{"id":1950,"date":"2011-09-30T13:50:20","date_gmt":"2011-09-30T11:50:20","guid":{"rendered":"http:\/\/www.juliane-wiedemeier.de\/?p=1950"},"modified":"2014-01-02T12:17:19","modified_gmt":"2014-01-02T11:17:19","slug":"herr-nilson","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/?p=1950","title":{"rendered":"Herr Nilson"},"content":{"rendered":"<p><em>(Prenzlauer Berg Nachrichten vom 14. September 2011)<\/em><\/p>\n<p>Wenn der Gr\u00fcnen-Politiker Jens-Holger Kirchner zu einem Interview mit dem Rad anreist, ist das kaum bemerkenswert. Anders wird die Lage aber, wenn der Stadtrat f\u00fcr \u00d6ffentliche Ordnung das tut und dabei auf dem B\u00fcrgersteig unterwegs ist. Erst unl\u00e4ngst sei er in voller Fahrradfahrt beim Durchqueren einer Gr\u00fcnanlage von seinen Ordnungsamtsmitarbeitern erwischt worden, erz\u00e4hlt er gleich. Diese h\u00e4tten es aber bei einer Verwarnung belassen, sehr zum \u00c4rger seiner Amtsleiterin.<\/p>\n<p>Womit gekl\u00e4rt ist: Pankows gr\u00fcner Stadtrat f\u00fcr \u00f6ffentliche Ordnung ist zwar noch nicht ordentlich genug, um sich an Verkehrsregeln zu halten. Sprachlich ist er aber l\u00e4ngst eingenordet &#8211; Gr\u00fcnanlage, so w\u00fcrde ihn jeder Parteikollege belehren, hei\u00dft bei uns immer noch Park.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Als Jens-Holger Kirchner, dessen Namen man niemals nennen darf ohne den Hinweis, dass er in Prenzlauer Berg als Nilson bekannt ist, vor f\u00fcnf Jahren diesen Posten einnahm, klang das ein wenig nach Strafversetzung: Ein Gr\u00fcner sollte f\u00fcr Ordnung sorgen, das konnte ja nichts werden. Heute zieht Kirchner eine Bilanz, die von der Einf\u00fchrung der Parkraumbewirtschaftung \u00fcber die Umsetzung der \u00fcberf\u00e4lligen Stra\u00dfenbauma\u00dfnahmen in Alt-Pankow bis hin zur Erfindung der Ekel-Liste geht, mit der er die hygienisch desolaten Zust\u00e4nde in manchen Pankower Restaurants \u00f6ffentlich machte. Vor einigen Wochen wurde ein \u00e4hnliches System berlinweit eingef\u00fchrt, die Bundesebene soll folgen. \u201eDas ist der Traum eines jeden Lokalpolitikers: Du machst ein Modellprojekt und zwei Jahre sp\u00e4ter hast Du eine bundesweite Regelung&#8220;, meint Kirchner. Seine Freunde dar\u00fcber, sich damit gegen alle Kritiker durchgesetzt zu haben, ist offensichtlich.<\/p>\n<p>So ist er, der Nilson, der seinen Spitznamen der Kinderbuchfigur mit den Wildg\u00e4nsen verdankt: Er hat einen Plan und k\u00e4mpft daf\u00fcr, auch gegen Widerst\u00e4nde. Das macht ihm, wie am Beispiel des Umbaus der Kastanienallee mehr als deutlich wurde, nicht immer nur Freunde. Aber f\u00fcr Kuschelpolitik ist der 51-J\u00e4hrige mit dem flotten Berliner Mundwerk auch einfach nicht der Typ. Er geh\u00f6rt zu den Berlinern, die alle Zugezogenen mit offenen Armen willkommen hei\u00dfen, wenn sie nur nicht zu oberfl\u00e4chlich-charmant sind: \u201eMich irritiert, wenn Leute mich ganz freundlich begr\u00fc\u00dfen &#8211; ich wei\u00df dann nicht, ob Sie das ernst meinen.&#8220;<\/p>\n<p>Geboren ist Kirchner in Brandenburg an der Havel. Er hat eine Tischlerlehre absolviert und Ende der 70er Jahre an der Abendschule Berlin-Mitte das Abitur nachgeholt; mit der Wende kam noch eine Ausbildung zum Erzieher dazu. Nach Prenzlauer Berg zog er im Juli 1979, als er gemeinsam mit seiner hochschwangeren damaligen Frau eine Einzimmerwohnung in der Knaackstra\u00dfe 90 besetzte. In den folgenden Jahren engagierte er sich in der Gruppe Spielwagen Berlin, die sp\u00e4ter das Netzwerk Spiel\/Kultur und mit ihm den Abenteuerspielplatz in der Kollwitzstra\u00dfe und das Kinder- und Jugendmuseum gr\u00fcndete. 