{"id":1475,"date":"2011-01-12T09:00:05","date_gmt":"2011-01-12T08:00:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.juliane-wiedemeier.de\/?p=1475"},"modified":"2014-01-02T12:18:38","modified_gmt":"2014-01-02T11:18:38","slug":"ruckkehr-des-industriezeitalters","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/?p=1475","title":{"rendered":"R\u00fcckkehr des Industriezeitalters"},"content":{"rendered":"<p><em>(taz vom 12. Januar 2011)<\/em><\/p>\n<p>Eine Hochglanzbrosch\u00fcre und 90 Hektar Brachland am Stadtrand, mehr braucht es nicht, um aus Marzahn einen modernen Industriestandort zu machen: Wo jetzt noch Unkraut \u00fcber verlassenen Anlagen eines ehemaligen Kl\u00e4rwerks wuchert, sollen sich ab 2012 Unternehmen der &#8222;Clean Tech&#8220;-Branche ansiedeln.<\/p>\n<p>Solaranlagen, D\u00e4mmstoffe, Elektromotoren, Biokraftstoffe &#8211; zur Clean Tech z\u00e4hlt, was Ressourcen schont und Emissionen verringert. &#8222;Clean Tech Business Park Berlin-Marzahn&#8220; nennt sich das Projekt, das nicht nur dem Bezirk Arbeitspl\u00e4tze und ein neues Image bescheren soll, sondern den Anspruch hat, Berlin als Industriestandort auf die Landkarte zur\u00fcckzuholen.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>&#8222;Seit 1945 ist in Berlin keine zusammenh\u00e4ngende Industriefl\u00e4che dieser Gr\u00f6\u00dfe mehr ausgewiesen worden&#8220;, sagt Christian Gr\u00e4ff (CDU), Wirtschaftsstadtrat von Marzahn-Hellersdorf. Sein Amt hat sich auf Nachfragen seitens der Industrie entschlossen, den Park anzulegen. Nun ist es f\u00fcr dessen Realisierung zust\u00e4ndig und bereitet derzeit die Brache auf die Ansiedlung von Industriebetrieben vor.<\/p>\n<p>In den kommenden zwei Jahren soll die Infrastruktur in Form von Stra\u00dfen, einem Abwassersystem und Bodenfiltern fertiggestellt werden. 24 Millionen Euro F\u00f6rdermittel wurden bei Land, Bund und EU lockergemacht. &#8222;Berlin hat in den letzten Jahren zu viele Unternehmen ans Umland verloren&#8220;, meint Gr\u00e4ff, &#8222;h\u00f6chste Zeit, dass wir die Betriebe wieder in der Stadt halten.&#8220;<\/p>\n<p>Historisch betrachtet sind Berlin und die industrielle Produktion untrennbar miteinander verbunden &#8211; schlie\u00dflich verdankt die Stadt ihren Aufstieg zur Metropole der Industrialisierung. Unternehmen wie Borsig, Siemens und AEG hatten hier ihren Sitz und kurbelten nicht nur die deutsche Wirtschaft, sondern auch die Urbanisierung an. &#8222;Elektropolis&#8220; wurde Berlin damals auch genannt.<\/p>\n<p>Doch mit der Teilung nach dem Zweiten Weltkrieg kam der Abstieg: Aus West-Berlin zogen die Konzernzentralen in die Bundesrepublik ab und lie\u00dfen lediglich hochsubventionierte Fertigungsst\u00e4tten ohne Forschungsabteilungen zur\u00fcck &#8211; die &#8222;verl\u00e4ngerten Werkb\u00e4nke&#8220;. Ost-Berlin wurde Verwaltungshochburg &#8211; was an Industrie nicht ins Umland abwanderte, verharrte mit veraltender Technik.<\/p>\n<p>Nach der Wende gab es wenig, an das anzuschlie\u00dfen sich gelohnt h\u00e4tte. Man setzte auf Kultur und Kreativit\u00e4t und erkl\u00e4rte Berlin zur Dienstleistungsmetropole. Industrielle Fertigung wurde f\u00fcr \u00fcberholt, das Industriezeitalter f\u00fcr beendet erkl\u00e4rt &#8211; etwas vorschnell, wie der Senat heute glaubt.