{"id":2591,"date":"2013-08-15T15:02:57","date_gmt":"2013-08-15T13:02:57","guid":{"rendered":"http:\/\/www.juliane-wiedemeier.de\/?p=2591"},"modified":"2014-01-02T12:13:12","modified_gmt":"2014-01-02T11:13:12","slug":"stadtlust","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/?p=2591","title":{"rendered":"Stadtlust"},"content":{"rendered":"<p><em>Journalist vom Juni 2013<\/em><\/p>\n<p>Eine Menge Deutsche m\u00fcssen ziemlich ungl\u00fccklich sein mit ihrem Wohnort. Anders l\u00e4sst sich kaum erkl\u00e4ren, dass fast drei Viertel von ihnen in St\u00e4dten leben, aber am Zeitungskiosk vor allem Magazine zu finden sind, die das Landleben preisen. Sie hei\u00dfen <i>Landidee<\/i>, <i>Liebes Land<\/i>, <i>Mein sch\u00f6nes Land<\/i> oder <i>Landspiegel<\/i>. Die <i>Landlust<\/i> als Mutter dieser Zeitschriften kam zuletzt auf unglaubliche 1,1 Millionen Exemplare. So hoch lag die verkaufte Auflage im ersten Quartal 2013 \u2013 mehr als <i>Spiegel<\/i> oder <i>Stern<\/i>.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Doch w\u00e4hrend <i>Landlust<\/i>-Leser noch eifrig dabei sind, Waldmeister zu trocknen und sich selbst ein Gew\u00e4chshaus zu zimmern (wie in Ausgabe Mai\/Juni empfohlen), macht sich eine Gegenbewegung zum Thema \u201eStadt\u201c bereit. Im Januar ist die Zeitschrift <i>Stadtaspekte<\/i> erstmals an die Kioske gekommen. Die Auflage von 8000 Exemplaren ist noch vergleichsweise gering; halbj\u00e4hrlich wird das Magazin in Zukunft erscheinen. Schon seit Jahren w\u00e4chst die Zahl der Blogs, die sich mit urbanen Themen besch\u00e4ftigen. <i>Stadtaspekte <\/i>hat aus dieser Szene heraus nun den Sprung an den Kiosk gewagt.<\/p>\n<p>Christina Riesenweber arbeitet als Lektorin bei einem Wissenschaftsverlag, Sebastian Schl\u00fcter promoviert in Kultur- und Sozialgeografie. Beide r\u00e4umen gerade die letzten Reste des Abendbrots vom Tisch, als um halb acht in Schl\u00fcters Berliner Wohnung das Interview beginnt. Noch gibt es keine Redaktionsr\u00e4ume, und noch verdienen alle zehn Redakteure ihr Geld in anderen Jobs, so lassen sich Zeit und Ort erkl\u00e4ren. Die Wohnung liegt in einem unsanierten 50er-Jahre-Block mit Ofenheizung und Blick auf eine sozialistische Plattenbausiedlung. Direkt vor der T\u00fcr rauscht die S-Bahn vorbei. Gro\u00dfst\u00e4dtischer geht nicht.<\/p>\n<p>Im vergangenen Jahr sind Riesenweber und Schl\u00fcter einem Aufruf zweier Berliner Geographiestudenten gefolgt, die Mitstreiter f\u00fcr ein Zeitschriftenprojekt suchten. Kein Stadtmagazin sollte es werden, wo Konzerte, Partys und das Kinoprogramm angek\u00fcndigt werden, sondern ein Magazin f\u00fcr Stadtthemen. Dass das ein gro\u00dfer Unterschied ist, beweist schon ein kurzer Blick in das entstandene Heft: Wie lebt es sich in der schrumpfenden einstigen Autostadt Detroit? Wie reist es sich im Frauenabteil eines Pendlerzugs in Mumbai? Und was haben Zimmerpflanzen mit der Errungenschaft der Fernw\u00e4rme-Heizung zu tun? Die Artikel spielen in allen Ecken der Welt und beleuchten die verschiedensten Aspekte, die eine Stadt so mit sich bringt.<\/p>\n<p>Mit viel Wei\u00dfraum und seinem modernem Layout erinnert das Heft ein wenig an Brand eins. Trotzdem sagt Riesenweber: \u201eWir wollen kein Hochglanzmagazin produzieren, sondern eine Plattform bieten, auf der Menschen, die sich mit dem Thema auskennen, publizieren k\u00f6nnen.\u201c Zur Redaktion geh\u00f6ren nicht nur Fachleute wie Stadtplaner, Soziologen und Architekten, sondern auch erfahrene Medienmacher. Sie sollen helfen, die Br\u00fccke von der Fachliteratur zur breiten \u00d6ffentlichkeit zu schlagen.