1989 landete er deshalb am Runden Tisch Prenzlauer Berg.<\/p>\n<p>\u201eWir waren eine ehrenamtliche Gruppe am Rande der Gesellschaft, die wusste, wie \u00f6ffentlicher Raum aussehen k\u00f6nnte&#8220;, meint Kirchner heute. Ihm sei damals zugefallen, den kommunalpolitischen Part zu \u00fcbernehmen. \u201eDa bin ich dann gereift.&#8220; 2001 wurde er Mitglied bei den Gr\u00fcnen und Vorsteher der BVV, 2006 Stadtrat f\u00fcr \u00f6ffentliche Ordnung. In diesem Jahr soll, wenn es nach ihm geht, noch der Posten des Bezirksb\u00fcrgermeisters dazukommen. \u201eIch w\u00fcrde auch Stadtrat bleiben &#8211; ich muss nicht, aber ich will&#8220;, sagt er. \u201eIch warte nicht auf einen Senatorenposten. Daher kann ich mir auch so etwas Unpopul\u00e4res wie die Einf\u00fchrung der Parkraumbewirtschaftung leisten.&#8220;<\/p>\n<p>Und nicht nur das. In einem Stadtteil, in dem sich jeder gegen\u00fcber anderen gerne dar\u00fcber profiliert, wie lange der eigene Herzug schon her ist, hat ein Mensch mit einer Geschichte wie Kirchner einen Bonus. Er kennt den Prenzlauer Berg und seine j\u00fcngere Geschichte nicht nur aus dem Geschichtsbuch, er war dabei: als man noch ins Stadtbad Oderberger Stra\u00dfe zum Waschen musste. Als in der Knaackstra\u00dfe Mitte der 90er die H\u00e4user f\u00fcr die Sanierungen entmietet wurden. Als der Markt am Kollwitzplatz pl\u00f6tzlich zum L\u00e4rmproblem wurde. Er muss sich mit all seinen politischen Entscheidungen in den Wind stellen, aber dem Urvorwurf gegen jeden, der in Prenzlauer Berg auftaucht, muss er sich nicht stellen: Dass er damals nicht dabei gewesen sei.<\/p>\n<p>Dabei geh\u00f6rt Kirchner nicht zu denen, die sich in Gentrifizierungskritik verlieren. \u201eSchon vor 1990 sind viele aus Prenzlauer Berg weggezogen, weil sie einen M\u00fcllschlucker und eine Zentralheizung schick fanden. Das finde ich \u00fcberhaupt nicht ehrenr\u00fchrig&#8220;, sagt er. Nach der Wende seien Weitere gefolgt, die erstmal die Welt h\u00e4tten sehen wollen. Nat\u00fcrlich k\u00e4men dazu auch Menschen, die irgendwann die Mieten nicht mehr h\u00e4tten bezahlen k\u00f6nnen. \u201eAber die Reduzierung auf Verdr\u00e4ngung durch Sanierung finde ich nicht in Ordnung, das stimmt nicht.&#8220;<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich muss Kirchner so etwas sagen, schlie\u00dflich sind viele zugezogen, von denen er sich nun w\u00e4hlen lassen m\u00f6chte. Aber als Alt-Prenzlauer-Berger schl\u00e4gt er in Zeiten des Schwaben-Hasses mit solchen Aussagen auch die Br\u00fccke zu den Neu-Berlinern.<\/p>\n<p>Dazu passt auch Kirchners Pl\u00e4doyer f\u00fcr ein Gemeinschaftsgef\u00fchl und die St\u00e4rkung des Bezirks, f\u00fcr die er sich als B\u00fcrgermeister einsetzen will. \u201eWir brauchen ein Leitbild f\u00fcr Pankow, eine Idee, was wir eigentlich mit diesem Bezirk wollen&#8220;, sagt er. Bislang gebe es einzelne Baustellen, aber die seien nicht geklammert. Die Stadtentwicklung liege v\u00f6llig brach, und auch bei der Wirtschaftsf\u00f6rderung mangele es an einheitlichen Ansprechpartnern und der Macht eines B\u00fcrgermeisterwortes, damit die Abteilungen tats\u00e4chlich miteinander arbeiteten und die Idee vom Standort Pankow lebten. \u201eEs kann nicht einer einzigen Mitarbeiterin \u00fcberlassen sein, ob sie nun einen Bebauungsplan anf\u00e4ngt oder nicht. Das geht nicht gegen die Mitarbeiterin &#8211; das ist ein Fehler im System&#8220;, meint Kirchner.