<\/p>\n<p>&#8222;Industrie ist die Grundlage f\u00fcr eine stabile Wirtschaftsstruktur&#8220;, sagt Wirtschaftssenator Harald Wolf (Linke). Unternehmen dieser Branchen schafften sichere Vollzeit-Arbeitspl\u00e4tze. &#8222;Zudem ist davon auszugehen, dass ein Industriearbeitsplatz etwa drei in verschiedenen Dienstleistungssektoren nach sich zieht&#8220;, so Wolf. Berlin habe das Potenzial f\u00fcr industrielles Wachstum, man m\u00fcsse es nur nutzen.<\/p>\n<p>Folglich hat der Senat im Juni einen &#8222;Masterplan Industriestadt Berlin 2010-2020&#8220; verabschiedet, der die behutsame Reindustrialisierung der Stadt in den n\u00e4chsten zehn Jahren vorsieht. Dahinter steht ein Netzwerk aus Senat, DGB, Industrie- und Handelskammer (IHK), der Investitionsbank Berlin (IBB) und zahlreichen Industrieverb\u00e4nden, die gemeinsam die Finanzierung konkreter Aktionen sicherstellen. Eine davon ist die Realisierung des Clean Tech Parks in Marzahn. &#8222;Unser gemeinsames Ziel ist es, ein \u00fcberdurchschnittliches Wachstum der Industrie in Berlin zu erreichen&#8220;, sagt Senator Wolf. Eine konkrete Zahl an Arbeitspl\u00e4tzen zu nennen, die dabei entstehen sollen, h\u00e4lt er aber f\u00fcr unseri\u00f6s.<\/p>\n<p>Um Betriebe zur Ansiedlung in Berlin zu motivieren, setzt der Masterplan vor allem auf die zahlreichen vorhandenen Forschungseinrichtungen, von deren Erkenntnissen die Firmen profitieren sollen. Damit die Kommunikation funktioniert, werden zum Beispiel Internetplattformen aufgebaut, mit deren Hilfe man sich vernetzen kann. Hier besteht aus Sicht des Netzwerks Nachholbedarf.<\/p>\n<p>Auf Absolventenmessen und Praktikumsb\u00f6rsen sollen zudem die gut ausgebildeten Fachkr\u00e4fte mit den Unternehmen in Kontakt gebracht werden. Viele verlassen bislang nach dem Studium Berlin auf Arbeitssuche in Richtung Westdeutschland. Ihr Wissen soll k\u00fcnftig in der Stadt bleiben, um den \u00f6rtlichen Unternehmen und damit dem Wirtschaftsstandort zu nutzen.<\/p>\n<p><strong>Service lautet die Devise<\/strong><\/p>\n<p>Noch ein wichtiges Ziel des Masterplans: Die Verwaltung soll serviceorientierter werden, etwa indem Bezirke und Senat einheitliche Ansprechpartner f\u00fcr Unternehmen bieten. Bislang m\u00fcssen sich Firmen etwa bei der Akquise von F\u00f6rdergeldern durch komplette \u00c4mter telefonieren &#8211; auch dieses Hemmnis gilt es zu beseitigen, um Berlin wieder zu einem attraktiven Industriestandort zu machen.<\/p>\n<p>Begleitet werden die Bem\u00fchungen von einer Imagekampagne, die Berlin vom Ruf der armen Kreativhauptstadt befreien soll und allein zwei Millionen Euro kostet. &#8222;Alle glauben, die Industrie in Berlin sei tot&#8220;, sagt Christoph Lang, Sprecher der Wirtschaftsf\u00f6rderungsgesellschaft Berlin Partner, die die Kampagne durchf\u00fchrt. Dabei betreibe etwa Siemens immer noch seinen gr\u00f6\u00dften Standort in Berlin, BMW produziere hier alle seine Motorr\u00e4der und Daimler seine Elektromotoren. &#8222;Wir m\u00fcssen daf\u00fcr sorgen, dass Berlin wieder als Industriestadt wahrgenommen wird.&#8220;<\/p>\n<p>Zwei gro\u00dfe Standortvorteile macht Lang in der Stadt aus: Neben der Forschungslandschaft und der damit einhergehenden Versorgung mit gut ausgebildeten Mitarbeitern betrachtet er die Brachen als Chance. &#8222;In keiner anderen europ\u00e4ischen Hauptstadt findet man noch so viele Freifl\u00e4chen, die eine derartige Entwicklung \u00fcberhaupt erst m\u00f6glich machen&#8220;, sagt er. Diese Vorteile m\u00fcsse man jetzt nur noch vermarkten.