{"id":2589,"date":"2012-11-15T15:00:02","date_gmt":"2012-11-15T14:00:02","guid":{"rendered":"http:\/\/www.juliane-wiedemeier.de\/?p=2589"},"modified":"2014-01-02T12:14:05","modified_gmt":"2014-01-02T11:14:05","slug":"bye-bye-bio-biotop","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/?p=2589","title":{"rendered":"Bye Bye Bio-Biotop"},"content":{"rendered":"<p><em>Prenzlauer Berg Nachrichten vom 7. November 2012<\/em><\/p>\n<p>In Prenzlauer Berg zu wohnen ist schon l\u00e4ngst mehr als eine einfache Adressangabe. Es ist eine Diagnose, und die Symptome sind weithin bekannt: im Biomarkt einkaufende, sp\u00e4tgeb\u00e4rende Milchkaffee-Trinker, die aus Schwaben hergezogen sind und alteingesessene Clubs wegklagen. Wohin man auch kommt, das Prenzlauer-Berg-Klischee ist immer schon da. Auch weit \u00fcber die Grenzen von Berlin hinaus.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Nicht ganz unschuldig daran ist Henning Su\u00dfebach. Im November 2007 ver\u00f6ffentliche er in der \u201eZeit&#8220; seinen Text\u00a0<a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2007\/46\/D18-PrenzlauerBerg-46\" target=\"_blank\">\u201eBionade Biedermeier&#8220;<\/a>&#8211; ein pr\u00e4gnantes Stadtteilportrait voller Kinder-Yoga und im LPG-Markt-Kunden, das Prenzlauer Berg als Inbegriff eines neuen Spie\u00dfertums beschrieb.<\/p>\n<p>F\u00fcnf Jahre ist das her. Was ist seitdem passiert?<\/p>\n<p>Die Mieten sind gestiegen, noch mehr Clubs weggezogen, massig Baul\u00fccken geschlossen worden. Stillende M\u00fcttern wurden mit Milchk\u00fchen verglichen. Ein Zeitungsaustr\u00e4ger z\u00fcndete in Hausfluren Kinderwagen an, um seiner Abneigung gegen Schwaben Ausdruck zu verleihen. \u201eGentrifizierung&#8220;, einst ein Fachbegriff aus der Stadtsoziologie, zog in den Wortschatz von Grundsch\u00fclern ein. Und Bionade geh\u00f6rt mittlerweile zum Dr.-Oetker-Konzern.<\/p>\n<p>Der Ort, den Henning Su\u00dfebach damals aus seiner Wahrnehmung beschrieben hat, ist ein glatt polierter, an dem die Menschen keine Sorgen kennen, solange die Sojamilch f\u00fcr den Kaffee nicht ausgeht. Wenn es doch mal nicht so gut l\u00e4uft, zahlen sie den Kredit f\u00fcr die Eigentumswohnung im Zweifel bei Vati ab. Es gibt kein Problem, das man mit Yoga nicht l\u00f6sen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Wenn es so einfach w\u00e4re. Jede Woche gibt es neue Meldungen, wer sich den Prenzlauer Berg nicht mehr leisten kann &#8211; Rentner, Theater, Caf\u00e9s. Selbst der Bezirk will sein Bezirksamt an der Fr\u00f6belstra\u00dfe abwickeln. L\u00e4ngst klagen auch diejenigen \u00fcber steigende Mieten, die vor ein paar Jahren die Mietspirale mit in Gang gebracht haben. F\u00fcr die sozial Schw\u00e4cheren wird die Lage damit noch schlechter.<\/p>\n<p>Millionen von Euro sind seit den 1990ern in die Sanierung der Kieze um den Kollwitz, Teutoburger oder Helmholtzplatz geflossen, damit die verrottenden H\u00e4user von damals wieder bewohnbar werden. Doch beim Versuch der behutsamen Stadterneuerung ist man v\u00f6llig \u00fcber das Ziel hinaus geschossen. Die Sozialstruktur wurde zerst\u00f6rt, die Bev\u00f6lkerung ausgetauscht, und die Mieten explodierten. Erst langsam beginnt die Politik sich einzugestehen, dass hier etwas geh\u00f6rig schief gelaufen ist. Mittlerweile sucht sie nach geeigneten Mittel, dieser Entwicklung entgegen zu steuern &#8211; bislang vergeblich.<\/p>\n<p>In der Bugwelle dieses Problems ist ein Streit um die Deutungshoheit im Kiez ausgebrochen. Er funktioniert nach der simplen Regel: Wer fr\u00fcher da war, hat mehr recht; wer sp\u00e4ter dazugekommen ist, hat alles kaputt gemacht. Obwohl alle die gleiche Sorge umtreibt, wird sich lieber gegenseitig die Schuld in die Schuhe geschoben. Die Wohnungen werden teuerer, der Hass wird gr\u00f6\u00dfer. Beides nervt.