{"id":1255,"date":"2010-11-01T19:07:41","date_gmt":"2010-11-01T18:07:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.juliane-wiedemeier.de\/?p=1255"},"modified":"2010-11-01T19:57:45","modified_gmt":"2010-11-01T18:57:45","slug":"die-mauer-muss-weg-dabei-ist-sie-noch-gut","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.juliane-schader.de\/?p=1255","title":{"rendered":"Just a little bit of history repeating"},"content":{"rendered":"<p>Ich f\u00fcrchte, ich werde alt. Was man vor allem an der Tatsache festmachen kann, dass ich den gestrigen Nachmittag nicht mit dem gekonnten Drapieren von Kunstblut und Einwegeiter verbrachte, sondern auf einer F\u00fchrung durch die Mauergedenkst\u00e4tte an der Bernauer Stra\u00dfe. Call me Bildungsb\u00fcrgertum, und ja, ein wenig sch\u00e4me ich mich daf\u00fcr.<\/p>\n<p>Nun ist es so, dass ich einen Geschichtslehrervater habe, und einen Gro\u00dfteil meiner kindlichen Ferien damit verbrachte, Prager Botschaften, Warschauer Ghettos, und die Gr\u00e4ber ungarischer Dissidenten mit <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Imre_Nagy\" target=\"_blank\">unaussprechlichen Namen<\/a> zu besuchen. W\u00e4hrend alle ans Mittelmeer fuhren, waren wir auf dem Transit nach Ost-Berlin unterwegs, und als es einmal doch an die franz\u00f6sische Atlantikk\u00fcste ging, dann nur, um in Arromanches-les-Bains die Beton-Pontons zu besichtigen, die die Alliierten nach der Invasion 1944 am Strand liegen gelassen hatten.<\/p>\n<p>Womit ich sagen will: F\u00fcr eine F\u00fchrung, die mit den S\u00e4tzen beginnt: &#8222;Ich wei\u00df nicht, ob Sie es wussten, aber einst war Berlin in zwei Teile geteilt&#8220; bin ich nicht die richtige Zielgruppe. Aber vermutlich auch sonst niemand, der die vergangenen Jahre nicht in einem Erdloch verbrachte. Oder in Bayern.<\/p>\n<p>Nun war es so, dass der F\u00fchrungsleiter, wie ich ihn aus Gr\u00fcnden der politischen Korrektheit nennen m\u00f6chte, nicht nur eine Vorliebe f\u00fcr Informationen aus dem Fachgebiet Allgemeinwissen hatte, sondern dazu noch einen Sprachfehler sowie eine demonstrativ zur Schau gestellte Genervtheit sein Eigen nannte. Die, wie ich dank seines Namensschildes sp\u00e4ter ergooglen konnte, wohl auf seinem Dasein als verkappter K\u00fcnstler beruht. Sein Spezialgebiet sind die Darstellung von \u00fcberdimensionalen Essiggurken neben Berliner Wahrzeichen sowie Stilleben aus Suppengem\u00fcse und Kuscheltieren.<\/p>\n<p>Ja, ich w\u00fcrde das jetzt gerne verlinken, aber dann w\u00e4re ich endg\u00fcltig ein schlechter Mensch.<\/p>\n<p>Kein Wunder also, dass er sich von seiner T\u00e4tigkeit, sieben sonnt\u00e4glich gestimmte Berliner \u00fcber Selbstschussanlagen aufzukl\u00e4ren, unterfordert f\u00fchlte. Wobei mir auff\u00e4llt, dass die gar kein Thema waren. Statt dessen erfuhr ich in mantrahafter Wiederholung, dass die Mauer einfach so pl\u00f6tzlich eine Stadt in zwei Teile teilte, und &#8211; immerhin das war ein Erkenntnisgewinn &#8211; in ihrer gefallenen Endfassung aus dem Jahr 1980 stammte. &#8222;Sie wurde abgerissen, dabei war sie eigentlich noch gut&#8220;, so der K\u00fcnstler. Man h\u00e4tte sie also im Sinne der Nachhaltigkeit ruhig nach Israel verschicken und in Jerusalem recyclen k\u00f6nnen. Wenn sich mit dem Kapitalismus nicht auch die Wegwerfgesellschaft durchgesetzt h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Dazugelernt habe ich an dem Nachmittag dennoch. Dank der Stuttgarter Reisegruppe, die kurz vor uns auf Besichtigungstour des erhaltenen Mauerstreifens geschickt wurde. Und die sich unterteilte in Menschen mit &#8222;I heart S21&#8220;- und in Menschen mit &#8222;Oben bleiben&#8220;-Button. Viele Berlin-Besucher w\u00e4ren wohl auch froh, wenn wir uns ebenso offensichtlich als &#8222;Ost-Berlin&#8220;, &#8222;West-Berlin&#8220; und &#8222;Aus Schwaben zugezogen&#8220; kennzeichneten. Aber was mich eigentlich faszinierte, war die Dichte an beigen Trenchcoats, Cordjackets und akkurat geb\u00fcgelten Jeans zu frisch geputzten Segelschuhen. Auch wenn sie offensichtlich politisch nicht auf einer Wellenl\u00e4nge lagen, so war ihnen das von au\u00dfen eben nicht anzusehen &#8211; eine in Berlin undenkbare Homogenit\u00e4t. Wir sind die wiedervereinigten Individualisten. Die Stuttgarter Bildungsb\u00fcrger in Uniform.<\/p>\n<p>Falls sie in den n\u00e4chsten Wochen dennoch Bedarf an einer Mauer haben sollten &#8211; noch stehen hier ein paar Teile rum. Die durchaus noch gut sind, wie wir nun wissen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich f\u00fcrchte, ich werde alt. Was man vor allem an der Tatsache festmachen kann, dass ich den gestrigen Nachmittag nicht mit dem gekonnten Drapieren von Kunstblut und Einwegeiter verbrachte, sondern auf einer F\u00fchrung durch die Mauergedenkst\u00e4tte an der Bernauer Stra\u00dfe. Call me Bildungsb\u00fcrgertum, und ja, ein wenig sch\u00e4me ich mich daf\u00fcr. 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