{"id":2191,"date":"2012-06-13T18:35:55","date_gmt":"2012-06-13T16:35:55","guid":{"rendered":"http:\/\/www.juliane-wiedemeier.de\/?p=2191"},"modified":"2014-01-02T12:14:56","modified_gmt":"2014-01-02T11:14:56","slug":"kaufrausch-auf-kosten-der-stadt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/?p=2191","title":{"rendered":"Kaufrausch auf Kosten der Stadt"},"content":{"rendered":"<p><em>(taz vom 9. Juni 2012)<\/em><\/p>\n<p><em><\/em>Den Friedrichshainern wird ihr Spreeufer langsam, aber sicher zum \u00c4rgernis. Schon die riesige O2-Mehrzweckhalle zwischen Ostbahnhof und Warschauer Stra\u00dfe wird von vielen als Fremdk\u00f6rper empfunden \u2013 nun soll direkt daneben ein Shoppingcenter entstehen. \u201eSpree Shopping Berlin\u201c, so der Arbeitstitel, den der Bauherr dem Vorhaben verpasst hat. 120 L\u00e4den sollen auf 25.000 Quadratmetern und drei Etagen unterkommen \u2013 das entspricht etwa zwei Dritteln des \u201eAlexa\u201c am Alexanderplatz. Braucht Berlin wirklich noch so einen Kasten mit dem selben Angebot wie alle anderen?<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Gl\u00fccklich mit den Pl\u00e4nen ist auch der Bezirk nicht. Vor allem die anvisierte Gr\u00f6\u00dfe bereitet dem gr\u00fcnen Bezirksb\u00fcrgermeister von Friedrichshain-Kreuzberg, Franz Schulz, Sorgen: \u201eDas Center w\u00fcrde Kaufkraft von dem bestehenden Zentrum um den Ostbahnhof abziehen und dessen Existenz gef\u00e4hrden\u201c, glaubt er. \u00dcberhaupt entspreche eine Shoppingmall ohne direkte Anbindung an ein existierendes Gesch\u00e4ftszentrum nicht mehr dem Stand der Stadtplanung. \u201eDas widerspricht unserem Ziel, gro\u00dffl\u00e4chigen Einzelhandel nur noch in integrierten Lagen zu erm\u00f6glichen\u201c, wie Schulz es auf Planungsdeutsch ausdr\u00fcckt.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich entscheiden auch in einer Marktwirtschaft nicht nur Angebot und Nachfrage dar\u00fcber, wo neue Gesch\u00e4ftszentren entstehen. Ab einer Ladenfl\u00e4che von 800 Quadratmetern redet die Politik mit. Sprich: Einen Backshop oder einen kleinen Schreibwarenhandel darf man er\u00f6ffnen, wo man m\u00f6chte, bei einem gro\u00dfen Supermarkt oder Einkaufszentren braucht es der Genehmigung durch Bezirk und Land.<\/p>\n<p>Was dabei erlaubt wird, regelt ein Stadtentwicklungsplan. Etwa alle f\u00fcnf Jahre wird dieses Regelwerk \u00fcberarbeitet, die aktuelle Fassung namens \u201eStadtentwicklungsplan Zentren 3\u201c wurde im vergangenen Jahr durch den Senat beschlossen. An ihm m\u00fcssen sich die Bezirke orientieren, wenn sie Bebauungspl\u00e4ne aufstellen und damit gro\u00dffl\u00e4chigen Einzelhandel genehmigen oder untersagen.<\/p>\n<p>Das Ziel laut Plan: Berlin soll seine vielen Einzelhandelszentren erhalten und daf\u00fcr sorgen, dass dort ein vielf\u00e4ltiges Angebot herrscht. Spandauer sollen in Spandau nicht nur Lebensmittel kaufen k\u00f6nnen, sondern auch mal eine neue Hose oder einen K\u00fchlschrank. Wert wird auch darauf gelegt, dass die Einkaufsstra\u00dfen zu Fu\u00df oder mit Bus und Bahn erreichbar sind. Dinge des t\u00e4glichen Bedarfs wie Lebensmittel oder Zeitungen sollen auch au\u00dferhalb der Zentren in Wohngebieten angeboten werden.<\/p>\n<p>Hier zeigt sich: Der Plan gibt zwar vor, was erstrebenswert ist, bis ins letzte Detail kontrollieren kann er die Realisierung aber nicht. Schlie\u00dflich kann der Senat keinen B\u00e4cker oder Tante-Emma-Laden zwingen, sich in einem abgelegenen Wohngebiet niederzulassen. Einfluss nehmen kann er daf\u00fcr, sobald es \u00fcber die 800-Quadratmeter-Marke und damit an die gro\u00dfen, pr\u00e4genden Gesch\u00e4fte geht.