{"id":1954,"date":"2012-01-11T14:56:29","date_gmt":"2012-01-11T13:56:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.juliane-wiedemeier.de\/?p=1954"},"modified":"2014-01-02T12:16:53","modified_gmt":"2014-01-02T11:16:53","slug":"gruse-von-ralf-an-den-portier-vom-adlon","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/?p=1954","title":{"rendered":"Gr\u00fc\u00dfe von Ralf an den Portier vom Adlon"},"content":{"rendered":"<p>(taz vom 6. Januar 2012)<\/p>\n<p>Auf dem Oberdeck ist man auch schon morgens um neun bestens gelaunt. &#8222;Hallo, Oberdeck!&#8220;, begr\u00fc\u00dft Ralf, der Reisef\u00fchrer, vom Unterdeck des Busses \u00fcber das Mikrofon die dort versammelten Rentner. Die gr\u00fc\u00dfen mit heftigem Getrampel zur\u00fcck. Es folgt ein &#8222;Hallo, Unterdeck!&#8220; und auch dort Getrampel. &#8222;F\u00fcr wen war das denn? F\u00fcr die Berliner M\u00e4use?&#8220;, fragt Ralf. &#8222;Schreib alle meine Witze mit, die sind gut&#8220;, hat er beim Besteigen des Reisebusses gesagt &#8211; so soll es sein.<\/p>\n<p>Seit dem vorangegangenen Tag ist die 60-k\u00f6pfige Gruppe aus dem Ruhrgebiet in Berlin. Fr\u00fchmorgens sind sie mit dem Doppeldecker in Essen losgefahren, haben mittags im Park Inn am Alexanderplatz eingecheckt und sp\u00e4ter einen Bummel durch die Hackeschen H\u00f6fe absolviert. Heute folgt eine eint\u00e4gige Stadtrundfahrt mit Stopps zum Fotografieren. Nach f\u00fcnf Tagen wird es f\u00fcr alle wieder nach Hause gehen, ganz ohne auf einem Bierfahrrad den Verkehr aufgehalten, den Anwohnern der Admiralbr\u00fccke den Schlaf geraubt oder in einer Ferienwohnung Kiezbewohner verdr\u00e4ngt zu haben. Sie machen vielmehr, was man von Touristen erwartet: im Hotel wohnen, in vermeintlichen Ur-Berliner Kneipen fettig essen &#8211; und Stadtrundfahrten unternehmen.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Ralf Lillig ist ein agiler Endf\u00fcnfziger mit Jeans, Glatze, randloser Brille und Schnauzer. Er hat schon vor der Wende Reisegruppen nach Berlin begleitet und besteht darauf, dass man ihn Ralf nennt: &#8222;Wir Reisende, wir duzen uns.&#8220; Vorn rechts an der Windschutzscheibe des gro\u00dfen gelben Reisebusses sitzt er und erkl\u00e4rt den gut gelaunten Rentnern, was da alles an ihnen vorbeizieht. Vom Alexanderplatz geht es \u00fcber die Karl-Marx-Allee und die Warschauer Stra\u00dfe zur Oberbaumbr\u00fccke und der East-Side-Gallery. In den zw\u00f6lf Minuten, die diese Fahrt dauert, schafft Ralf es von der Stadtgr\u00fcndung bis zum Mauerfall, er nennt Klaus Wowereit &#8222;eine Lichtgestalt&#8220; und die Mehrzweckhalle am Ostbahnhof <em>&#8222;den<\/em> Ort f\u00fcr Musikhighlights in Berlin&#8220;. Zeit f\u00fcr den Witz \u00fcber das DDR-Warenhaus, in dem ein Kunde fragt, ob es denn keine M\u00f6bel gebe, ist auch noch: &#8222;Keine M\u00f6bel haben wir in der vierten Etage, hier in der zweiten haben wir keine Teppiche.&#8220; Das Oberdeck lacht.<\/p>\n<p>An der M\u00fchlenstra\u00dfe f\u00e4hrt Bernd Raddatz, der Busfahrer, zum ersten Mal rechts ran. Jetzt haben alle 15 Minuten Zeit, Fotos von den verbliebenen Mauerst\u00fccken an der East-Side-Gallery zu machen &#8211; oder was man im November-Fr\u00fchnebel davon erkennen kann. W\u00e4hrend viele den geheizten Bus lieber nicht verlassen, riskiert B\u00e4rbel Reiser einen Blick. Mit ihrem dicken Pelzmantel ist die akkurat zurechtgemachte D\u00fcsseldorferin bestens angezogen f\u00fcr den Berliner Herbst. &#8222;1965 war ich das erste Mal in Berlin&#8220;, erz\u00e4hlt sie. Unz\u00e4hlige Male sei sie seitdem hier gewesen, aber ihr Mann komme ja auch aus Potsdam. &#8222;Seitdem wir Rentner sind, reisen wir sehr viel.