<\/p>\n<p>Wie einfach es sein kann, die Stimmung zu verbessern, wei\u00df\u00a0<a href=\"http:\/\/admin.prenzlauerberg-nachrichten.de\/alltag\/_\/hausbesuchwins-17509.html\" target=\"_blank\">Stephanie Quitterer<\/a>. Im Juli letzten Jahres kam sie auf die Idee, mit Kaffee und Kuchen ausger\u00fcstet an Wohnungst\u00fcren ihrer Nachbarschaft im Winskiez zu klingeln. Etwa 100 Mal hat sie an fremden K\u00fcchentischen gesessen und dort \u00fcber Gott und die Welt geredet. Und nat\u00fcrlich \u00fcber die Probleme im Bezirk. \u201eMein Blick auf das Ph\u00e4nomen Gentrifizierung ist politischer geworden&#8220;, sagt sie. Statt die Energie beim Schwaben-Hass und M\u00fctter-Bashing zu vergeuden, solle man sie besser auf die Politiker richten, die etwas ver\u00e4ndern k\u00f6nnten. \u201eMan muss den N\u00e4hrboden untersuchen, und nicht das Feindbild.&#8220; Quitterer sagt, sie habe gelernt, zu differenzieren anstatt sich auf den ersten Eindruck zu verlassen. Das t\u00e4te den Klischee-Verbreitern auch mal ganz gut.<\/p>\n<p>Und der n\u00e4chste Schritt? Anpacken.\u00a0<a href=\"http:\/\/admin.prenzlauerberg-nachrichten.de\/alltag\/_\/arnswalder-platz-17932.html\" target=\"_blank\">Stefan Gehrke\u00a0<\/a>verdient sein Geld unter der Woche als politischer Berater. Am Wochenende sammelt er alte Zigarettenstummel am Arnswalder Platz zusammen, schneidet Hecken, harkt Laub. Gehrke hat eine B\u00fcrgerinitiative mitgegr\u00fcndet, die sich in Zukunft mehr um die Pflege des Platzes k\u00fcmmern will. Wer ihm B\u00f6ses will, behauptet, er f\u00fchre dort die Kehrwoche ein. Dabei will er einfach, dass dieser nicht weiter verwildert, sondern als Anlaufstelle f\u00fcr Menschen aus dem B\u00f6tzowviertel und der Gr\u00fcnen Stadt funktioniert, die sich beide derzeit eher aus dem Weg gehen. Gehrke geht es um Nachbarschaft und Sozialgef\u00fcge, obwohl doch in Prenzlauer Berg vermeintlich nur Selbstverwirklichung und Individualismus Platz haben.<\/p>\n<p>Dass sich die Anwohner selbst um die Pflege des Platzes k\u00fcmmern m\u00fcssen, ist einer weiteren entscheidenden Ver\u00e4nderung geschuldet. Denn nachdem der Bezirk viele Jahre von massiven F\u00f6rderungen durch Bund und Land profitiert hat, versiegen diese Finanzstr\u00f6me stetig. Jetzt macht sich bemerkbar, dass Prenzlauer Berg zu einem Bezirk geh\u00f6rt, der den Betrieb gerade noch so aufrecht erhalten kann, und zu einem Land, das schon seit Jahren pleite ist.<\/p>\n<p>\u00dcberall fehlt es an Geld, f\u00fcr die Sanierung von Spielpl\u00e4tzen und Gehwegen ebenso wie f\u00fcr den Erhalt von Senioreneinrichtungen oder Theatern. Von Parkpflege ganz zu schweigen. Beim Spaziergang kann man Prenzlauer Berg zwar als Biotop der Sch\u00f6nen und Kreativen erleben, so wie Su\u00dfebach vor f\u00fcnf Jahren schrieb. Aber jeder, der sich intensiver mit dem Stadtteil auseinandersetzt, wei\u00df, dass man es sich damit zu leicht macht. Da klafft eine riesige L\u00fccke zwischen dem Klischee des vermeintlich reichen Bezirks ohne Probleme\u00a0 &#8211; und der Realit\u00e4t.<\/p>\n<p>Als die Zeit des urspr\u00fcnglichen Biedermeier vor knapp 160 Jahren vorbei war, folgte die Revolution. Der Bionade-Variante t\u00e4te es schon ganz gut, wenn sich alle mal zusammenrissen und Lust h\u00e4tten, ihren Stadtteil gemeinsam voranzubringen.<\/p>\n<p>Das Klischee kann derweil ja mal Pause machen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Prenzlauer Berg sei alles so &#8222;Bionade Biedermeier&#8220;, befand vor f\u00fcnf Jahren die &#8222;Zeit&#8220;. Dann kamen Mietexplosion und Schwabenhass und rissen ein riesiges Loch zwischen Klischee und Realit\u00e4t. (Prenzlauer Berg Nachrichten vom 7. November 2012)<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[5],"tags":[],"class_list":["post-2589","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-texte"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2589","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2589"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2589\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2684,"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2589\/revisions\/2684"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2589"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2589"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2589"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}