{"id":1632,"date":"2011-04-13T13:54:47","date_gmt":"2011-04-13T11:54:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.juliane-wiedemeier.de\/?p=1632"},"modified":"2014-01-02T12:18:19","modified_gmt":"2014-01-02T11:18:19","slug":"im-spreewald-geht-die-post-noch-ab","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/?p=1632","title":{"rendered":"Im Spreewald geht die Post noch ab"},"content":{"rendered":"<p><em>(taz vom 13. April 2011)<\/em><\/p>\n<p>Ein blauer Fleck, umrundet von ein paar Punkten &#8211; so sieht sie also aus, die Wade einer Postbotin, in die vor kurzem von einem Hund gebissen wurde. Das Handy mit dem Foto darauf macht die Runde. &#8222;Wollen Sie auch mal meine Wade sehen?&#8220;, fragt Jutta Pudenz. Die Journalisten wollen. Schlie\u00dflich sind sie wegen solcher Geschichten nach L\u00fcbbenau-Lehde in den tiefsten Spreewald gekommen. Und wegen der Tatsache, dass hier die Post nicht mit dem Rad oder dem Auto in die Haushalte gebracht wird, sondern von Frau Pudenz mit dem Kahn.<\/p>\n<p>Seit 20 Jahren stakst sie in der w\u00e4rmeren H\u00e4lfte des Jahres \u00fcber die Kan\u00e4le, als einzige Postbotin des Landes mit einem solchen Gef\u00e4hrt. An diesem Tag beginnt ihre letzte Saison, dann geht sie in Altersteilzeit und eine Kollegin \u00fcbernimmt. &#8222;Nat\u00fcrlich bin ich ein bisschen wehm\u00fctig&#8220;, sagt Pudenz und lacht. &#8222;Ich arbeite, seitdem ich 17 bin. Jetzt gilt: Jugend voran!&#8220;<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Der gelbe Kahn mit dem schwarzen Posthorn liegt zum Ablegen bereit. Eine Box mit Briefen und Zeitungen, ein paar Pakete, das ist die Fuhre f\u00fcr heute. 65 Haushalte bedient Pudenz, sechs Tage in der Woche, bei Wind, Wetter und Hochwasser. Die Saison dauert von April bis Oktober, im Winter wird die Zustellung mit dem Auto erledigt. &#8222;Das ist wesentlich aufwendiger&#8220;, meint Pudenz. &#8222;Die Sache mit dem Kahn ist keine reine Folklore, das macht schon Sinn.&#8220;<\/p>\n<p>Die 58-J\u00e4hrige tr\u00e4gt eine blaue Jacke mit gelben Schultern und schwarzem Posthorn auf dem R\u00fccken. Die braunen Haare sind kurz und volumin\u00f6s, die Turnschuhe an ihren F\u00fc\u00dfen praktisch. Acht Kilometer muss sie jeden Tag auf den Flie\u00dfen genannten Kan\u00e4len des Spreewalds zur\u00fccklegen, das ist auch ein bisschen Sport. &#8222;Muskelkater bekomme ich aber schon lange nicht mehr&#8220;, erz\u00e4hlt sie.<\/p>\n<p>Langsam m\u00f6chte sie loslegen mit der Arbeit, das merkt man. &#8222;Ist ja ein ganz normaler Arbeitstag, und die Leute warten auf ihre Post&#8220;, meint die Botin. Doch die Journalisten haben noch zu viele Fragen. Mit einer Engelsgeduld nimmt sich Pudenz ihrer an &#8211; sie ist die Aufmerksamkeit l\u00e4ngst gew\u00f6hnt, als einzige Kahn-Postbotin Deutschlands.<\/p>\n<p>&#8222;Bei der Post angefangen habe ich 1987&#8220;, erz\u00e4hlt sie. Als junge Mutter habe sie damals eine Halbtagsstelle gesucht, und weil diese in der DDR so rar gewesen seien, habe sie bei der Post angefangen. Zun\u00e4chst noch als Brieftr\u00e4gerin auf dem Landweg. Mit der Wende habe jedoch die Zahl der Versandpost und Pakete zugenommen. &#8222;Die mussten mit dem Auto zugestellt werden, und F\u00fchrerscheine hatten in den meisten F\u00e4llen M\u00e4nner.&#8220; F\u00fcr sie als Frau sei somit die Stelle als Kahn-Postbotin frei geworden. Denn mit dem Kahn fahren k\u00f6nne jeder. &#8222;Auch wenn ich mittlerweile einen F\u00e4hrmannsnachweis gemacht habe&#8220;, sagt Pudenz.<\/p>\n<p>Dann geht es endlich los. &#8222;Ich lichte mal den Anker&#8220;, sagt sie und zieht eine Art \u00fcberdimensionierten Zelt-Hering aus der Erde. Routiniert man\u00f6vriert sie ihren neun Meter langen Kahn um die 90-Grad-Kurve vom Anleger auf den Hauptkanal. Die zwei mit Journalisten beladenen Touristen-K\u00e4hne folgen ihr mit Minimalabstand. Der Kampf der Fotografen und Kameram\u00e4nner um das sch\u00f6nste Motiv ist er\u00f6ffnet.