&#8220; Oft seien sie dann mit dem Reisebus unterwegs, einfach, weil es bequem und meist perfekt organisiert sei. &#8222;Nat\u00fcrlich sieht man, wenn man \u00f6fter eine Busreise nach Berlin macht, einiges doppelt, aber langweilig wird es trotzdem nie&#8220;, findet Reiser.<\/p>\n<p>Eine Viertelstunde sp\u00e4ter ist der Bus wieder voll besetzt &#8211; p\u00fcnktlich auf die Minute. Wie bei einer Klassenreise guckt jeder, ob sein Nebenmann da ist, dann geht es weiter in Richtung historischer Mitte. Ralf erz\u00e4hlt vom Kreuz, das die Sonne auf die Kuppel des Fernsehturms malt (&#8222;In der DDR nannte man es die Rache des Papstes&#8220;), vom Alexa (&#8222;Im Volksmund: Pharaos Grab&#8220;) und dem beflaggten Roten Rathaus (&#8222;Wenn der Fetzen raush\u00e4ngt, sind die Nulpen drin, sagt der Berliner&#8220;).<\/p>\n<p>Zwischendurch stellt er immer wieder mal das Mikro ab, um sich mit Bernd \u00fcber die beste Route durch den Baustellendschungel rund um den Schlossplatz zu beraten. &#8222;Das ist nichts Schlimmes, nur ein Reisebus&#8220;, kommentiert der Busfahrer kurz darauf den verschreckten Blick einiger Passanten, als er an der Museumsinsel mit dem riesigen Gef\u00e4hrt in die schmale Stra\u00dfe Am Kupfergraben einbiegt. Es soll ja hinterher keiner der Urlauber sagen, er habe Berlin besucht, aber das Pergamonmuseum nicht gesehen. Und sei es auch nur durch ein gut geputztes Busfenster.<\/p>\n<p>Unter den Linden ist wieder ein kurzer Stopp angesagt. Bernd besetzt die H\u00e4lfte einer BVG-Haltestelle und meint: &#8222;In keiner anderen gro\u00dfen Stadt wird so viel geduldet wie in Berlin. Wir arrangieren uns da gut mit den Kollegen der Linienbusse.&#8220;<\/p>\n<p>Diesmal steigen alle aus, um das Brandenburger Tor zu fotografieren &#8211; oder den Portier des Adlon von Ralf zu gr\u00fc\u00dfen, damit er sie dort aufs Klo l\u00e4sst. So hat es ihnen der Reisef\u00fchrer zumindest aufgetragen. Nur Peter Kohl sucht das Restaurant &#8222;Goldelse&#8220;. &#8222;Ich sehe doch abends immer ,Anna und die Liebe&#8216;, und da spielen viele Szenen in der Goldelse&#8220;, erz\u00e4hlt der 83-J\u00e4hrige. &#8222;Das muss irgendwo hier sein.&#8220;<\/p>\n<p>F\u00fcndig wird er nicht. Das Haus, das in der Sat.1-Serie unter dem Namen &#8222;Goldelse&#8220; firmiert, liegt irgendwo am Kudamm, und dessen Besuch steht erst nachmittags auf dem Programm. Stattdessen muss Kohl mit seiner historisch anmutenden Kamera, die in einer hellbraunen Ledertasche im 70er-Look vor seinem Bauch baumelt, die Studenten fotografieren, die zu diesem Zweck in Uniformen der Besatzungsm\u00e4chte vor dem Brandenburger Tor stehen. Die hat er immerhin auch schon mal im Fernsehen gesehen.<\/p>\n<p>Die wei\u00dfe Strickm\u00fctze tief ins Gesicht gezogen, steht Annemarie Bentrop auf dem Pariser Platz. Die 76-J\u00e4hrige ist gemeinsam mit ihrer Schwester unterwegs. Sie verreisten jetzt \u00f6fter zusammen, seitdem ihr Mann gestorben sei, erz\u00e4hlt sie. &#8222;Man kann ja nicht immer zu Hause sitzen, nur weil man alleine ist.&#8220; Aus alter Gewohnheit nennt sie die Schwester im Gespr\u00e4ch manchmal Manfred.<\/p>\n<p>Alleine in Urlaub zu fahren, das k\u00e4me f\u00fcr Bentrop nicht in Frage. Zumal sie gerade erst erlebt, dass auch eine Busreise nicht garantiert, Anschluss zu finden, wie eng die Sitzreihen auch seien m\u00f6gen. &#8222;Die meisten sind zu zweit und bleiben unter sich&#8220;, meint sie. Man komme zwar beim Essen mal ins Gespr\u00e4ch, aber ein Gemeinschaftsgef\u00fchl entstehe so nicht. Daf\u00fcr sei sie aber auch nicht hergekommen.