<\/p>\n<p>Bei gr\u00f6\u00dferen Themen wie etwa der Planung der Fl\u00e4che des ehemaligen Rangierbahnhofs in Pankow m\u00fcsse man die Abteilungen des Bezirksamts an einen Tisch bringen, meint er. \u201eIm Moment macht jeder Fachbereich seins. Mein Ehrgeiz als Bezirksb\u00fcrgermeister w\u00e4re es, da einen Spirit reinzukriegen: drei gemeinsame Projekte, drei rote Linien im Jahr.&#8220; Passend dazu sollten \u00fcber B\u00fcrgerwerkst\u00e4tten die W\u00fcnsche der B\u00fcrger an der Basis abgeholt werden.<\/p>\n<p>Mit diesem Vorschlag macht Kirchner typische Gr\u00fcnen-Politik und verweist gleichzeitig auf seine gr\u00f6\u00dfte Schw\u00e4che. Auch wenn es ihn zwar interessierte, was die Anwohner zum geplanten Umbau der Kastanienallee zu sagen hatten &#8211; denn Beteiligungs- und Schlichtungsverfahren hat es ja gegeben. Zum Schluss allen Betroffenen zumindest das Gef\u00fchl zu geben, ihre Bedenken w\u00e4ren ausreichend ber\u00fccksichtigt worden, das ist ihm nicht gelungen. Andernfalls g\u00e4be es nun kein B\u00fcrgerbegehren.<\/p>\n<p>Nein, der gro\u00dfe Diplomat ist Kirchner nicht, und auch das Zuh\u00f6ren geh\u00f6rt nicht unbedingt zu seinen gr\u00f6\u00dften St\u00e4rken (Aktivisten von K21 bitte hier unterschreiben). Er hat seine eigenen Visionen und ist davon dann so \u00fcberzeugt, dass er sich mit viel Herzblut in die Realisierung wirft. Was gut ist f\u00fcr jene, die seine Meinung teilen. Alle anderen haben es dagegen schwer. In den Worten Jens-Holger Kirchners hei\u00dft das: \u201eIch scheue keinen Streit. Ich gehe auf die Leute zu und sage: Ich sehe das anders.&#8220;<\/p>\n<p>So erkl\u00e4rt sich, wie Kirchner von den Umbaugegners seiner Lieblingsstra\u00dfe den Namen &#8222;Beton-Stadtrat&#8220; verpasst bekam. Aber das Umdenken beim Verkehr und die F\u00f6rderung des Radverkehrs steht nunmal mit auf seiner Agenda und geh\u00f6rt damit zu den Themen, f\u00fcr die er k\u00e4mpft.<\/p>\n<p>\u201eEs ist ein Irrtum, zu glauben, man k\u00f6nne die Gr\u00fcnen reduzieren auf \u00d6ko, Atom und ein bisschen Ged\u00f6ns wie Familie, Jugend und Interkultur&#8220;, sagt Kirchner. Mit der Z\u00e4hmung des staubtrockenen Drachen namens \u00f6ffentliche Ordnung hat er schonmal bewiesen, dass er zumindest teilweise mit dieser Aussage Recht hat. Ob er sich bald auch an schreckhaften Monstern wie der Wirtschaftsf\u00f6rderung versuchen kann, entscheidet der W\u00e4hler.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Er hat den Hygiene-Smiley erfunden, die Parkraumbewirtschaftung nach Prenzlauer Berg gebracht und den Umbau der Kastanienalle angeleiert. Nun m\u00f6chte Jens-Holger Kirchner (Gr\u00fcne) Pankows B\u00fcrgermeister werden. (Prenzlauer Berg Nachrichten vom 14. September 2011)<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[5],"tags":[],"class_list":["post-1950","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-texte"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1950","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1950"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1950\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2691,"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1950\/revisions\/2691"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1950"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1950"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1950"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}