{"id":2320,"date":"2013-02-28T17:33:38","date_gmt":"2013-02-28T16:33:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.juliane-wiedemeier.de\/?p=2320"},"modified":"2013-02-28T17:52:31","modified_gmt":"2013-02-28T16:52:31","slug":"my-litte-corner-of-the-world","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/?p=2320","title":{"rendered":"My little corner of the world"},"content":{"rendered":"<p>Wenn man sich im eh nicht sonderlich hoch angesehenen Berufsfeld der Journalisten besonders schlecht stellen will, dann hat man zwei M\u00f6glichkeiten: Man macht was mit diesem Internet oder man spezialisiert sich aufs Lokale. Wie ich es von mir nicht anders erwarte, habe ich mich dazu entschlossen, beides zu verbinden und Online-Lokaljournalismus zu machen. In der heutigen Folge dieses kleinen Blogs m\u00f6chte ich erkl\u00e4ren, warum eigentlich, und damit gleich mal \u00f6ffentlich die sch\u00f6ne Frage beantworten, die mir unl\u00e4ngst gestellt wurde:<\/p>\n<p>&#8222;Juliane, warum greifst Du eigentlich mit beiden H\u00e4nden ins Klo?&#8220;<\/p>\n<p>Die Sache mit dem Online ist sehr leicht zu beantworten: Ich mag das Internet. Wenn ich abends ins Bezirksparlament gehe, steht der Text am gleichen Abend online, und nicht erst am \u00fcbern\u00e4chsten Morgen auf Totholz. Ich kann auf Quellen verlinken, komplette Dokumente ver\u00f6ffentlichen, kann mit den Lesern diskutieren und zu sp\u00e4t eingetroffene Stellungnahmen nachtragen. Ganz abgesehen davon, dass ich mich daf\u00fcr an keine Zeilenvorgaben halten muss. Und ja &#8211; die Besucher aus dem Jahr 2002 wird das wundern: Ich kann sogar richtigen Journalismus machen. Auch wenn sich sehr beharrlich ein gegenteiliges Ger\u00fccht h\u00e4lt, darf man auch f\u00fcr Online recherchieren und mehr als dpa-Meldungen schlecht abschreiben, und \u00fcberraschender Weise ist der Klickstreckenzwang doch nicht im Grundgesetz verankert. Man kann es ja nicht oft genug wiederholen: Die Qualit\u00e4t eines Textes h\u00e4ngt nicht vom Tr\u00e4germedium ab. Und deshalb gibt es f\u00fcr mich wirklich keinen Grund, meine ausdrucken zu wollen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"http:\/\/www.juliane-wiedemeier.de\/wp-content\/uploads\/2013\/02\/IMG_10701.jpg\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter  wp-image-2350\" alt=\"IMG_1070\" src=\"http:\/\/www.juliane-wiedemeier.de\/wp-content\/uploads\/2013\/02\/IMG_10701.jpg\" width=\"490\" height=\"225\" srcset=\"https:\/\/www.juliane-schader.de\/wp-content\/uploads\/2013\/02\/IMG_10701.jpg 1000w, https:\/\/www.juliane-schader.de\/wp-content\/uploads\/2013\/02\/IMG_10701-300x137.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 490px) 100vw, 490px\" \/><\/a><\/p>\n<address style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #888888;\">Prenzlauer Berg. Auch anders als man denkt.<\/span><\/em><\/address>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Womit wir zum Lokalen kommen. Was in meinem Fall, das sei fairer Weise gleich einger\u00e4umt, ja Berlin im Allgemeinen und den Prenzlauer Berg im Speziellen bedeutet. Falls etwas auf den ersten Blick klingen kann, dann tut es das hier f\u00fcr mich geringf\u00fcgig spannender als etwa die Magdeburger B\u00f6rde oder L\u00fcdenscheid. Aber ich wohne da ja auch nicht, und genau das ist doch der Punkt: Wer gerne dort lebt, wo er lebt, findet immer spannende Geschichten. Dem gleichen Prinzip verdanken wir st\u00fcndlich neue Eintr\u00e4ge in Blogs \u00fcber Rosenz\u00fcchtung, Pedik\u00fcre oder Eisangeln: Hat man erst einmal angefangen, sich f\u00fcr etwas zu interessieren, muss man die herumliegenden Themen nur noch aufschreiben.