{"id":2623,"date":"2013-09-26T17:42:35","date_gmt":"2013-09-26T15:42:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www.juliane-wiedemeier.de\/?p=2623"},"modified":"2013-09-26T17:50:34","modified_gmt":"2013-09-26T15:50:34","slug":"its-arrested-development","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/?p=2623","title":{"rendered":"It&#8217;s Arrested Development"},"content":{"rendered":"<p>Unl\u00e4ngst war ich zu Gast in einer privaten Medienhochschule, um \u00fcber meine Arbeit bei der Zeitung zu berichten, die wir <a href=\"http:\/\/prenzlauerberg-nachrichten.de\/\" target=\"_blank\">Prenzlette<\/a> nennen.<\/p>\n<p>In den Berliner Unis, die ich besucht habe, waren die R\u00e4ume stets \u00fcberf\u00fcllt, manche hatten statt Fenstern eine nicht funktionierende L\u00fcftung und mancher H\u00f6rsaal im Hauptgeb\u00e4ude der HU hatte so bedenkliche Risse in den W\u00e4nden, dass mich sehr wundert, das es immer noch steht. Der Fahrstuhl im Haus L der Publizisten in Lankwitz blieb \u00f6fter stecken, als dass er fuhr, die Bibliothek hatte noch ein Karteikartensystem. Und ja, \u00fcberraschender Weise stammen meine Erfahrungen aus diesem Jahrtausend.<\/p>\n<p>Doch ich schweife ab.<\/p>\n<p>Wir sa\u00dfen also in einem mit technischer Finesse ausgestatteten Raum, der mir als Studio vorgestellt wurde. Alle duzten sich, es gab Kaffee aus riesigen Tassen und irgendwann fragte eine Studentin, ob ich es denn als wichtig erachte, dass Redaktionen auch als Spiegel der Gesellschaft besetzt seien. Ich musste kurz nachfragen, ob ich das richtige verstanden h\u00e4tte, dass Menschen aus allen Schichten Journalist werden k\u00f6nnen sollten? Ja genau. Gute Frage.<\/p>\n<p>Denn ja, das finde ich. Aber ich glaube, es funktioniert gerade nicht.<\/p>\n<p>Ich sa\u00df, wie gesagt, in den schicken R\u00e4umen einer privaten Medienschule. Die Ausbildung dort, ich habe gegoogelt, kostet mehr als 600 Euro. Pro Monat. Dieser Weg ist also schonmal ziemlich vielen jungen Leuten verschlossen. (Gut, dass die Studenten dort immerhin solche Fragen stellen, finde ich. Doch das nur am Rande.)<\/p>\n<p>Der Besuch meiner oben beschriebenen staatlichen Unis war kostenlos. Damit das auch so bleibt, haben wir gef\u00fchlt ein Semester lang auf dem Alex gecampt. Doch im Journalismus ist das geb\u00fchrenfreie Studium nur die halbe Miete. Denn zwischen Uni und Job stehen im Zweifel Praktika und Volontariat. Wer da nicht eine spendable Oma oder freundliche Eltern hat, der kommt hier nicht durch.<\/p>\n<p>Nachdem ich mit der Uni fertig war und bevor ich mich endlich getraut habe, mich selbstst\u00e4ndig zu machen, habe ich diverse gar nicht oder schlecht bezahlte Praktika gemacht &#8211; nat\u00fcrlich Vollzeit. Wenn meine Eltern mich damals nicht unterst\u00fctzt h\u00e4tten, h\u00e4tte ich das mit dem Journalismus mal gleich lassen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Irgendwann habe ich dank der Praktika einen Volontariatsplatz bekommen, der mir zwar 500 Euro weniger als tariflich vorgesehen einbrachte, aber immerhin Miete, Essen und Diverses bezahlte. Sogar ein Eis konnte mir davon ab und leisten. Nur f\u00fcr den Kauf eines Autos hat es nicht gereicht. Dabei war meine weitere berufliche Zukunft gerade davon abh\u00e4ngig, weil ein Volontariat bei einer Lokalzeitung nicht ohne Auto geht, und das ist nat\u00fcrlich selbst mitzubringen. Auch hier konnten mir, mein Gl\u00fcck, nochmal meine Eltern aushelfen.