<\/p>\n<p>Somit scheint der Re-Industrialisierung Berlins nichts mehr im Weg zu stehen. Wer diese jedoch gleichsetzt mit einer R\u00fcckkehr zur industriellen Massenproduktion des 19. Jahrhunderts, der irrt sich: &#8222;F\u00fcr Billigproduktionen sind wir einfach nicht konkurrenzf\u00e4hig&#8220;, sagt Lang. G\u00fcnstige Autos w\u00fcrden heute in Asien zusammengebaut, da seien die Lohnkosten niedriger und die Umweltauflagen lockerer. &#8222;Aber warum sollten die technisch hochwertigen Batterien f\u00fcr Elektroautos nicht in Berlin gefertigt werden?&#8220; Moderne Industrien seien die Zukunft &#8211; dazu z\u00e4hlten auch die ressourcenschonenden Unternehmen aus dem Bereich Clean Tech, auf die man es in Marzahn abgesehen habe.<\/p>\n<p><strong>Berlin hat gute Karten<\/strong><\/p>\n<p>&#8222;Derzeit sind wir viel auf Messen unterwegs, um den Standort \u00fcberhaupt erst mal bekannt zu machen&#8220;, erz\u00e4hlt Marzahns Wirtschaftsstadtrat Gr\u00e4ff. &#8222;Weltweit gibt es j\u00e4hrlich nur 100 Industrieansiedlungsprojekte &#8211; von denen muss man erst mal erfahren.&#8220; Sei der Kontakt einmal hergestellt, habe Berlin aber immer gute Karten. &#8222;Gut ausgebildete Mitarbeiter auf die gr\u00fcne Wiese zu locken ist schwierig. Nach Berlin wollen sie alle.&#8220;<\/p>\n<p>Eine Einstellung, die man auch bei der Opposition teilt. &#8222;Ich glaube nicht, dass der Park mit seinen 90 Hektar zu gro\u00df dimensioniert ist&#8220;, sagt Bernadette Kern, Fraktionsvorsitzende der Gr\u00fcnen in der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) Marzahn-Hellersdorf. Vielmehr begr\u00fc\u00dfe ihre Partei, dass man sich mit der Spezialisierung auf Clean Tech f\u00fcr alternative Industrien entschieden habe und dieser in Marzahn so viel Raum gebe. &#8222;Das Gel\u00e4nde war bereits zuvor industriell genutzt. Nat\u00fcrlich macht es auch mehr Sinn, dort wieder Fabriken anzusiedeln als daf\u00fcr in die unber\u00fchrte Natur nach Brandenburg zu gehen.&#8220;<\/p>\n<p>Wie viele Unternehmen letztlich angeworben werden m\u00fcssen, damit der Clean Tech Park ausgelastet ist, kann selbst Gr\u00e4ff als Leiter des Projekts nicht sagen. Das hinge zu sehr von der jeweiligen Gr\u00f6\u00dfe der einzelnen Betriebe ab. Sorgen, dass sich zu wenig Interessenten f\u00fcr das Gel\u00e4nde finden k\u00f6nnten, mache er sich jedoch nicht.<\/p>\n<p>Auch eine Konkurrenz innerhalb der Stadt &#8211; mit dem Wissenschafts- und Technologiepark Adlershof oder dem Flughafen Tegel, der nach seiner Schlie\u00dfung im Jahr 2012 in einen Industriepark umgewandelt werden soll &#8211; sieht Gr\u00e4ff nicht: &#8222;In Tegel sollen auch Forschungseinrichtungen angesiedelt werden&#8220;, meint er. Die reine Industriefl\u00e4che mit vielleicht 20 Hektar w\u00fcrde viel kleiner als der Marzahner Clean Tech Park, der auch einen zeitlichen Vorsprung habe.<\/p>\n<p>Genauso wenig Angst habe er vor Adlershof: &#8222;Wir arbeiten vielmehr eng zusammen. Was in Adlershof erforscht wird, kann sp\u00e4ter bei uns produziert werden,&#8220; so Gr\u00e4ff. Der Platz dort sei schlie\u00dflich auch begrenzt. Ob der Bedarf an Fl\u00e4chen f\u00fcr industrielle Fertigung am Ende gro\u00df genug f\u00fcr die Auff\u00fcllung aller Berliner Brachen ist, werde sich erst mit der Zeit herausstellen.