<\/p>\n<p>Aber wo wir gerade von Themen und Pedik\u00fcre sprechen &#8211; widment wir uns dem gr\u00f6\u00dften Vorurteil: Es mag ja im lokalen Themen geben, aber die sind alle so spannend wie Fu\u00dfn\u00e4gelreste.<\/p>\n<p>Ich denke, die gr\u00f6\u00dfte \u00dcberraschung dieses Textes wird der nun folgende Satz sein: Man muss gar nicht \u00fcber Kaninchenz\u00fcchtervereine schreiben. Obwohl ich pers\u00f6nlich durchaus eine 300-Zeilen-Reportage \u00fcber ein Z\u00fcchtertreffen und all die Absurdit\u00e4ten, die damit zusammenh\u00e4ngen, lesen w\u00fcrde. Daf\u00fcr gibt es auch im Kleinen relevante Politik, Wirtschaft und Menschen mit spannenden Projekten, die in keinem Verein organisiert sein und zu Jahreshauptversammlungen laden m\u00fcssen, um einen Text wert zu sein. Fragen Sie sich doch einfach mal, warum der Schwager des Stadtrats eigentlich sein Haus auf der letzten freien Wiese direkt am Markt errichten durfte, und Sie haben am Ende vielleicht nicht Angela Merkel entmachtet, aber doch was f\u00fcr den demokratischen Auftrag getan, den dieser Job so mit sich bringt.<\/p>\n<p>Woran sich gleich viele kleine weitere sch\u00f6ne Vorteile des Lokaljournalismus anschlie\u00dfen: Im Gegensatz zu Angie habe ich den Stadtrat gleich am Telefon, und er wird mich mit h\u00f6chster Wahrscheinlichkeit weder direkt mit PR-Floskeln zudr\u00f6hnen noch darauf bestehen, in einer Freigabe die letzte Verst\u00e4ndlichkeit aus den Zitaten herauszupr\u00fcgeln. Lokal ist superdirekt. Und es verzeiht weniger Fehler. Selbst im Politikteil der SZ d\u00fcrfte ich ziemlichen Quatsch \u00fcber Barack Obama schreiben k\u00f6nnen, ohne dass es irgendwelche Folgen hat. Versuchen Sie das mal mit dem \u00f6rtlichen B\u00fcrgermeister, den sie morgen nochmal wegen des neuen Spielplatzes anrufen m\u00fcssen. \u00dcbermorgen wegen der Schulversorgung. Und in zwei Wochen wegen der geplanten M\u00fcllkippe. Womit auch gleich umrissen w\u00e4re, was den Lokaljournalismus f\u00fcr Menschen wie mich so spannend macht, die sich f\u00fcr alles interessieren, aber f\u00fcr nichts richtig: ich darf \u00fcber alles schreiben. Als Freie h\u00e4tte auf dem Markt sonst nur eine Chance, wenn ich mich spezialisieren w\u00fcrde, etwa auf die genaue Rolle seltener Erden in der Handyproduktion oder\u00a0die Farbe der Krawatten von FDP-Politikern. F\u00fcr den Fall, dass darauf nicht immer &#8222;Gelb&#8220; die richtige Antwort sein sollte.<\/p>\n<p>Nein, ich werde im Lokalen vermutlich weder Prominente noch Politiker von \u00fcberregionaler Wichtigkeit kennenlernen &#8211; den Witz, dass das im Fall von Herrn Br\u00fcderle f\u00fcr junge Journalistinnen ja auch von Vorteil sein kann, d\u00fcrfen Sie jetzt gerne selber machen. Und auch die sch\u00f6ne Vergabe lustiger Preise an Menschen, die lieber vom B\u00fcro aus schreiben als sich vor Ort mal umzusehen, wird immer ohne mich stattfinden. Ich kenne eine Regionalzeitung, die diesen Makel zu beseitigen versucht, indem sie selbst einen Preis seltsamen Namens erschuf und ihn seit Jahren dem einzigen Investigativkollegen des Hauses verleiht. Aber ganz ehrlich: W\u00e4re ich Lehrer oder Baggerfahrer, bek\u00e4me ich auch keinen Orden. Obwohl sie nat\u00fcrlich sollten. Weil sie einen wichtigen Beitrag f\u00fcr unsere Gesellschaft leisten. (Ich bin echt die K\u00f6nigin der miesen \u00dcberleitung.) Genauso wie Journalisten.