{"id":1537,"date":"2011-02-16T16:02:56","date_gmt":"2011-02-16T15:02:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.juliane-wiedemeier.de\/?p=1537"},"modified":"2011-02-16T16:03:56","modified_gmt":"2011-02-16T15:03:56","slug":"whatever-you-need-to-tell-yourself","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/?p=1537","title":{"rendered":"Whatever you need to tell yourself"},"content":{"rendered":"<p>Das &#8222;Neue Deutschland&#8220; geh\u00f6rt jetzt nicht unbedingt zu den Zeitungen,  zu deren regelm\u00e4\u00dfigem Leserstamm ich mich z\u00e4hlen w\u00fcrde. Es gibt da, ich  muss das zugeben, einige Vorbehalte von meiner Seite aus. Mit Recht, wie ich nun wei\u00df,  seitdem ich bei der Recherche f\u00fcr einen Artikel \u00fcber ein Werk aus dieser  Zeitung stie\u00df, das dort schon am vergangenen Freitag ver\u00f6ffentlicht  wurde.<\/p>\n<p>Es geht um das B\u00f6tzowviertel in Prenzlauer Berg, das \u00fcber 15 Jahre  lang als ausgewiesenes Sanierungsgebiet zus\u00e4tzliches Geld vom Senat bekam &#8211; \u00fcber 50 Millionen verteilt auf  den gesamten Zeitraum. Nun l\u00e4uft die F\u00f6rderung aus, und erwartungsgem\u00e4\u00df  wird zu diesem Anlass ein Fazit gezogen, in diesem Fall in Form einer  Sozialstudie, mit der ich mich ebenso besch\u00e4ftigt habe wie der Autor des &#8222;Neues  Deutschlands&#8220;.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.neues-deutschland.de\/artikel\/190711.angst-vor-der-verdraengung.html\" target=\"_blank\">&#8222;Angst vor der Verdr\u00e4ngung&#8220;<\/a> ist sein Artikel \u00fcberschrieben, und damit ist alles zusammengefasst,  was die stets hoch emotionalisierte Diskussion um die zentrumsnahen  Viertel Ost-Berlins und den Begriff &#8222;Gentrifizierung&#8220;, der in diesem  Zusammenhang immer f\u00e4llt, angeht: Alte Bewohner werden von neuen,  vorwiegend aus Schwaben kommenden Westdeutschen, verdr\u00e4ngt. Sie sorgen  f\u00fcr Luxusmodernisierungen, nehmen den Altbauquartieren dadurch den  letzten Charme und treiben die Mieten so stark in die H\u00f6he, dass  Alteingesessenen letztendlich nur die Flucht bleibt &#8211; so geht die  Legende.<\/p>\n<p>Zu deren Bildung auch das &#8222;Neue Deutschland&#8220; gerne betr\u00e4gt:<\/p>\n<blockquote><p>\u00bbMein Mann ist schon Rentner\u00ab, berichtete eine Frau. \u00bbUnd  in drei  Jahren ist es bei mir so weit. Wir wissen nicht, ob wir dann  die Miete  noch zahlen k\u00f6nnen oder an die Stadtgrenze ziehen m\u00fcssen. Wir  wollen  aber nicht nach Hellersdorf. Hier haben wir viele Bekannte,  kennen jede  Ecke.\u00ab Baustadtrat Michail Nelken (LINKE) versuchte zu  beruhigen: \u00bbDie  Mieten werden erschwinglich bleiben.\u00ab Auch den  bef\u00fcrchteten massiven  Zuzug von besser verdienenden jungen Menschen  sieht Michail Nelken nicht  so dramatisch. \u00bbEs wird eine gesunde  Mischung bleiben.\u00ab.<\/p>\n<p>Nach einer von der Betroffenenvertretung B\u00f6tzowviertel in Auftrag gegebenen Studie sieht das allerdings anders aus.<\/p><\/blockquote>\n<p>Schon dies ist falsch, denn die Auftraggeber der Studie sind das Bezirksamt Pankow sowie die Gesellschaft f\u00fcr behutsame Stadterneuerung S.T.E.R.N.. Was sich jeder denken kann, der wei\u00df, dass Studien stets eine teure Angelegenheit sind und eher selten von Betroffenenvertretungen zu stemmen sind. Doch dies nur am Rande.<\/p>\n<p>Wirklich bemerkenswert finde ich, wie im Folgenden die Ergebnisse der Studie zusammengefasst werden (die <a href=\"http:\/\/www.berlin.de\/ba-pankow\/verwaltung\/stadt\/genehmigungen.html\" target=\"_blank\">hier<\/a>, wer mag, herunterladen kann).<\/p>\n<blockquote><p>Die ASUM GmbH (Angewandte Sozialforschung und urbanes Management)  stellte fest, dass der Quadratmeterpreis k\u00fcnftig bei 5 bis 5,50 Euro  liegen wird, bei Neubez\u00fcgen k\u00f6nnen es auch 7,20 Euro werden. Als  Negativbeispiel f\u00fcr Neubauten wurden die \u00bbTown Houses\u00ab am Schweizer  Garten \u2013 gegen\u00fcber dem M\u00e4rchenbrunnen \u2013 angef\u00fchrt. Hier seien die Mieten  \u00bbhorrend\u00ab. Aber auch ein Quadratmeterpreis 7,20 Euro ist nach Ansicht  der Sozialforscher viel zu hoch. Schon heute sei jeder siebente Haushalt  im B\u00f6tzowviertel armutsgef\u00e4hrdet.