<\/p>\n<p>\u201eDer Stadtentwicklungsplan sagt nicht: So viele Shoppingcenter sind m\u00f6glich\u201c, erkl\u00e4rt Daniela Augenstein, Sprecherin der Senatsverwaltung f\u00fcr Stadtentwicklung und Umwelt. \u201eEs geht um das Wo und das Wie.\u201c Wichtig sei dabei, dass keine Mall in der N\u00e4he eines bestehenden Gesch\u00e4ftszentrums entstehe und mit diesem konkurriere.<\/p>\n<p>Genau das ist das Argument von Bezirksb\u00fcrgermeister Schulz gegen das \u201eSpree Shopping\u201c. Dumm nur, dass der Senat und damit die h\u00f6here Instanz das genau andersherum interpretiert. \u201eWir sehen in diesem Fall keine Konkurrenz, sondern eine Erg\u00e4nzung\u201c, meint Sprecherin Augenstein. Hinzu kommt, dass vor acht Jahren ein st\u00e4dtebaulicher Vertrag geschlossen wurde, der dem Investor bis zu 50.000 Quadratmeter Verkaufsfl\u00e4che zugesagt hat. Dagegen hilft auch der aktuelle Stadtentwicklungsplan nicht mehr.<\/p>\n<p>Immerhin, lernen l\u00e4sst sich aus der Situation: Ein Einkaufszentrum an einer existierenden Einkaufsstra\u00dfe ist gut, eines in ein paar hundert Metern Entfernung ist schlecht. Doch warum ist das so? War nicht allgemein bekannt, dass die gro\u00dfen Shoppinggalerien generell b\u00f6se und ablehnenswert sind, weil sie die kleinen, unabh\u00e4ngigen L\u00e4den in den Ruin treiben? Und zwar erst recht, wenn sie in deren direkter Nachbarschaft liegen?<\/p>\n<p>So einfach k\u00f6nne man sich das nicht machen, meint Karin Wessel, Wirtschaftsgeografin an der Humboldt-Universit\u00e4t. \u201eShoppingcenter k\u00f6nnen bestehende Zentren auch aufwerten\u201c, sagt sie. An der Karl-Marx-Stra\u00dfe sei das etwa durch die \u201eNeuk\u00f6lln-Arcaden\u201c geschehen. Ein Fachgesch\u00e4ft mit einem besonderen Sortiment, das sich mit dem Center erg\u00e4nze \u2013 etwa ein Brautmodengesch\u00e4ft \u2013 k\u00f6nne sogar von der Laufkundschaft profitieren. Schwieriger werde es f\u00fcr L\u00e4den mit \u00e4hnlichem Sortiment, weil die Filialen in den Centern meist g\u00fcnstigere Preise anbieten. Pauschal urteilen k\u00f6nne man aber auch hier nicht. \u201eWenn Nachfrage und Kaufkraft gro\u00df genug sind, gibt es auch ausreichend Gesch\u00e4fte jenseits der Center\u201c, meint Wessel. Das sehe man in Prenzlauer Berg, wo es neben H&amp;M auch viele kleine Boutiquen gebe.<\/p>\n<p>Aber selbst wenn nicht jedes Shoppingcenter inhabergef\u00fchrten Gesch\u00e4ften den Tod bringt \u2013 einen guten Ruf genie\u00dfen die Giganten dennoch nicht. Das liegt zum einen an ihrem stark standardisierten Angebot. Meist sind es gro\u00dfe Ketten, die sich in den Centern einmieten und daf\u00fcr sorgen, dass man kaum unterscheiden kann, ob man gerade in Steglitz oder Marzahn einkauft. Zum anderen ist kein Center in Berlin bekannt, das als architektonische Bereicherung durchgehen kann. \u00dcber 60 dieser standardisierten H\u00e4sslichkeiten gibt es mittlerweile in der Stadt. Nach der Wende halfen sie die Unterversorgung mit Einzelhandel im Ostteil auszugleichen\u00a0<em>(s. Kasten).\u00a0<\/em>Mittlerweile scheint die S\u00e4ttigung erreicht.