<\/p>\n<p>Ein Unternehmen, das bereits Interesse an einem Standort im Clean Tech Park angemeldet hat, ist Inventux Technologies. Der Hersteller von Solarmodulen produziert schon seit Ende 2008 auf einer Fl\u00e4che von 4,5 Hektar in Marzahn. &#8222;Gegr\u00fcndet wurde das Unternehmen ein Jahr zuvor in der N\u00e4he von Bielefeld&#8220;, sagt Sprecherin Franciska Obermeyer. Bei der Produktion habe man sich f\u00fcr Berlin entschieden, weil hier ein Gro\u00dfteil der Forschung im Bereich Solarenergie stattfinde. &#8222;Au\u00dferdem haben wir von den zus\u00e4tzlichen F\u00f6rdergeldern f\u00fcr Ansiedlungen in Ostdeutschland profitiert.&#8220;<\/p>\n<p>Heute hat Inventux 240 Mitarbeiter, Tendenz steigend. &#8222;Viele unserer Besch\u00e4ftigten kommen aus Marzahn, sodass wir mittlerweile fester Bestandteil des Bezirks sind&#8220;, meint Obermeyer. Nachdem bekannt geworden sei, dass sich Inventux dort niederlassen wollte, seien erstaunlich viele Bewerbungen von qualifizierten Interessenten eingegangen. &#8222;\u00dcber Fachkr\u00e4ftemangel k\u00f6nnen wir uns nicht beklagen.&#8220;<\/p>\n<p>Neben neuen Produktionsfl\u00e4chen erhofft man sich bei Inventux vom Clean Tech Park die Ansiedlung von Zulieferbetrieben in n\u00e4chster N\u00e4he. Bisher beziehe man etwa die f\u00fcr die Produktion der Solarmodule n\u00f6tigen Prozessgase und Verpackungen aus ganz Deutschland, erz\u00e4hlt Obermeyer. &#8222;Wenn hier in Marzahn ein Solar-Cluster entst\u00fcnde, das w\u00e4re super.&#8220;<\/p>\n<p>Kurt Geppert ist wissenschaftlicher Mitarbeiter des Deutschen Instituts f\u00fcr Wirtschaftsforschung (DIW) und Autor einer Studie \u00fcber das wirtschaftliche Potenzial Berlins. &#8222;Eine F\u00f6rderung nach Kompetenzfeldern statt nach dem Gie\u00dfkannen-Prinzip ist genau richtig&#8220;, sagt er. Demnach ist Marzahn mit seiner Clean-Tech-Spezialisierung auf dem richtigen Weg. Geppert warnt aber vor \u00fcberzogenen Erwartungen, was die Entwicklungsm\u00f6glichkeiten der Stadt angehe: &#8222;Industrie als wirtschaftliche Basis ist wichtig. Aber sie muss standortgerecht sein, und in einer Gro\u00dfstadt wie Berlin werden Dienstleistungen immer der Schwerpunkt bleiben.&#8220;<\/p>\n<p>Wer glaubt, aus Berlin k\u00f6nne mit Hilfe des Masterplans noch einmal ein &#8222;Elektropolis&#8220; werden, liegt also falsch. Eine kreative Metropole mit angeschlossenem Clean-Tech-Standort ist dagegen durchaus denkbar.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Berlin will wieder Produktionsstandort werden. Dabei setzt es auf die Verzahnung von Forschung und Fertigung. Im Bezirk Marzahn bekommen jetzt Firmen der &#8222;Clean Tech&#8220;-Branche einen eigenen Industriepark. Eine Stadt zwischen Elekropolis und Dienstleistungsw\u00fcste. (taz vom 12. Januar 2011)<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[5],"tags":[],"class_list":["post-1475","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-texte"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1475","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1475"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1475\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2697,"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1475\/revisions\/2697"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1475"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1475"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1475"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}