{"id":260,"date":"2010-05-07T10:10:16","date_gmt":"2010-05-07T08:10:16","guid":{"rendered":"http:\/\/www.juliane-wiedemeier.de\/?p=260"},"modified":"2014-01-02T12:22:04","modified_gmt":"2014-01-02T11:22:04","slug":"das-volk-huldigt-seiner-konigin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/?p=260","title":{"rendered":"Das Volk huldigt seiner K\u00f6nigin"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: left;\"><em>(taz vom 18. Oktober 2009)<\/em><\/p>\n<p>Lothar G\u00fcnther steht genau da, wo alle hinwollen, die sich am Samstagvormittag irgendwo zwischen Lustgarten und Museumsinsel in die Warteschlange eingereiht haben: am Eingang des Neuen Museums. G\u00fcnther ist Leiter des Wachdienstes der Staatlichen Museen zu Berlin, und an diesem Er\u00f6ffnungswochenende, wo ganz Berlin kostenlos der K\u00f6nigin huldigen will, besonders wichtig. Das erkennt man auch an der Freisprecheinrichtung, die an seinem rechten Ohr klemmt.<\/p>\n<p>&#8222;Zurzeit sind 1.250 Menschen im Museum, mehr lassen wir gleichzeitig nicht rein&#8220;, erkl\u00e4rt er. &#8222;Bei einer Verweildauer von zwei Stunden im Durchschnitt k\u00f6nnen Sie sich ausrechnen, wie lange die Leute heute warten m\u00fcssen.&#8220; Mit Hilfe der Polizei habe man die Schlange schon umgeleitet in den Lustgarten, damit der Verkehr nicht blockiert werde. &#8222;Aber wir wussten ja, was auf uns zukommt.&#8220;<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Michaela Verb\u00fcchen ist weniger entspannt. Gemeinsam mit ihrem Mann macht sie f\u00fcnf Tage Urlaub in Berlin. &#8222;Als wir heute Morgen im Radio von der Museumser\u00f6ffnung geh\u00f6rt haben, sind wir gleich hergekommen.&#8220; Seit zwei Stunden stehe sie nun in der Schlange, st\u00e4ndig dr\u00e4ngele sich jemand vorbei. &#8222;Trier ist ja nur eine kleine Stadt, aber als wir die gro\u00dfe Ausstellung zu Kaiser Konstantin hatten, da war das besser organisiert.&#8220; Trotzdem: F\u00fcr Nofretete lohne sich die lange Warterei allemal. Ein Gl\u00fcck, dass genau jetzt der Mann vom Wachschutz nickt und Verb\u00fcchen, ihren Mann und eine Handvoll Wartender in die heiligen Hallen einl\u00e4sst.<\/p>\n<p>Verglichen mit dem Menschenauflauf drau\u00dfen ist es im Haus unglaublich ruhig und leer. Kein Gewusel, kein Gedr\u00e4nge, an der Garderobe warten vier Menschen. Die Kunst hat Platz. Hier wird nicht gesprochen, hier wird gefl\u00fcstert, wenn \u00fcberhaupt, denn die meisten der Besucher lauschen mehr oder weniger and\u00e4chtig ihrem Audioguide, w\u00e4hrend sie in die Vitrinen starren. Gest\u00f6rt wird die Stille nur durch die knarzenden Funkger\u00e4te des Sicherheitspersonals.<\/p>\n<p>Martina Holzmannova und Veronika Kolavikova sitzen in einer Nische und fallen auf. 17 und 19 Jahre alt sind die beiden Sch\u00fclerinnen aus Tschechien und damit deutlich j\u00fcnger als der Durchschnitt. &#8222;Wir besuchen das Museum mit unserer Klasse&#8220;, erz\u00e4hlt Holzmannova in schleppendem Englisch. Sie h\u00e4tten allerdings nicht gewusst, dass es erst an diesem Wochenende wiederer\u00f6ffnet worden sei. &#8222;Wir mussten lange warten, aber die Architektur des Geb\u00e4udes und die alte Kunst gefallen mir.&#8220;<\/p>\n<p>In der ersten Etage wird es dann doch ein wenig eng. Hier steht alleine in einem achteckigen Raum die B\u00fcste der Nofretete, die Hauptattraktion der Ausstellung. Gerade dreht der RBB und sorgt mit gro\u00dfen Scheinwerfern f\u00fcr eine optimale Ausleuchtung. Zus\u00e4tzlich k\u00e4mpfen unz\u00e4hlige Fotografen mit gro\u00dfen Teleobjektiven, Stativen und drei Ersatzkameras um den Hals um die beste Perspektive f\u00fcr ein Bild vom Profil der K\u00f6nigin, dazwischen wuseln die Hobby-Fotografen mit Kleinkameras und Fotohandys. Ohne Chance bleibt die Aufseherin, die alle 20 Sekunden verzweifelt ihr Mantra wiederholt: &#8222;Bitte kein Blitzlicht.&#8220;<\/p>\n<p>Im obersten Stockwerk h\u00e4ngt Vitus schlapp wie ein Schluck Wasser im Scho\u00df seiner Mutter. Der Zehnj\u00e4hrige ist so ersch\u00f6pft, dass er nur noch in W\u00f6rtern antworten kann. Wie es ihm gefallen hat? &#8222;Gut.&#8220; Und die Nofretete? &#8222;Interessant.&#8220; Die Familie sei eigens aus Magdeburg angereist, erkl\u00e4rt seine Mutter Waltraud Kraft. &#8222;Vitus nimmt die \u00c4gypter gerade in der Schule durch, und nachdem ich im Fernsehen einen Bericht \u00fcber die Wiederer\u00f6ffnung gesehen hatte, haben wir f\u00fcr heute einen Familienausflug geplant.&#8220; \u00dcber eine Stunde h\u00e4tten sie warten m\u00fcssen, aber darauf sei man eingestellt gewesen. &#8222;Gegen die K\u00e4lte hilft die richtige Kleidung.&#8220;<\/p>\n<p>Raus aus dem Neuen Museum geht es ganz schnell durch den Hintereingang Am Kupfergraben. Dort versammeln sich die m\u00fcden Reisegruppen. Derweil erzeugt die langsam kriechende Schlange am Hauptportal einen R\u00fcckstau bis vor den Berliner Dom. Zwei gesch\u00e4ftst\u00fcchtige junge Leute bauen neben den Wartenden ihren W\u00fcrstchenstand auf. Sie haben Zeit.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zwei Stunden Wartezeit nehmen die Berliner in Kauf, um die Nofretete am Er\u00f6ffnungswochenende des Neuen Museums zu sehen. 16.500 str\u00f6men bei freiem Eintritt in die Ausstellung. (taz vom 18. Oktober 2009)<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[5],"tags":[],"class_list":["post-260","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-texte"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/260","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=260"}],"version-history":[{"count":12,"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/260\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2711,"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/260\/revisions\/2711"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=260"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=260"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=260"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}