<\/p><\/blockquote>\n<p>Zum einen sind die Zahlen halbgar: von zuk\u00fcnftigen Quadratmeterpreise ist nicht die Rede, daf\u00fcr von aktuellen Durchschnittsmieten von 5,66 Euro\/qm im Bestand und 8,35 Euro bei Neuvermietungen. Die &#8222;Town Houses&#8220; werden in keinster Weise negativ, sondern sehr neutral als Neuangebot von Wohnraum dargestellt; von &#8222;horrenden&#8220; Mieten wird nie gesprochen. Und auch die Zahl der armutsgef\u00e4hrdeten Haushalte ist zwar korrekt, kommt aber etwas anders daher, wenn man ihr ihr Umfeld l\u00e4sst, welches die Studie wie folgt formuliert:<\/p>\n<blockquote><p>Die o\u0308konomischen Lage der Haushalte hat sich deutlich verbessert. Das mittlere Haushaltsnettoein- kommen liegt 30% und mehr u\u0308ber dem des Bezirks und der Stadt. Das Einkommensniveau wurde vorwiegend durch zuziehende Haushalte erho\u0308ht. Im Sanierungsgebiet leben jedoch auch Haushalte mit geringem Einkommen. Etwa jeder siebente Haushalt ist armutsgefa\u0308hrdet, jeder fu\u0308nfzehnte Haushalt ist einkommensarm im engeren Sinn.<\/p><\/blockquote>\n<p>Hier werden schlicht Vorurteile bedient, was schade ist, da gerade diese Studie in einem sehr neutralen Ton die M\u00f6glichkeit gibt, einmal hinter die Klischee-beladene Gentrifizierungsdebatte zu gucken. Mit Zahlen, die mich sehr \u00fcberrascht haben, und die eben mit keinem Wort im &#8222;Neuen Deutschland&#8220; Erw\u00e4hnung finden. Womit wir endlich zum Kern des Ganzen kommen:<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.juliane-wiedemeier.de\/wp-content\/uploads\/2011\/02\/Bildschirmfoto-2011-02-16-um-15.24.54.png\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-1541\" title=\"Bildschirmfoto 2011-02-16 um 15.24.54\" src=\"http:\/\/www.juliane-wiedemeier.de\/wp-content\/uploads\/2011\/02\/Bildschirmfoto-2011-02-16-um-15.24.54.png\" alt=\"\" width=\"480\" height=\"279\" srcset=\"https:\/\/www.juliane-schader.de\/wp-content\/uploads\/2011\/02\/Bildschirmfoto-2011-02-16-um-15.24.54.png 505w, https:\/\/www.juliane-schader.de\/wp-content\/uploads\/2011\/02\/Bildschirmfoto-2011-02-16-um-15.24.54-300x174.png 300w\" sizes=\"(max-width: 480px) 100vw, 480px\" \/><\/a>Die Grauschattierungen sind etwas schwer unterscheidbar, daher hier nochmal als Zitat aus der Studie der Beweis:<\/p>\n<blockquote><p>Vor 1990 haben 60% der heutigen Bewohner in den neuen Bundesla\u0308ndern bzw. Berlin (Ost), 37 % in einem der alten Bundesla\u0308nder bzw. Berlin (West) und 3 % im Ausland gelebt. Der Stammbewohner aus dem Prenzlauer Berg ist immer noch ein dominanter Teil der Bewohnerschaft des Gebiets.<\/p><\/blockquote>\n<p>Im B\u00f6tzowviertel, Hort der Schwaben und Hochburg der Gentrifizierung, leben also \u00fcberwiegend Ur-Berliner. Dass die Leser des &#8222;Neuen Deutschlands&#8220; das nie erfahren werden, ist geradezu schade.<\/p>\n<p>Ja, in Prenzlauer Berg sind die Mieten gestiegen (die Wohnungen haben daf\u00fcr jetzt aber auch Anschluss ans Fernw\u00e4rmenetz und kein Au\u00dfenklo mehr). In den vergangenen 20 Jahren sind Menschen hergezogen. Einige davon auch aus Westdeutschland. Aber \u00fcber 50 Prozent der Bewohner haben schon vor der Wende in Ost-Berlin gelebt. Das h\u00e4tte man mal erw\u00e4hnen k\u00f6nnen. Aber die \u00dcberschrift &#8222;Angst vor der Verdr\u00e4ngung&#8220; war wohl zu verlockend.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das &#8222;Neue Deutschland&#8220; geh\u00f6rt jetzt nicht unbedingt zu den Zeitungen, zu deren regelm\u00e4\u00dfigem Leserstamm ich mich z\u00e4hlen w\u00fcrde. Es gibt da, ich muss das zugeben, einige Vorbehalte von meiner Seite aus. Mit Recht, wie ich nun wei\u00df, seitdem ich bei der Recherche f\u00fcr einen Artikel \u00fcber ein Werk aus dieser Zeitung stie\u00df, das dort schon [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3,4],"tags":[],"class_list":["post-1537","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-berlin","category-mediengedons"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1537","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1537"}],"version-history":[{"count":19,"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1537\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1557,"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1537\/revisions\/1557"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1537"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1537"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1537"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}