{"id":1772,"date":"2011-06-16T18:23:14","date_gmt":"2011-06-16T16:23:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.juliane-wiedemeier.de\/?p=1772"},"modified":"2014-01-02T12:17:59","modified_gmt":"2014-01-02T11:17:59","slug":"du-sollst-dir-kein-bild-machen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/?p=1772","title":{"rendered":"Du sollst dir kein Bild machen"},"content":{"rendered":"<p><em>(Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 12. Juni 2011)<\/em><\/p>\n<p>Die \u201eTagesthemen\u201c sind in die Tanzbranche eingestiegen, mit der Mission, den Deutschen endlich den langsamen Walzer beizubringen. Mit schwarzen Fu\u00dfabdr\u00fccken wurde dessen Schrittfolge auf eine Deutschlandkarte gephotoshopt und das Ganze als Grafik zu Beginn der letzten Woche neben Moderatorin Susanne Holst montiert. Die jedoch trotz des leichten Themas durchaus besorgt dreinschaute, was daran liegen konnte, dass quer \u00fcber dem Walzerschritt eine Gurke gestrandet war. Und eine Tomate. Und Salat. Und warum lagen da \u00fcberall Sprossen?<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Das Dauerthema Ehec brachte in den letzten Wochen nicht nur die Forscher des Robert-Koch-Instituts ganz sch\u00f6n ins Schwitzen, sondern auch die Gestaltungsabteilung von ARD aktuell, der zentralen Redaktion der Fernsehnachrichten der ARD. W\u00e4hrend man sich f\u00fcr die \u201eTagesschau\u201c auf das Abbilden unspektakul\u00e4rer Petrischalen beschr\u00e4nkte, zogen die Grafiker f\u00fcr die \u201eTagesthemen\u201c alle Register: zu Fragezeichen verzogene Gurken, Labyrinthe, in deren Winkeln sich Tomaten und Sprossen versteckten, Gem\u00fcse-Puzzle mit einem fehlenden Erreger-Teil. Sogar ein Wegweiser war zu sehen, der die Zuschauer nach links zu Tomaten und Salat, nach rechts zu den Gurken schickte.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Orientierung in einem Abnehmcamp w\u00e4re das durchaus eine sch\u00f6ne Idee gewesen. Weniger gut funktioniert es als Vorschaubild f\u00fcr den Bericht \u00fcber einen Erreger, der seit Wochen alle Menschen v\u00f6llig verunsichert, die ihre Nahrung nicht ausschlie\u00dflich in frittierter und damit garantiert keimfreier Form zu sich nehmen.<\/p>\n<p>\u201eSo wie in Magazinbeitr\u00e4gen inhaltliche Schwerpunkte und Akzente gesetzt werden, so sind hier auch bei der grafischen Gestaltung der Illustrationen andere Anforderungen zu erf\u00fcllen\u201c, erkl\u00e4rt Kai Gniffke, Chefredakteur von ARD aktuell, das Bildkonzept der \u201eTagesthemen\u201c. Dieses Format stellte h\u00f6chste Anspr\u00fcche an die Kreativit\u00e4t der Mitarbeiter. \u201eInsofern sind bei diesen Grafiken auch Verfremdungen, Collagen oder \u00dcberblendungen m\u00f6glich.\u201c<\/p>\n<p>F\u00fcr Gestalter macht Gniffke damit die \u201eTagesthemen\u201c zu einer feinen Spielwiese. Doch so sch\u00f6n es auch f\u00fcr die Mitarbeiter der sonst so seri\u00f6sen ARD sein mag, alle M\u00f6glichkeiten ihres Fotobearbeitungsprogramms einmal ordentlich aussch\u00f6pfen zu d\u00fcrfen \u2013 auch als Magazin bleiben die \u201eTagesthemen\u201c doch vor allem eine Nachrichtensendung. Die eigentlich anderen Aspekten als der kreativen Entfaltung ihrer Mitarbeiter verpflichtet sein sollte, wie Gniffke selbst erkl\u00e4rt, wenn er \u00fcber das grafische Konzept der \u201eTagesschau\u201c spricht: \u201eHier werden Fotos nicht ver\u00e4ndert; es kommen ausschlie\u00dflich Originalfotos, -Logos und -Signets zum Einsatz. Wir setzen damit bei der ,Tagesschau\u2018 auf gr\u00f6\u00dftm\u00f6gliche Klarheit und Seriosit\u00e4t.\u201c<\/p>\n<p>Warum er beides den \u201eTagesthemen\u201c abspricht, erkl\u00e4rt er nicht. Das aber bleibt nicht aus, wenn man das Problem Ehec mit einem traurigen Gesicht aus Gurkenscheiben bebildert; J\u00f6rg Kachelmann nach seinem Freispruch aus einer Zellent\u00fcr in ein Paradies aus blauem Himmel und Sch\u00e4fchenwolken entl\u00e4sst; oder den deutschen Finanzminister zum Thema Griechenlandhilfe in die Streifen einer griechischen Flagge einarbeitet und ihn von Euroscheinen beregnen l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Immerhin, das muss man den \u201eTagesthemen\u201c zugutehalten, kann man dabei meist noch erahnen, welches Thema gemeint sein k\u00f6nnte. Ein Service am Zuschauer, der etwa von den Kollegen von \u201eRTL aktuell\u201c nicht immer geboten wird. Denn wer k\u00e4me von einem Puzzle von einem Menschen im Profil schon ohne Umweg auf das Thema Organspende? Von einer an einer Blume schnuppernden Angela Merkel auf die Idee, dass diese derzeit Station in Singapur macht? Und auch bei der Abbildung des L\u00fcbecker Holstentores neben dem Hamburger Hafen sowie einem unbekannten Gefahrenzeichen sollte man sich lieber schon vorher \u00fcber m\u00f6gliche Fundorte von Ehec-Erregern informiert haben. Um nicht zu denken, norddeutsche Wahrzeichen seien als Endlager f\u00fcr Atomm\u00fcll im Gespr\u00e4ch.