<\/p>\n<p>Es ist nicht so, als sei ich nicht der Meinung, sp\u00e4testens nach dem Studienabschluss sollte man auch ohne Muttis finanzielle Hilfe \u00fcber die Runden kommen. Aber ich hatte mir bl\u00f6der Weise in den Kopf gesetzt, Journalistin zu werden, und dachte damals noch, dazu geh\u00f6re wohl ein Volontariat. Ohne (unbezahlte) Praktika im Lebenslauf aber kein Volo, kein Volo ohne Auto &#8211; und jetzt kommt endlich der Teil, in dem ich mich dar\u00fcber aufrege, dass unter diesen Bedingungen nur westdeutsche Akademikerkinder in den Beruf kommen, und dass ihm das schadet.<\/p>\n<p>Ich mag mich irren, aber in meiner privaten Filterblase sieht es genau so aus, dass die Leute mit Akademikereltern samt Vorstadth\u00e4uschen im Westen ab und zu mal ein Westpaket (auch in Form von \u00dcberweisungen) in Empfang nehmen k\u00f6nnen. Und diejenigen, deren Eltern statt des H\u00e4uschens den Sozialismus aufgebaut haben oder denen man den Unterschied zwischen Vorlesung und Seminar erst erkl\u00e4ren muss, eher nicht.<\/p>\n<p>Selbstverst\u00e4ndlich ist das ein generelles Problem. F\u00fcr den Journalismus, um deren Zukunft wir uns eh gerade sorgen, aber ein besonderes. Weil eine gute Zeitung eben davon lebt, dass ihre Autoren verschiedene Perspektiven, Lebenswirklichkeiten und Erfahrungshorizonte mitbringen. Und weil uns das bald fehlt.<\/p>\n<p>F\u00fcr Abhilfe k\u00f6nnten die Verlage sorgen, indem sie die elendigen Praktika f\u00fcr Menschen mit Uniabschluss, mit dem man aus dem F\u00f6rdersystem Baf\u00f6g herausf\u00e4llt, ganz abschaffen oder wenigstens angemessen bezahlen. Indem sie ihren Volont\u00e4ren ein Tarifgehalt g\u00f6nnen, das ja okay ist, solange es sich bei dem Volontariat auch um eine Ausbildung handelt und nicht um eine verkappte Redakteursstelle. Und indem sie sich nicht immer neue M\u00f6glichkeiten ausdenken, den Nachwuchs m\u00f6glichst lange in prek\u00e4ren oder gar unbezahlten Strukturen zu halten. Derzeit dienen dazu Volontariate mit mehr als zwei Jahren Laufzeit und obskure Trainee-Stellen, deren sch\u00f6ner Name nur verschleiern soll, dass hier ein Redakteursgehalt gespart wird.<\/p>\n<p>K\u00f6nnten sich die Verlage dazu durchringen, dann k\u00f6nnte der Journalismus auch wieder den offenen Berufszugang haben, der ihm zusteht, und der ihm gut tut. Derzeit bewegt sich aber nichts.<\/p>\n<p>Bis heute fragen sich Leute, warum eigentlich die SuperIllu in den neuen Bundesl\u00e4ndern so gerne gelesen wird. Ich habe mir sagen lassen, dass l\u00e4ge daran, dass viele Ostdeutsche sich in den Themen etablierter Zeitungen mit West-Vergangenheit nicht wiederf\u00e4nden. Und nein, dies ist nicht der richtige Zeitpunkt f\u00fcr schlechte Witze \u00fcber unzug\u00e4ngliche ZK-Sprache, sondern einfach ein Hinweis darauf, dass f\u00fcr im Westen Sozialisierte in diesem Jahr der Tod Otfried Preu\u00dflers ein Thema war, um im Osten der von\u00a0Reinhard Lakomy. Zeitungen brauchen Leute, die beides einzusch\u00e4tzen wissen. So wie Zeitungen Leute brauchen, deren Eltern Schuster oder Fris\u00f6r oder Fleischfachverk\u00e4ufer sind und nicht nur Apotheker, Lehrer oder Architekten.<\/p>\n<p>Das alles habe ich den Studenten an der Uni erz\u00e4hlt. Kurz darauf musste ich dann richtigstellen, dass ich jetzt schon lange ohne die Unterst\u00fctzung meiner Eltern klar komme.\u00a0Doch dass Journalismus derzeit eine Branche ist, in der sich Vollzeit arbeitende Freiberufler fragen lassen m\u00fcssen, ob sie denn von Vatis Rente leben, das Fass machen wir dann ein anderes Mal auf.<img decoding=\"async\" alt=\"\" src=\"http:\/\/vg09.met.vgwort.de\/na\/e10043a6a2524828a4300eaf0b15512b\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unl\u00e4ngst war ich zu Gast in einer privaten Medienhochschule, um \u00fcber meine Arbeit bei der Zeitung zu berichten, die wir Prenzlette nennen. 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