<\/p>\n<p>Der erste Brief geht an Herrn Richter. \u00dcber 90 Jahre alt ist der Mann mit der blauen Daunenweste und der Helmut-Schmidt-M\u00fctze, der auf einen Stock gest\u00fctzt ans Ufer tritt. &#8222;Ein Urgestein des Spreewalds&#8220;, fl\u00fcstert ein Tonmann, und vielleicht erkl\u00e4rt das, warum Pudenz ihm einen Brief \u00fcbergibt, auf dem au\u00dfer der Briefmarke nur sein Name steht: &#8222;Herr Richter&#8220;. Es w\u00e4re auf jeden Fall die sch\u00f6nere L\u00f6sung als die naheliegende Annahme, dass die Pressestelle der Post hinter dieser Zustellung steckt. Damit Fotografen und Kameram\u00e4nner ein gutes Bild kriegen.<\/p>\n<p>Der Himmel ist grau und es pfeift ein scharfer Wind, als die Reise weitergeht. Die K\u00e4lte tr\u00fcbt ein wenig die Idylle der Holzh\u00e4user mit den gro\u00dfen G\u00e4rten, in denen alte K\u00e4hne liegen und neue Schilder vorbeifahrende Touristen zu &#8222;Spreewald-Hirsch&#8220; und &#8222;Spreewald-Folklore&#8220; einladen. Noch ist nichts los in den Restaurants und Caf\u00e9s direkt an den Flie\u00dfen, und auch auf dem Wasser sind au\u00dfer der Postbotin kaum K\u00e4hne unterwegs.<\/p>\n<p>Dann taucht am Ufer eine kleine Gruppe Touristen auf und sofort wird klar, dass die Kahn-Postbotin l\u00e4ngst selbst Teil der gro\u00dfen Spreewald-Werbe-Maschinerie geworden ist. &#8222;Los, Herbert, schnell, mach ein Foto&#8220;, treibt eine Frau in roter Funktionsjacke den Gatten zum Handeln an. &#8222;Die kenn ich aus der Zeitung&#8220;, ruft eine andere. Einmal habe ihr Schwager sie in Kenia im Fernsehen gesehen, hatte Pudenz zu Beginn erz\u00e4hlt. Selbst in Afrika ist eine Frau, die die Post mit dem Boot verteilt, offenbar einen Bericht wert.<\/p>\n<p>Pudenz macht ihren Job, die Journalisten ihre Bilder. Immer wieder muss sie einen Brief in einen Kasten in Form eines kleinen Holzhauses stecken. Wie die meisten Briefk\u00e4sten ist er direkt neben dem kleinen Anleger am Kanal aufgebaut.<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Gasthaus springt eine Dame durch den Garten, sobald sie die Botin erblickt. &#8222;Wir haben den Saisonstart verpasst; bis morgen steht unser Sommerbriefkasten&#8220;, meint sie zu Pudenz, die ihr einen Stapel Briefe in die Hand dr\u00fcckt. Alternativ zu den Exemplaren am Kanal haben die Haushalte f\u00fcr den Winter einen Kasten in Stra\u00dfenn\u00e4he, der die eh schon kompliziertere Tour w\u00e4hrend der kalten Jahreszeit erleichtern soll. &#8222;Wie sch\u00f6n, keine Rechnung heute&#8220;, meint sie dann. &#8222;Na ja, morgen komme ich wieder&#8220;, sagt Pudenz.<\/p>\n<p>Sechs Tage die Woche, 65 Haushalte, und das seit 20 Jahren &#8211; man kennt sich. &#8222;Ich bin hier f\u00fcr alle nur die Jutta von der Post&#8220;, erz\u00e4hlt die Botin. &#8222;Selbst wenn ich Urlaub mache, wird meine Vertreterin mit Jutta begr\u00fc\u00dft. Als w\u00e4re das ein feststehender Ausdruck.&#8220; Ihre Nachfolgerin tritt ein schweres Erbe an.<\/p>\n<p>Denn die Jutta spielt eine gro\u00dfe Rolle f\u00fcr die Menschen aus Lehde. Schlie\u00dflich bringt sie nicht nur die Post, sie leert auch die drei Briefk\u00e4sten des Ortes und nimmt Briefe sowie Pakete direkt von der Haust\u00fcr aus mit. &#8222;Mobiler Post-Service&#8220;, liebevoll &#8222;Mops&#8220; genannt, hei\u00dft dieses Verfahren, das nach Vertrautheit und Gem\u00fctlichkeit klingt, aber f\u00fcr viele Menschen im l\u00e4ndlichen Raum nur eins bedeutet: Es gibt keine Postfiliale oder -annahmestelle mehr im Ort.