<\/p>\n<p>Ich hatte es ja schon angedeutet: Die Sache mit der vierten Gewalt, sie gilt auch im Lokalen. Oder besser: erst recht, weil im Zweifel sonst gar niemand draufschaut und aufschreibt, dass sich der Schwimmbadbau verz\u00f6gert, weil irgendwo im Verwaltungsgetriebe zwei Millionen Euro verschwunden sind. Niemand bemerkt, dass es mit dem Recht auf einen Kitaplatz an der Basis doch nicht funktioniert. Oder aufdeckt, dass sich eine rechte Gruppierung formiert, deren Anh\u00e4nger eben lieber in Dorfkneipen konspirieren als im Borchardt. Vielleicht h\u00e4tten wir sogar von den Baupl\u00e4nen an der East-Side-Gallery etwas fr\u00fcher erfahren, wenn ein paar mehr Journalisten regelm\u00e4\u00dfig im Friedrichshainer Lokalparlament rumgehangen h\u00e4tten.<\/p>\n<p>Was direkt zu dem Teil f\u00fchrt, in dem ich kurz ausf\u00e4llig werde: Denn wer zur H\u00f6lle hat eigentlich beschlossen, dass diese Art von Journalismus nur mit einem Spa\u00dfgehalt honoriert\u00a0werden darf? <a href=\"http:\/\/www.journalismus.com\/job\/honorare\/print.php?s=a\" target=\"_blank\">10 Cent pro Zeile<\/a>, ernsthaft? Und sogar das ist Euch Verlagen zu viel, sodass ihr den lokalen Acker lieber gleich durch Rentner und Hausfrauen mit Tagesfreizeit bewirtschaften lasst, denen der sch\u00f6ne Titel Leserreporter mehr als Lohn genug ist? Ach, geht sterben in Eurer Ignoranz gegen\u00fcber der Tatsache, dass der von Euch so verehrte USP, den Geisterwissenschaftlern unter uns auch als Alleinstellungsmerkmal bekannt, das Lokale sein k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>&#8211; Schreimodus aus &#8211;<\/p>\n<p>Ich mag meinen Job also, und ich kann derzeit davon auch leben, auch wenn ich es befremdlich finde, dass ich das als Vollzeit arbeitende Journalistin \u00fcberhaupt dazu sagen muss. Zwei Griffe ins Klo k\u00f6nnen also durchaus auch eine gute Sache sein. Womit ein Bilderbuchhafter Themenbogen geschlagen w\u00e4re, dem ich aber zum Schluss noch einen Aspekt anh\u00e4ngen muss. Weil wir ja eingangs von Vorurteilen sprachen. Hier noch ein kleines Geheimnis, das leider auch unter praktizierenden Lokaljournalisten noch viel zu unbekannt ist:\u00a0Es gilt auch als Lokaljournalismus, wenn nicht erw\u00e4hnt wird, dass f\u00fcr das leibliche Wohl gesorgt wurde und der Wettergott gn\u00e4dig war. Verbreiten Sie es ruhig weiter.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn man sich im eh nicht sonderlich hoch angesehenen Berufsfeld der Journalisten besonders schlecht stellen will, dann hat man zwei M\u00f6glichkeiten: Man macht was mit diesem Internet oder man spezialisiert sich aufs Lokale. Wie ich es von mir nicht anders erwarte, habe ich mich dazu entschlossen, beides zu verbinden und Online-Lokaljournalismus zu machen. 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