<\/p>\n<p>\u201eDer Wettbewerbsdruck unter den Centern ist enorm\u201c, beschreibt Nils Busch-Petersen, Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer des Handelsverbandes Berlin-Brandenburg, die Lage. In einigen Vierteln kannibalisierten sich die Einkaufszentren schon. Daraus einen generellen Baustopp abzuleiten, sei aber auch nicht richtig. Neben der O2-Halle sei durchaus noch Platz f\u00fcr ein solches Zentrum, und auch in Pankow, wo eines in der N\u00e4he des S-Bahnhofs entstehen soll, erkennt Busch-Petersen Bedarf. Und es k\u00f6nne sich immer eine L\u00fccke auftun, wo selbst sein Verband keine mehr sehe. \u201eDen Erfolg des Alexa etwa hatten wir so nicht vorausgesehen\u201c, sagt er.<\/p>\n<p>Auch Wirtschaftsgeografin Wessel h\u00e4lt eine Obergrenze f\u00fcr Shoppingcenter nicht f\u00fcr sinnvoll. Schlie\u00dflich spiele nicht nur die Kaufkraft der Umgebung eine Rolle, sondern auch die Anziehungskraft auf Touristen oder einkaufslustige Brandenburger. \u201eDie f\u00fcnf Einkaufszentren der Steglitzer Schlossstra\u00dfe etwa werden nicht nur von den \u2013 finanzstarken \u2013 Anwohnern besucht, sondern haben Ausstrahlung auf ganz Berlin und auch aufs Umland\u201c, so Wessel.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Friedrichshainer ist das alles nur ein schwacher Trost. Immerhin hat der Bezirk nun ein eigenes Einzelhandelskonzept erdacht, das den Stadtentwicklungsplan des Senats auf Bezirksebene herunterbricht. Es gibt der Verwaltung ebenso wie potenziellen Investoren klare Regeln, wo und in welcher Gr\u00f6\u00dfe sich welche Art von Einzelhandel ansiedeln kann. Zum Beispiel werden konkrete Orte genannt, wo noch Wachstumsbedarf gesehen wird \u2013 auf der Halbinsel Stralau, am Mehringplatz, im Graefekiez. Zudem bietet das Konzept M\u00f6glichkeiten, auch bei Gesch\u00e4ften mit weniger als 800 Quadratmetern regelnd einzugreifen. \u201eVorher war es f\u00fcr uns als Bezirk schwer, Einzelhandel zu steuern\u201c, meint B\u00fcrgermeister Schulz. Bezirksentscheidungen habe der Senat wieder ausgehebelt. \u201eDieses Problem soll das Konzept l\u00f6sen.\u201c<\/p>\n<p>Schulz bekommt in seinem Kampf gegen Shoppingcenter noch von anderer Seite Unterst\u00fctzung: durch die Zeit. \u201eDie Entwicklung ist noch nicht abgeschlossen\u201c, meint Karin Wessel. Im 20. Jahrhundert seien es die Kaufh\u00e4user gewesen, die die kleinen L\u00e4den in die Enge trieben. Heute gebe es Einkaufszentren, daf\u00fcr machten Hertie und Karstadt pleite. \u201eWenn nun jemand die Idee f\u00fcr ein neues Einzelhandelsformat hat, das von vielen Menschen angenommen wird\u201c, mutma\u00dft die Expertin, \u201ekann es auch den Shoppingcentern wieder an den Kragen gehen.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcber 60 Einkaufszentren gibt es schon in Berlin. Jetzt soll ein weiterer Shopping-Gigant am Friedrichshainer Spreeufer entstehen. Ob diese Center nun gut oder schlecht sind f\u00fcr die anderen Einzelh\u00e4ndler, dar\u00fcber wird noch gestritten, und geforscht. (taz vom 9. Juni 2012)<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[5],"tags":[],"class_list":["post-2191","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-texte"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2191","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2191"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2191\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2686,"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2191\/revisions\/2686"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2191"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2191"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2191"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}