<\/p>\n<p>Bislang finden Stadt-Themen bei den etablierten Medien vorwiegend in den Lokalteilen statt: In Frankfurt diskutiert man, wie sich auf dem zentralen Goetheplatz neue B\u00e4ume mit Wurzelbed\u00fcrfnis mit der Tiefgarage im Untergrund vertragen. In Berlin wird gegen Eigentumswohnungen auf dem ehemaligen Todesstreifen an der Mauer gek\u00e4mpft, und in der Mainzer Neustadt pflanzen urbane G\u00e4rtner Kartoffeln. In die Magazine und \u00fcberregionalen Bl\u00e4tter schaffen es nur wenige Themen \u2013 entweder, weil sie wie der Streit um Stuttgart 21 eskalieren, oder wegen eines Kuriosit\u00e4tsfaktors, wenn etwa auf dem Dach einer alten Malzfabrik in Berlin Tempelhof Fische gez\u00fcchtet werden sollen. Eine regelm\u00e4\u00dfige Berichterstattung gibt es aber nicht. Welches Ressort sollte daf\u00fcr auch verantwortlich sein?<\/p>\n<p>Dabei haben die St\u00e4dte wieder an Anziehungskraft gewonnen. Nachdem die Deutschen noch in den 90er Jahren lieber ins Gr\u00fcne zogen, hat sich der Trend zuletzt umgedreht: Laut einer Prognose der Vereinten Nationen sollen 2020 \u00fcber 78 Prozent der Menschen in Deutschland in St\u00e4dten leben \u2013 derzeit sind es noch vier Prozent weniger. Reurbanisierung nennen das die Fachleute; das \u201eRe\u201c unterscheidet diese zweite Welle der Verst\u00e4dterung von der Urbanisierung im 19. Jahrhundert.<\/p>\n<p>Parallel sorgen einige gesellschaftliche Str\u00f6mungen daf\u00fcr, dass sich die Menschen st\u00e4rker mit ihrem direkten Umfeld auseinandersetzen. Welche das sind, das kann Jakob F. Schmid gut erkl\u00e4ren. Der Hamburger ist Stadtplaner und betreibt seit zwei Jahren das Blog <i>Stadtnachacht.de<\/i>, welches sich mit St\u00e4dten in der Nacht besch\u00e4ftigt: Wie sich Clubkultur und Nachbarn mit Schlafbed\u00fcrfnis vertragen, welche Stra\u00dfenbeleuchtung sinnvoll ist, und wann und wie man am besten einen Supermarkt beliefert, der mitten in Wohngebiet liegt.<\/p>\n<p>In seinem Blog sammelt Schmid dazu wissenschaftliche Erkenntnisse und Beispiele aus der Praxis, womit er zu einer Vielzahl von Stadtexperten geh\u00f6rt, die Urbanit\u00e4t im Internet zum Thema machen. \u201eDie Idee daf\u00fcr kam mir, als ich mich beruflich mit der Situation der Livemusikclubs in St. Pauli besch\u00e4ftigte\u201c, erz\u00e4hlt er. \u201eAuf den ersten Blick scheint deren Bestand eine kulturpolitische Frage zu sein. Doch eigentlich geht es um Stadtentwicklung und die planerischen Voraussetzungen f\u00fcr ein attraktives, kulturell vielf\u00e4ltiges und sozial inklusives Nachtleben.\u201c<\/p>\n<p>Damit hat Schmid t\u00e4glich vor Augen, wie sich Anwohner verst\u00e4rkt einmischen in alles, was in ihrer Nachbarschaft passiert. Verantwortlich daf\u00fcr sei das ver\u00e4nderte Demokratieverst\u00e4ndnis und der Wunsch nach Partizipation &#8211; nicht nur alle vier Jahre zur Wahl, meint er. Das zeige sich bei den Protesten gegen den Stuttgarter Tiefbahnhof im Gro\u00dfen ebenso wie bei der B\u00fcrgerinitiative f\u00fcr einen Zebrasteifen im Kleinen. \u201eZudem werden mit dem demografischen Wandel, den Ver\u00e4nderungen in der Erwerbswelt und der Ausdifferenzierung der Lebensstile h\u00f6here und spezifischere Anforderungen an die lokale Infrastruktur gestellt\u201c, erkl\u00e4rt Schmid. Wenn Frauen nicht mehr in ihrem Vorstadthaus die Kinder h\u00fcten und die Gro\u00dfeltern nicht mehr im Nachbardorf wohnen, wird die Kita um die Ecke unverzichtbar, hei\u00dft das \u00fcbersetzt. \u201eAlles zusammen sorgt daf\u00fcr, dass das Thema Stadt zunehmend in den Fokus r\u00fcckt und in der breiten \u00d6ffentlichkeit diskutiert wird.