{"id":141,"date":"2010-05-03T12:25:47","date_gmt":"2010-05-03T10:25:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.juliane-wiedemeier.de\/?p=141"},"modified":"2010-05-03T22:12:49","modified_gmt":"2010-05-03T20:12:49","slug":"nazifrei-und-spas-dabei","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/?p=141","title":{"rendered":"Nazifrei und Spa\u00df dabei"},"content":{"rendered":"<p>Am Wochenende ist hier nichts passiert, am Wochenende musste ich gegen Nazis demonstrieren. Die hatten sich n\u00e4mlich \u00fcberlegt, dass meine Stra\u00dfe breit, gerade und damit sichtachsig genug w\u00e4re, um mal wieder einen kleinen Aufmarsch zu proben, und da ich das f\u00fcr keine so gute Idee hielt, habe ich mich auf die Stra\u00dfe gestellt und den Weg versperrt.<\/p>\n<p>Gut. Ich war dabei nicht alleine. Es waren auch ziemlich viele andere Menschen unterwegs, was mich fast ein wenig gewundert hat, denn der klassische Prenzlauer Berger f\u00e4hrt an so einem Samstag ja eigentlich lieber mit seinem SUV in den Biomarkt statt den ganzen Tag auf der Stra\u00dfe zu stehen und auf Nazis zu warten. Vermutlich hatte ihn ein schlauer Mensch unter Vort\u00e4uschung falscher Tatsachen, etwa einer Spielplatzer\u00f6ffnung, nach drau\u00dfen gelockt. Oder mit der Aussicht auf Brunch, denn damit kann man die Massen hier definitiv mobilisieren.<\/p>\n<p>So standen wir also, warteten auf die Nazis und erfreuten uns dabei an dem Begleitprogramm, dass der Schwarze Block so nett war vorzubereiten. Aus seinem gro\u00dfen Repertoire standen an diesem Nachmittag &#8222;Blockadenbau aus Dixi-Klos&#8220;, &#8222;Flaschenwerfen f\u00fcr Anf\u00e4nger&#8220; und der Dauerbrenner &#8222;Burn, Altkleidercontainer, burn&#8220; auf dem Programm. F\u00fcr Musik sorgte die bilinguale Rapp-AG des K\u00e4the-Kollwitz-Gymnasiums; das leibliche Wohl war Sache der Greifbar, die gleich nach Eintreffen der ersten Demonstranten ihre Verrammelung lockerte und spontan auf die Bed\u00fcrfnisse der Anwesenden einzugehen wusste. So warb man auf dem Zettel an der T\u00fcr zun\u00e4chst f\u00fcr &#8222;Gin Tonic 5,40 Euro&#8220;, dann f\u00fcr &#8222;WC&#8220;, bald darauf &#8222;WC 50 Cent&#8220; und letztendlich f\u00fcr &#8222;Bier. WC 50 Cent&#8220;.<\/p>\n<p>Eher unangenehm fielen dagegen die Wortbeitr\u00e4ge der Veranstalter auf, die glaubten, eine Demonstration verliefe nach dem Amazon-Prinzip: Menschen, die sich gegen Nazis engagieren, interessieren sich auch f\u00fcr Antikapitalismus, Anarchismus, Antifaschismus, Maoismus, Feminismus, Islamismus, Globalisierungskritikismus (und wer nun den Witz lesen m\u00f6chte: Und Apfelmus &#8211; Raus!). Ich pers\u00f6nlich f\u00fchle mich einfach nicht so wohl, wenn ich nicht mehr ganz sicher bin, ob ich noch gegen Nazis oder schon f\u00fcr Trotzkismus protestiere.<\/p>\n<p>Fantastisch war dagegen der Auftritt von Hans-Christian Str\u00f6bele, der sich in Berlin nicht mit Namen vorzustellen braucht. Statt dessen erkennt man seine Durchsagen an der Einleitungsformel &#8222;Ich bin grad durch den Prenzlauer Berg geradelt&#8230;.&#8220; &#8211; denn auch wenn die halbe Stadt abgesperrt ist und die Barrikaden brennen, ist Hans-Christian mit dem Radel da.<\/p>\n<p>Er war es auch, der uns die frohe Botschaft brachte, dass die Nazis gr\u00f6\u00dftenteils gar nicht erst den Weg zu ihrer Demo gefunden hatten, sondern versehentlich am Kudamm ausgestiegen waren. Ein Problem, dass Touristen hier \u00f6fter haben und dem man eigentlich mit der Abkoppelung des Bahnhof Zoo vom ICE-Verkehr entgegenwirken wollte. So konnte die Polizei die Nazis bequem im Westen festsetzen, und diejenigen, die doch bis zu ihrem Treffpunkt an der Bornholmer Stra\u00dfe kamen, durften auch hier nur 800 Meter weit laufen, weil dar\u00fcber hinaus die Route mit Gegendemonstranten verstopft war.<\/p>\n<p>F\u00fcr diese Kurzstrecke haben die Nazis allerdings \u00fcber f\u00fcnf Stunden gebraucht &#8211; offensichtlich sind sie nicht nur in Politik dumm, in Geographie orientierungslos, in Englisch sprachlos und in Bio unbelehrbar geblieben, sondern waren sogar im Sportunterricht v\u00f6llige Nieten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am Wochenende ist hier nichts passiert, am Wochenende musste ich gegen Nazis demonstrieren. 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