<\/p>\n<p>Die Post hat ihr Filialnetz rigoros zusammengek\u00fcrzt. Kleine Ortschaften, in denen sich der Betrieb wirtschaftlich nicht mehr rechnete, wurden abgekoppelt, stattdessen der &#8222;Mops&#8220; eingef\u00fchrt. Nun m\u00fcssen die Menschen entweder den weiten Weg in die n\u00e4chstgr\u00f6\u00dfere Stadt in Kauf nehmen oder vormittags zu Hause sitzen und auf den Boten warten, dem sie ihre Post \u00fcbergeben k\u00f6nnen. Ein gro\u00dfer Service-Verlust f\u00fcr viele Landbewohner.<\/p>\n<p>Im Spreewald dagegen hat die fahrbare Postfiliale seit 100 Jahren Tradition. Hier \u00e4rgert man sich nicht \u00fcber unzuverl\u00e4ssige Boten und schlechten Service, sondern freut sich, dass die Jutta \u00fcberhaupt jeden Tag kommt. Sie ist das Sinnbild der alten, pers\u00f6nlichen und damit sympathischen Post, bevor die als Gro\u00dfunternehmen an der B\u00f6rse landete und auf Profit getrimmt wurde.<\/p>\n<p>Dieses positiven Images bedient man sich gerne, indem man Jutta Pudenz ebenso regelm\u00e4\u00dfig mit Journalisten zur Arbeit schickt wie ihre zwei bekannten Kollegen: Knut Knudsen, der \u00fcber das Watt wandert, um den Bewohnern der Hallig S\u00fcderoog ihre Post zu bringen, und Andreas Oberauer, der mit der Gletscherbahn zur Arbeit auf der Zugspitze f\u00e4hrt. Dabei hat die Post mit Pudenz wirklich Gl\u00fcck gehabt bei der Wahl ihrer Servicebotschafterin. Stets freundlich, nie ungeduldig agiert sie mit der Journalistenmeute, die sie mit &#8222;Frau Pudenz, noch mal hier&#8220; und &#8222;l\u00e4cheln!&#8220; \u00fcber die Flie\u00dfe scheucht. Immer wieder muss sie ihren Kahn vor und zur\u00fcck navigieren, was bei Wind und Str\u00f6mung alles andere als leicht ist. &#8222;Ich bin nicht nur Brieftr\u00e4gerin, ich bin Repr\u00e4sentantin der Gegend&#8220;, sagt sie. Da muss man freundlich sein und immer wieder die Geschichte erz\u00e4hlen, wie sie einst eine Hollywoodschaukel mit dem Kahn zustellte.<\/p>\n<p>Doch eines vergisst sie auch bei der Aufregung des heutigen Tages nicht. &#8222;Ich muss erst hier abbiegen, Post zustellen.&#8220; Dann l\u00e4sst Pudenz die Journalisten auf ihren gro\u00dfen K\u00e4hnen auf dem Hauptkanal zur\u00fcck und verschwindet mit dem gelben Postgef\u00e4hrt in einem der schmalen Seitenarme. &#8222;Im Spreewald muss man ganz ruhig bleiben&#8220;, entgegnet sie den ungeduldigen Journalisten. Die daraufhin von den Booten springen und ihr mit voller Fernsehausr\u00fcstung am Ufer entlang hinterhersprinten.<\/p>\n<p>Zum Schluss des Termins holt Pudenz ihre Erinnerungsmappe heraus: Zeitungsausschnitte, Fotos, was sich in den vergangenen 20 Jahren Berichterstattung so angesammelt hat. &#8222;Sehen Sie, das bin ich mit Herrn B\u00f6tsch&#8220;, sagt sie stolz. &#8222;Der hat im Spreewald Urlaub gemacht und wollte mich unbedingt kennen lernen. Daher die legere Kleidung.&#8220; &#8211; &#8222;Herr B\u00f6tsch?&#8220;, fragt der Post-Pressesprecher zur\u00fcck. &#8222;Na, der letzte Bundespostminister!&#8220;, sagt Jutta Pudenz.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit 20 Jahren verteilt Jutta Pudenz im Spreewald die Post mit dem Kahn. L\u00e4ngst ist sie Botschafterin der Region und ein sympathisches Aush\u00e4ngeschild der Deutschen Post AG &#8211; die sich sonst immer weiter von ihren Kunden entfernt. (taz vom 13. Arpil 2011)<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[5],"tags":[],"class_list":["post-1632","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-texte"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1632","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1632"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1632\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2695,"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1632\/revisions\/2695"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1632"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1632"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1632"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}