\u201c<\/p>\n<p>Ein sonniger Nachmittag am Helmholtzplatz in Berlin Prenzlauer Berg. Wo einst Arbeiter und K\u00fcnstler in abbruchreifen Wohnungen mit Au\u00dfenklo lebten, sind heute hippe Caf\u00e9s und Kinderl\u00e4den. Die Mieten steigen, die Penner verschwinden und Parkpl\u00e4tze werden f\u00fcr Carsharing-Autos freiger\u00e4umt. \u00dcber die Klingelschilder hat jemand mit Schablone gesprayt: \u201eFolgende Mitb\u00fcrger werden zum Klassenkampf aufgerufen:\u201c. Streetart, Gentrifizierung, neue Verkehrsstrategien, alles auf engstem Raum.<\/p>\n<p>Hier arbeitet Hans-Hermann Albers. Eigentlich ist er Architekt. In seiner Freizeit schreibt er jedoch f\u00fcr das 2006 gegr\u00fcndete Blog <i>urbanophil.net<\/i>. \u00dcber 20 Autoren der unterschiedlichen Fachrichtungen besch\u00e4ftigen sich dort mit urbanen Themen. \u201eDas Blog bietet die M\u00f6glichkeit, \u00fcber Stadtplanung, Stadtentwicklung, Architektur und urbane Kultur zu diskutieren und diese Themen aus der Wissenschaftsecke herauszuholen\u201c, sagt Albers. \u201eUnsere Zielgruppe sind nicht nur Experten, sondern alle, die sich f\u00fcr das Thema interessieren.\u201c<\/p>\n<p>Aktuell steht auf der Seite ein Film, in dem New Yorker versuchen, ihre Stadt mit drei W\u00f6rtern zu beschreiben. Eine Veranstaltungsreihe zum Thema \u201eWem geh\u00f6rt die Stadt\u201c wird angek\u00fcndigt, ein Buch \u00fcber Zwischennutzung rezensiert und eine Fotoserie eines Pariser K\u00fcnstlers vorgestellt. Mittels Fotomontage zeigt er, wie der Sternenhimmel \u00fcber Gro\u00dfst\u00e4dten auss\u00e4he, wenn dieser nicht vor lauter Stra\u00dfenbeleuchtung und Lichtreklamen kaum zu sehen w\u00e4re. \u201eWir betrachten Entwicklungen in der Stadt und setzen auf einen kritischen und analytischen Diskurs\u201c, meint Albers. \u201eMit einem Wohlf\u00fchlmagazin wie Landlust haben wir nichts gemein.\u201c<\/p>\n<p>Mindestens 15.000 Seitenaufrufe verzeichnet <i>urbanophil.net<\/i> im Monat. Eine Refinanzierung durch Anzeigen gibt es nicht. Die Herausgabe einer gedruckten Zeitschrift w\u00fcrde zwar immer mal wieder diskutiert, erz\u00e4hlt Albers. Die Sorge, dass sich durch eine Professionalisierung auch der Charakter des Blogs ver\u00e4ndert w\u00fcrde, h\u00e4tte sie aber bislang davon abgehalten. \u201eDerzeit bedeutet ein knappes Budget vor allem eine schlanke Struktur und freies Arbeiten.\u201c<\/p>\n<p>Bei den <i>Stadtaspekten<\/i> hat man sich bewusst anders entschieden: Die Zeitschrift soll sich am Kiosk behaupten; das funktioniert nur, wenn professionell gearbeitet wird. Trotzdem l\u00e4uft derzeit noch einiges anders, als man es von gro\u00dfen Magazinen kennt. Ein Beispiel daf\u00fcr ist der \u201eCall for Papers\u201c, mit dem die Arbeit an jeder neuen Ausgabe beginnt. Aus der Wissenschaft stammt die Idee, sich zu einem vorgegebenen Thema fertige Texte und Fotos zusenden zu lassen, und daraus auszuw\u00e4hlen. Ein Honorar gibt es selbst bei Abdruck nicht. F\u00fcr jeden freien Journalisten ist dieses System ein Alptraum; bei <i>Stadtaspekte<\/i> funktioniert es trotzdem. \u201eNat\u00fcrlich ist es unser Ziel, Honorare zu zahlen\u201c, meint Sebastian Schl\u00fcter. Aber derzeit gebe es einfach kein Geld, das zu verteilen w\u00e4re. Auch die Redakteure gehen bislang leer aus.