<\/p>\n<p>Gerhard Kohlenbach, Redaktionsleiter bei \u201eRTL aktuell\u201c, bezeichnet diese Bildkompositionen als gelungene Zuspitzungen. \u201eNat\u00fcrlich ist es immer eine Gratwanderung, aber wir kennen die Grenze zur Ironie gut, und ich glaube nicht, dass unsere Illustrationen zu verspielt sind\u201c, meint er. Sein Kollege Josef Jumpers, Leiter der Abteilung Info-Grafik, berichtet von Zeiten, in denen bei der Bebilderung mit Personen darauf geachtet wurde, die gleiche Krawattenfarbe zu erwischen, wie sp\u00e4ter im Beitrag zu sehen war. \u201eDavon hat man sich zum Gl\u00fcck mittlerweile entfernt.\u201c Stattdessen bem\u00fche man sich, unter Ausnutzung aller technischen M\u00f6glichkeiten und in enger Zusammenarbeit mit der Redaktion, die Sto\u00dfrichtung des Beitrags schon w\u00e4hrend der Anmoderation klarzumachen. \u201eWenn die FDP in der Krise steckt, kann man das ruhig schon auf den ersten Blick sehen\u201c, sagt er. Da darf dann auch mal das Parteilogo zerbr\u00f6ckeln vor dem Hintergrund hoch aufget\u00fcrmter Wolkenberge, durch die schon Blitze schlagen.<\/p>\n<p>Einst dachte man, bei einer Nachrichtensendung ohne Ton bliebe v\u00f6llig unverst\u00e4ndlich, was die Themen des Tages waren. Die Bilder aus Parlamenten von einander die H\u00e4nde sch\u00fcttelnden, sich setzenden, sich erhebenden und auch mal g\u00e4hnenden Politikern sind daf\u00fcr einfach zu austauschbar. Heute verf\u00e4llt man ohne Ton in den Glauben, die FDP sei Opfer eines Wasserschadens geworden und f\u00fcr das Erlernen eines Walzers seien Gurken vonn\u00f6ten.<\/p>\n<p>Probleme, \u00fcber die man sich in der Redaktion des ZDF-\u201eheute- journals\u201c keine Gedanken zu machen braucht. Dort ist man viel zu besch\u00e4ftigt, das neumodische Studio ins rechte Licht zu r\u00fccken, als dass auch noch Kapazit\u00e4ten f\u00fcr Hintergrundbilder blieben. Nur bei den Nachrichtenbl\u00f6cken setzt man auf die auch von den \u201eheute\u201c- Nachrichten vertrauten Portr\u00e4ts, Karten und Symbolbilder. Die zwar auch nicht einer gewissen Komik entbehren, schlie\u00dflich verbringen alte Leute ihr Leben nicht ausschlie\u00dflich mit dem Sitzen auf Parkb\u00e4nken, und die Flure des Arbeitsamtes sind meist doch nicht ganz so lang und vereinsamt wie dargestellt. Aber immerhin kann man noch nachvollziehen, um welches Thema es gerade gehen k\u00f6nnte, und wird nicht mit dem Eindruck alleingelassen, der Gestalter habe sich im Laufe seines Arbeitstages zwischen den verschiedenen Ebenen seines Bildbearbeitungsprogrammes verlaufen.<\/p>\n<p>Seit einigen Jahren wird in der Nachrichtenredaktion der ARD die beste Illustration des Jahres gew\u00e4hlt. 2009 gewann dabei eine Brotscheibe, in die man die Weltkarte gefr\u00e4st hatte. So sollte das Problem des Hungers in der Welt illustriert werden. Doch statt an notleidende Menschen konnte man bei diesem Anblick nur daran denken, was f\u00fcr ein sch\u00f6nes Kindergeburtstagsspiel es w\u00e4re, in aufgeschnittenen Broten Formen zu erkennen. Die \u201eTagesthemen\u201c bieten da viel Platz f\u00fcr Kreativit\u00e4t sowohl vor als auch hinter dem Bildschirm. Aber Nachrichten, die sehen anders aus.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zerberstende Euros, verbogene Gurken und eine Scheibe Brot, in die kurzerhand die Weltkarte gefr\u00e4st wurde: Die Hintergrundbilder in Nachrichtensendungen sagen oft mehr, als tausend Worte. Nur leider in der falschen Sprache. (Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 12. Juni 2011)<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[5],"tags":[],"class_list":["post-1772","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-texte"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1772","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1772"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1772\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2693,"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1772\/revisions\/2693"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1772"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1772"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1772"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}