<\/p>\n<p>Nach 30-min\u00fctiger Pause geht es nun auf die letzte Etappe des Vormittags: Die Zickzackroute f\u00fchrt am Holocaust-Mahnmal vorbei, durch das Regierungsviertel und \u00fcber den Gro\u00dfen Stern im Tiergarten zum Schloss Charlottenburg. Ralf erz\u00e4hlt vom alten Westen, vom Kaffee Keese und den Liebhabern der K\u00f6nigin Sophie Charlotte. &#8222;Ich lese Reisef\u00fchrer wie andere Leute Romane&#8220;, hat er kurz zuvor erkl\u00e4rt. \u00dcber die Jahre hat er sich dadurch ein Detailwissen angeeignet, das nun auf die Businsassen niederprasselt. Er kennt die Geburtsdaten der preu\u00dfischen K\u00f6nige ebenso wie die Todesursache von Ernst Reuter (der erste Regierende B\u00fcrgermeister West-Berlins erlag einer verschleppten Bronchitis). &#8222;Das Wissen ist mein Job. Nach Berlin fahren ist f\u00fcr mich wie ins B\u00fcro kommen.&#8220;<\/p>\n<p>Nach einem letzten kurzen Stopp am Schloss, den ein Gro\u00dfteil der Reisegruppe in die Suche nach \u00f6ffentlichen Toiletten investiert, geht es an den Kudamm. Als die Charlottenburger Schlo\u00dfstra\u00dfe passiert wird, raunt ein &#8222;Die erste sch\u00f6ne Stra\u00dfe in dieser Stadt&#8220; durch den Bus. Kein Wunder: Das Berlin der Bustouristen ist von gro\u00dfen, h\u00e4sslichen Ausfallstra\u00dfen gepr\u00e4gt, nicht von hochpolierten Gr\u00fcnderzeitvierteln.<\/p>\n<p>F\u00fcr alle, die es organisiert m\u00f6gen, hat Ralf im Europacenter einen Tisch in einem Restaurant mit gutb\u00fcrgerlicher K\u00fcche reserviert. Alle anderen d\u00fcrfen sich nun zwei Stunden lang auf eigene Faust vergn\u00fcgen. Am Nachmittag geht es dann noch auf einen Abstecher nach Kreuzberg, an den Potsdamer Platz und zur\u00fcck ins Hotel. F\u00fcr den n\u00e4chsten Tag ist eine \u00e4hnliche Tour nach Potsdam geplant.<\/p>\n<p>Um die Geduld seiner BVG-Kollegen nicht \u00fcber die Ma\u00dfen zu strapazieren, f\u00e4hrt Bernd den Reisebus diesmal auf einen ausgewiesenen Parkplatz vor dem Bahnhof Zoo. Dort trifft er auf seinen Chef, der zeitgleich mit einer weiteren Reisegruppe unterwegs war. Walter Job tr\u00e4gt Funktionsjacke zum schwarzen Anzug, eine dicke goldene Uhr am Handgelenk und eine verspiegelte Pilotenbrille. 1971 hat der Essener Unternehmer gemeinsam mit seiner Frau den ersten Bus angeschafft, mittlerweile geh\u00f6ren ihm 22 Doppeldecker, mit denen er bis zu 60.000 Menschen im Jahr zu Zielen in ganz Europa kutschiert.<\/p>\n<p>&#8222;Berlin ist ein Reiseziel f\u00fcr Senioren&#8220;, meint Job. Doch generell seien Busreisen keineswegs der Generation 60 plus vorbehalten: Tagestrips nach London oder Paris w\u00fcrden fast ausschlie\u00dflich von jungen Leuten gebucht. &#8222;Andere haben jahrelang ausschlie\u00dflich Rentner nach Mayrhofen ins Zillertal gekarrt und sich dann irgendwann gewundert, als die Kunden ausblieben.&#8220; So soll es ihm nicht ergehen. &#8222;Der Bus erlebt eine Renaissance&#8220;, glaubt er.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Trotz Segway und Bierbike: Viele Touristen lassen sich die Stadt immer noch vom Reisebus aus erkl\u00e4ren. Ein Tag zwischen DDR-Witzen, fettigem Essen und Holocaust-Mahnmal &#8211; und auf der Suche nach einem Klo. (taz vom 6. Januar 2012)<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[5],"tags":[],"class_list":["post-1954","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-texte"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1954","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1954"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1954\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2689,"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1954\/revisions\/2689"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1954"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1954"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1954"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}