<\/p>\n<p>Deren Hauptaufgabe ist die Auswahl \u2013 sie nennen es Kuratieren \u2013 und das Redigieren der Texte. Letzteres ist besonders wichtig, weil einem \u201eCall for Papers\u201c eben eher Wissenschaftler als Journalisten folgen. \u201eWir m\u00fcssen die wissenschaftliche Schreibe aus den Texten herausholen\u201c, erkl\u00e4rt Christina Riesenweber. Nicht bei allen Artikeln ist das im aktuellen Heft jedoch gelungen. M\u00f6chte sich <i>Stadtaspekte<\/i> in Zukunft eine gr\u00f6\u00dfere Leserschaft erschlie\u00dfen, m\u00fcssen die Texte noch anschaulicher und die Herangehensweise an Themen weniger akademisch werden.<\/p>\n<p>Die andere Baustelle sind die Anzeigen. Die Anschubfinanzierung f\u00fcr Druck und Vertrieb der ersten Ausgabe erfolgte \u00fcber eine Crowdfunding-Kampagne bei <i>startnext.de.<\/i> Dank dieses Spendenaufrufs wurden 5000 Euro gesammelt, zu denen noch die 7,90 Euro pro Exemplar aus dem Kioskverkauf und ein bisschen Geld aus Anzeigen kommen. In der aktuellen Ausgabe hat die taz annonciert und die d\u00e9rive, eine Zeitung f\u00fcr Stadtforschung aus Wien. \u201eWir haben uns erstmal dem Redaktionellen gewidmet. Doch nun m\u00fcssen wir uns dringend um den Aufbau einer guten Anzeigenabteilung k\u00fcmmern\u201c, meint Schl\u00fcter. Es ist eine einfache Rechnung: Ohne Refinanzierung wird Stadtaspekte auf die Dauer nur als Liebhaberprojekt existieren k\u00f6nnen, das vielleicht seine interessierten Fachleser findet, aber am Kiosk untergeht.<\/p>\n<p>\u00c4hnlich ist es dem <i>Urban Spacemag<\/i> ergangen. 2008 wurde die Zeitschrift von Hamburger Stadtplanern ins Leben gerufen, um die gro\u00dfe L\u00fccke zwischen akademischem Fach- und Szenemazin f\u00fcr die Stadt zu schlie\u00dfen. Ohne Geld und via \u201eCall for Papers\u201c wurden mittlerweile vier Ausgaben mit einer Auflage von zuletzt 1000 St\u00fcck an Fachbuchhandlungen verteilt und \u00fcber das Netz verkauft. Das letzte Heft stammt vom Oktober 2011, das n\u00e4chste soll wohl noch in diesem Jahr erscheinen. \u201eWenn es fertig ist, ist es fertig\u201c, sagt Rudolf D. Kl\u00f6ckner, einer der Gr\u00fcnder.<\/p>\n<p>Eigentlich arbeitet er derzeit f\u00fcr die Internationale Bauausstellung Hamburg \u2013 eine Tochtergesellschaft der Stadt, die damit beauftragt ist, Entw\u00fcrfe f\u00fcr die Zukunft der Metropole zu erstellen. Nebenher betreibt er noch das Blog <i>urbanshit.de<\/i>, das sich mit Streetart und urbaner Kultur besch\u00e4ftigt, und dann ist da noch das <i>Urban Spacemag<\/i>. Als es an den Start ging, habe es Gespr\u00e4che \u00fcber eine Zusammenarbeit mit einigen kleineren Verlagen gegeben, erz\u00e4hlt Kl\u00f6ckner. \u201eLetztendlich haben wir uns doch dazu entschlossen, selbstbestimmt arbeiten zu k\u00f6nnen. Da wir alle unser Geld mit anderen Projekten verdienen, gibt es keinen \u00f6konomischen Druck.\u201c<\/p>\n<p>F\u00fcr die Macher mit festen Jobs au\u00dferhalb des Journalismus mag das eine Erleichterung sein. F\u00fcr ihre Zeitschrift bedeutet es aber, dass sie sich wohl kaum bei einer gr\u00f6\u00dferen Leserschaft etablieren kann. Dabei ist das auch mit Nischenthemen und ohne gro\u00dfen Verlag im R\u00fccken durchaus m\u00f6glich, wie die <i>Landlust<\/i> aus dem Landwirtschaftsverlag M\u00fcnster<i> <\/i>bewiesen hat. Manchmal haben die Kleinen den besseren Riecher f\u00fcr kommende Themen. Sie brauchen nur den Mut, die Marktl\u00fccke auch zu besetzen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die meisten Deutschen leben in St\u00e4dten und kaufen Zeitschriften \u00fcber das Landleben. Das soll sich \u00e4ndern, finden die Macher des neues Magazins Stadtaspekte. Schon seit Jahren besch\u00e4ftigen sich Blogs intensiv mit urbanen Themen. Mit den Stadtaspekten wagt sich nun erstmals eine Zeitschrift aus dieser Szene an den Kiosk. 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