die f\u00fcnfte und sechste Klasse kommen Geschichte, Geografie und Literatur dazu. Dar\u00fcber hinaus wird auch der intensive Sprachunterricht mit kulturellen Einsprengseln aufzulockern versucht. Bis sie 13 Jahre alt sind, m\u00fcssen die Kinder das n\u00f6tige R\u00fcstzeug zusammenhaben &#8211; wer danach weiter Russisch lernen m\u00f6chte, muss sich eine Oberschule mit entsprechendem Angebot suchen. &#8222;Ab der siebten Klasse haben die Jugendlichen f\u00fcr ihre deutschen Schulen so viel zu tun, dass ihnen Unterricht am Samstag nicht mehr zugemutet werden kann&#8220;, so Delwa.<\/p>\n<p>In der 4. Klasse ist man mittlerweile zum Lernen der Verkehrszeichen \u00fcbergegangen. &#8222;Die sehen zwar aus wie in Deutschland, haben aber ganz andere Namen&#8220;, erkl\u00e4rt Alexandra. In ihrem Heft hat sie die wichtigsten Zeichen aufgemalt und in ordentlichem Kyrillisch die Bedeutung daneben geschrieben. Wie ihren Klassenkameraden macht die Schrift ihr mittlerweile keine Probleme mehr. Und \u00fcber eine zus\u00e4tzliche russische F\u00fcnf im Diktat freuen sich auch die Eltern. Sie wissen, dass in Russland F\u00fcnf die beste Note ist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>150 Kinder lernen die Sprache und Kultur ihrer Eltern &#8211; die meisten sind Sp\u00e4taussiedler. Dass die 4- bis 13-J\u00e4hrigen auch am Wochenende die Schulbank dr\u00fccken m\u00fcssen, st\u00f6rt sie nicht. (taz vom 2. 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